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Göttingen Biografischer Spaziergang
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00:18 29.11.2017
Heidemarie Frank liest in der Torhaus-Galerie aus ihrem Buch vor. Quelle: Peter Heller
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Göttingen

Frank ist seit vielen Jahren Stadtführerin in Göttingen. Anekdoten und Geschichten über die Bürger der Stadt hat sie in diesen Jahren mit viel Energie gesucht und gefunden. Dieser Schatz, ihre Recherchen sollten unbedingt zu Papier gebracht und erhalten werden, so Norbert Mattern vom Göttinger Verschönerungsverein. Zusammen mit dem Verlag Vandenhoeck & Ruprecht wurde das Buch „Der Göttinger Stadtfriedhof. Ein biografischer Spaziergang“ nun realisiert.

Anhand ausgewählter Gräber gibt die Autorin Einblicke in das Leben zahlreicher Göttinger und schildert nicht nur ihre Beziehungen zu Göttingen, sondern auch ihre oft engen Verbindungen zueinander. Zur „Pflichtlektüre für Wissenschaftler, die nach Göttingen kommen“ würde die Präsidentin der Universität, Prof. Ulrike Beisiegel, den Band am liebsten machen. So viel über das Leben der Wissenschaftler könne der Leser hier erfahren, sagte Beisiegel in ihrem Grußwort bei der Buchpräsentation. Mit ihren Forschungen hätten viele der Göttinger Wissenschaftler die Gesellschaft verändert oder Wissenschaftsgeschichte geschrieben. Dieses Buch gebe die Möglichkeit, den Menschen hinter dem Forscher kennenzulernen. Der Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft sei ihr immens wichtig. Deswegen wäre es schön, wenn Teile der Geschichten, die Frank ausgegraben hat, ihren Platz auch im Forum Wissen finden könnten, so Beisiegel.

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„Dass das, was ich damals angefangen habe, mal zu einem Buch führen würde“, habe sie nicht erwartet, erzählte Frank. Für ihre Lesung habe sie sich zwei Personen ausgesucht, die nicht gleich jedem bekannt sind. Ludwig Prandtl und Jakob Henle. Prandtl, Strömungsforscher und Vater der Aeronomie, verbrachte vor seiner Göttinger Zeit von 1902 an drei Jahre in Hannover. Frank hat einen Brief aufgespürt, in dem sich der Süddeutsche über die Kochkunst der Frauen im Norden äußert. Er habe immer noch im Sinn eine Frau zu heiraten, die ihm Klöße und Nockerln machen würde und nicht etwa Gelüste habe, Rosinen in den Spinat zu tun, schreibt er. Als er ab 1904 in Göttingen ist, lobt er, dass man überall die Natur so nah hat. Prandl soll nach Kaffeetafeln gern mit dem Geschirr experimentiert und dabei oft Schaden angerichtet haben, berichtete Frank. In der Nazizeit habe der Wissenschaftler sich in den Streit zwischen arischer und theoretischer, der damals jüdisch genannten, Physik eingeschaltet und die theoretische Physik und beispielsweise Einstein verteidigt.

Der Mediziner Jakob Henle wurde 1852 Leiter des Göttinger Anatomischen Instituts und lebte und lehrte in Göttingen bis zu seinem Tod 1885. Die Kollegen seien alle so gelehrt in Göttingen, habe er in einem Brief geschrieben. Er hoffe genauso zu werden, weil man in Göttingen zu nichts anderem Gelegenheit habe. Von ihm hat Frank viel Interessantes über seine erste Frau Elise zusammengetragen. Elise Egloff war eine Schweizer Näherin, die er mit einem „Bildungsexperiment“ zu einer für die bürgerliche Gesellschaft akzeptablen Braut machte. Elise Egloff sei Vorbild gewesen für Berthold Auerbachs Buch „Die Frau Professor“ und für die Novelle „Regine“ von Gottfried Keller und wahrscheinlich auch für George Bernard Shaws Elisa Doolittle.

Heidemarie Frank: Der Göttinger Stadtfriedhof. Ein biografischer Spaziergang. Vandenhoeck & Ruprecht, 224 Seiten mit 23 Abbildungen und einer Karte, 15 Euro, als E-Book 11,99 Euro.

Von Christiane Böhm

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