Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Göttingen „Blutproben müssten vertauscht werden“
Die Region Göttingen „Blutproben müssten vertauscht werden“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:52 13.06.2012
Göttingen

Erklären Sie uns bitte die Vergabe von Spenderorganen nach der Euro-Transplant-Warteliste.

Ralf Werner

Die Regularien sind im Transplantationsgesetz und von der Bundesärztekammer festgelegt. Ist ein Patient auf die Warteliste gemeldet, werden seine Daten an Eurotransplant übermittelt und anonymisiert gespeichert. Ist irgendwo auf einer Intensivstation ein Organspender verstorben, werden seine Daten ebenso bei Eurotransplant anonymisiert. Ein Computer ermittelt die zueinander passenden Patienten und Organe. Erst danach kann ermittelt werden, welcher der rund 20 000 wartenden Patienten  es ist, der für das Organ passt.

Haben Ärzte Möglichkeiten, im Scoring Einfluss zu nehmen?

Das Scoring bezieht sich nur auf Lebertransplantationen. Der Score beinhaltet drei Labor-Parameter, aus denen sich ergibt, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass der Patient ohne neue Leber bald stirbt. Aus diesen drei Faktoren bildet der Computer einen Punktewert. Je schlechter die Daten sind, umso größer ist die Dringlichkeit einer Transplantation. An dieser Stelle kann ein Arzt eigentlich keinen Einfluss nehmen, es sei denn, es wird bewusst Einfluss genommen, etwa, indem Blutproben vertauscht werden.

Kann es Akutsituationen geben, die schneller zu einem neuen Organ verhelfen?

Ja, dann, wenn ein Patient auf die höchste Dringlichkeitsstufe gesetzt werden muss, weil es ihm so schlecht geht. Diese Patienten bekommen einen Sonderstatus bei Eurotransplant.

Wie wird überwacht, dass es nicht zum Missbrauch kommt?

Diese Dringlichkeit kann nicht vorgetäuscht werden, weil wir alle klinischen und Laborergebnisse übermitteln müssen. Diese werden sofort kritisch überprüft. Auch hier müssten schon Blutproben bewusst vertauscht werden.

Wie passen nichteuropäische Patienten in dieses System?

Auch da sind die Regularien eindeutig. Mit Eurotransplant ist geregelt, wie viele ausländische Patienten auf die Warteliste genommen werden dürfen. Die Anzahl richtet sich nach den Transplantationen des Vorjahres. In Göttingen waren das 33 Lebertransplantationen im Jahr 2011, also lediglich zwei außereuropäische Patienten in diesem Jahr.

Gibt es Schwierigkeiten bei Lebend-Organspenden?

Keine. Jeder einzelne Fall wird vor einer Ethikkommission erörtert. Das Transplantationsgesetz sagt eindeutig: Hat man auch nur den geringsten Verdacht, dass nicht altruistische Gründe zur Organspende führen, darf man nicht operieren.

Können Sie bei ausländischen Patienten wirklich sicher sein, dass der Spender sein Organ nicht verkauft?

Das Gesagte gilt für Ausländer auch. Können wir mit ihnen nicht kommunizieren oder können diese nicht lückenlos ihr Verwandtschaftsverhältnis dokumentieren, ist es aus. Es können nur Verwandte bis zum dritten Grad oder Spender mit besonderer emotionaler Nähe, also Lebenspartner, Spender sein.

Von Jürgen Gückel