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Göttingen Bio-Honig vom konventionellen Rapsfeld
Die Region Göttingen Bio-Honig vom konventionellen Rapsfeld
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00:20 14.05.2019
Team Teichmann mit Imker Beyer (rechts) am Rapsfeld. Kleines Foto: Beyers Bienenkästen in Bio-Qualität. Quelle: Fotos: Hinzmann
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Ballenhausen

Es summt und brummt auf den Rapsfeldern von Gerhard Teichmann. Es sind die Bienen von Gunter Beyer, die dort Honig sammeln. Der Berufsimker aus Witzenhausen produziert Bio-Honig im großen Stil. Teichmanns Felder werden konventionell bearbeitet, also auch mit Pflanzenschutzmitteln behandelt. Trotzdem erfüllt der Honig, den die Bienen dort sammeln, die Kriterien des Vereins Bioland.

Bio-Imker Gunter Beyer. Quelle: Christina Hinzmann

Ein Bio-Imker und ein konventioneller Landwirt arbeiten Hand in Hand. Heute ist das kein Widerspruch mehr. „Das erfolgreiche Miteinander lebt davon, dass wir unser Wissen austauschen”, erklärt Beyer. „Da hat sich in den vergangenen Jahren viel geändert”, sagt der Imker. Einige seiner rund 500 Bienenvölker stehen direkt am Rand von Teichmanns Rapsfeldern. Den konventionellen Acker und die Bienenkästen trennt nur ein Feldweg. „Rapsanbau funktioniert ohne Pestizide nicht”, sagt auch Achim Hübner vom Landvolk Göttingen. Bioraps, den gebe es in Deutschland so gut wie nicht. „Wir haben vor etwa zwei Wochen das letzte Mal gespritzt”, erklärt Teichmann. Beyers Bienen habe das kaum gestört. Denn: Teichmann ist erst abends auf seinen Acker gefahren. „Dann fliegen die Bienen nicht”. Honigbienen sind bei gutem Wetter etwa von 8 bis 21 Uhr unterwegs.

Landwirt Gerhard Teichmann. Quelle: Christina Hinzmann

Wie der Ballenhäuser Landwirt erklärt, so fährt er meistens viermal im Jahr raus, um Pflanzenschutzmittel auf einem Acker für den Raps auszubringen. Die Ölfrucht ist anfällig für Schädlinge. Zuvor wird genau analysiert, wie viele Schädlinge – beispielsweise Rapsglanzkäfer – im Bestand stecken. Wird eine definierte Grenze überschritten, handelt der Landwirt. „Hier mussten wir nur 20 Prozent des Bestands spritzen“, sagt Teichmann. Pflanzenschutzmittel werden gespritzt, damit der Raps gedeihen kann. Ohne Bienen gedeiht er aber auch nicht. Imker und Landwirt profitieren voneinander.

Der Raps ist in der Region Südniedersachsen zurzeit die Hauptnahrung der Honigbienen. Beyer schätzt, dass bis zu 50 Prozent der Honigernte wegfallen würde, gäbe es keinen Raps. „In der Gegend um Witzenhausen sieht das anders aus, dort ist Obstblütenland”, sagt er. Im Norden liege der Rapsanteil noch höher, bis zu 80 Prozent des Honigs resultieren aus dem Raps.

Bienenstöcke an den Rapsfeldern. Quelle: Christina Hinzmann

Dass unbelasteter Honig direkt neben dem Acker geerntete werden kann, dafür sorgt Teichmann auch mit seiner Art zu wirtschaften. Zum einen hält er sich an alle Vorschriften und benutzt ausschließlich die zugelassenen Mittel. Von B1 bis B4 reicht die Klassifizierung der Mittel, B4 gilt als besonders bienenfreundlich. Chemie bleibt es dennoch. Wesentlich aber ist die Uhrzeit. Über Top und Flop in der Honigernte entscheiden dabei wenige Stunden. „Spritzt der Landwirt mittags bei Sonnenschein in die Vollblüte, dann ist der Honig stark belastet”, sagt Beyer. Sein Honig wird in Labors beprobt – freiwillig. „Ich arbeite mit einem strengen Großhändler zusammen”, so der Witzenhäuser. Und nur weil er als professioneller Bio-Imker eine große Menge Honig produziert, kann er sich die vergleichsweise teuren Analysen leisten. „Was im Honig von manch kleinem Imker steckt, weiß niemand”, sagt er. Die Produkte würden meist nicht analysiert.

Teichmanns Schlepper. Quelle: Christina Hinzmann

Spritzt der Bauer am Mittag, dann schleppt die Biene die Schadstoffe in den Stock, der Honig ist kontaminiert, die Tiere aber überleben, zumindest bei geringen Schadstoffklassen. Seit etwa sechs Jahren stehen Beyers Völker im Bereich der niedersächsisch-hessischen Landesgrenze. Früher sei er auch im benachbarten Osten unterwegs gewesen. Dort habe er auch schlechte Erfahrungen gemacht: beispielsweise mit Bauern, die trotz Absprachen mitten am Tag dafür nicht zugelassene starke Chemikalien ausbrachten. Die Bienen sterben und der Honig ist kontaminiert. Beyer musste schon tonnenweise Honig vernichten.

„Niemand kann kontrollieren wohin die Bienen fliegen“, sagt Hübner. Die Auflagen dafür, dass der Honig das Bio-Label tragen darf, betreffen deshalb vor allem die Haltung. Beyer darf beispielsweise seine Tiere nicht mit bestimmten Medikamenten behandeln und die Kästen nur aus geeigneten Materialien bauen.

Im Dunkeln spritzen: gut für Bienen

Teichmann und Beyer lernen voneinander. Auch wenn es für den Bauern ein größerer Aufwand sei, in der Dämmerung oder im Dunkeln rauszufahren, Teichmann macht das für guten Raps gerne. „Manchmal denken die Bürger dann, wir machen etwas Illegales im Dunkeln, dabei ist genau das Gegenteil der Fall”, sagt der Ballenhäuser Landwirt. „Und Glyphosat hat damit nichts zu tun, das wird nicht in die Blüte gespritzt”, fügt er hinzu.

Die Diskussion um Pestizide, Herbizide und Fungizide wird auf allen Seiten oft erbittert geführt. Einfach sind die Fragen nicht zu beantworten. Beyer hofft, noch viele weitere Landwirte in der Region für sich und seine Bienen gewinnen zu können. Das Unwissen auf beiden Seiten, bei Imkern und Landwirten, gelte es zu überwinden. „Ich kenne mich nicht mit Bienen aus, er sich nicht mit Raps”, sagt Teichmann mit Blick zum Imker. In den vergangenen Jahren habe sich immerhin schon viel getan, meinen beide Fachleute. Beyer: „Man muss es nur wollen.“

Interview mit Prof. Catrin Westphal

Raps als Nahrungslieferant

Bienenschutz und Bienensterben – Themen, die in den vergangenen Jahren mehr und mehr diskutiert werden. Prof. Catrin Westphal vom Zentrum für Biodiversität und nachhaltige Landnutzung der Universität Göttingen beschäftigt sich wissenschaftlich mit den Tieren.

Prof. Catrin Westphal Quelle: pug

Bienensterben ist in den vergangenen Jahren zu einem großen Thema geworden - bis hin zu einem Volksbegehren in Bayern. Wie geht es der deutschen Honigbiene heute?

Zur Zeit werden die Themen globales Artensterben, Insektensterben und Bienensterben breit in der Öffentlichkeit diskutiert. Dabei sollte insbesondere bei dem Begriff Bienensterben genauer spezifiziert werden welche Bienen gemeint sind. Das Volksbegehren in Bayern hat zwar den Slogan „Rettet die Bienen!“ verwendet, zielt aber auf den Schutz der Artenvielfalt der Flora und Fauna in Bayern ab. Die Honigbienenbestände werden in Deutschland maßgeblich durch die Imker bestimmt, die die Honigbienen als Nutztiere halten. Seit einigen Jahren nimmt die Zahl der Imker in Deutschland stetig zu. Mittlerweile ist es hip Honigbienen zu halten und dieser Trend des urban beekeeping weitet sich insbesondere auch in Großstädten aus.

 

Was ist die Hauptursache fürs Bienensterben?

Vergangenen Montag wurde der Bericht der Konferenz des Weltbiodiversitätsrats (IPBES) von allen 132 Mitgliedstaaten unterzeichnet. In dem Bericht werden die Verluste von natürlichen Lebensräumen und die Veränderung und Intensivierung der Landnutzung als wesentliche Ursachen des globalen Artensterbens genannt, die sich auch auf die Honigbienen negativ auswirken. Wie auch wilde Bienen, benötigen die domestizierten Honigbienen ausreichend Nahrung, um starke und gesunde Völker aufzubauen. Nektar als Energielieferant und Pollen als Eiweißnahrung wird von in blühenden Kulturpflanzen wie Raps und Obstbäumen und vor allem auch von Blütenpflanzen in den naturnahen Lebensräumen zur Verfügung gestellt. Verschwinden nun die Blütenpflanzen aus unseren intensiv genutzten Agrarlandschaften, haben auch Honigbienen nicht genügend Nahrung. Die Folgen sind kleine schwache Völker, die besonders anfällig für Krankheiten sind, die auch von den Varroamilben übertragen werden. Neben der Nahrungsknappheit, die insbesondere nach der Massentracht im Frühjahr auftritt, stellen die Varroamilben eine wesentliche Bedrohung für die Vitalität der Honigbienenvölker dar.

Welche Maßnahmen der Landwirte können der Biene helfen, welche schaden ihr?

Da die Honigbienen und Wildbienen bis in den Herbst hinein ausreichend Nektar und Pollen benötigen, ist die Anlage von Blühflächen oder –streifen sinnvoll. Dabei sollten möglichst viele verschiedene Trachtpflanzen, Blütenpflanzen, die Nektar und oder Pollen liefern und abwechselnd über einen langen Zeitraum blühen, angesät werden, die. Es sollten möglichst regional vorkommende Pflanzenarten für die Blühstreifen verwendet werden, sodass sie auch von anderen wildlebenden Insekten genutzt werden. Studien konnten zudem zeigen, dass eine Versorgung mit verschiedenen Pollentypen sich positiv auf die Gesundheit von Hummeln und Honigbienen auswirkt. Wichtig ist auch die sachgemäße Anwendung von Pflanzenschutzmitteln.

Was kann jeder Landwirt tun, um es der Biene gut gehen zu lassen?

Möglichst nicht alle ungenutzten Ackerrandstreifen gleichzeitig mähen und für mehr Blütenangebot in den Flächen sorgen.

Raps ist ja derzeit die Hauptnahrungsquelle für Bienen in der Region, gibt es Alternativen dazu?

Neben Raps sind Obstbäume und Linden wichtige Trachtquellen. Natürlich ist der Erhalt und die Förderung von naturnahen Lebensräumen auch von zentraler Bedeutung.

Mehr zum Thema:

> Das Volk liebt Bienen

> Wir Menschen machen uns immer breiter

> Das Massensterben der Bienen

> Insektensterben in der Region

Rückstände möglich

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat 2016 Honige in Hinblick auf Pflanzenschutzmittel bewertet. Ein größerer Anteil der untersuchten Proben enthielt anteilig Honig aus Raps. Rapsflächen machen laut BfR einen bedeutenden Anteil der Ackerflächen aus. „Sofern Anwendungen von Thiacloprid- oder Acetamiprid-haltigen Produkten während der Rapsblüte durchgeführt werden, sind Rückstände in Honig möglich”, so das Ergebnis. Die damals gefundenen Mengen waren aber nicht gesundheitsgefährdend. Wie das Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz mitteilt, werden Honigbienen durch die Bienenschutzverordnung geschützt. Pflanzenschutzmittel der Kategorien B1 und B2 gelten als weitgehend „bienengefährlich”, die der Klasse B3 und 4 nicht. Für bienengefährliche Pflanzenschutzmittel gelten „erhebliche” Auflagen.

Von Britta Bielefeld

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