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Göttingen Bombenentschärfung: 1400 Firmen bleiben am Sonnabend in Göttingen geschlossen
Die Region Göttingen Bombenentschärfung: 1400 Firmen bleiben am Sonnabend in Göttingen geschlossen
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19:32 09.10.2019
Am Sonnabend soll auf dem Schützenanger eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft werden. Quelle: Pförtner
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Göttingen

Das Aluminiumwerk Novelis und das Cinemaxx, Pizzalieferdienste, Bäckereifilialen und Tankstellen – 1400 Firmen in Göttingen schließen am Sonnabend wegen der geplanten Bombenentschärfung ihre Türen.

„Bei uns ruht die Produktion von Sonnabend 6 Uhr bis Sonntag 6 Uhr“, sagt Svenja Feist, die Pressesprecherin des Novelis-Werks Am Güterverkehrszentrum 12. Den Produktionsausfall wollten sie durch Mehrarbeit an anderen Tagen auffangen. Das erlaube die Taktung der Schichten. Auf dieses Vorgehen hätte sich Werksleiter Bernd Blumenberg mit dem Betriebsrat verständigt. Gut 620 Mitarbeiter seien in Göttingen für Novelis tätig.

Unternehmen beklagen Umsatzeinbrüche

Andere Unternehmen können ihre Einbußen nicht so einfach wettmachen. „Unserer Filiale am Maschmühlenweg 81 bricht ein voller Umsatztag weg“, sagt Ilna Steinberg, die Prokuristin der Bäckerei Thiele. Wer sich sonnabends aus den Orten nördlich von Göttingen auf den Weg in die Innenstadt mache, stoppe oft in ihrer Filiale. Morgens frühstückten dort Familien. Andere Kunden kehrten nachmittags auf dem Rückweg aus der Stadt bei Thiele ein.

„Ich hoffe, dass wir Sonnabend um 18 Uhr wieder aufmachen können“, sagt Yannick Knöfler, der Betriebsleiter des Pizzalieferdienstes Domino’s Göttingen-West. Anderenfalls erleide seine Firma, die ihren Sitz an der Königsallee 72 habe, einen materiellen Schaden von 500 bis 1000 Euro. So viel kosteten der bereitgestellte Teig und die Frischwaren, die dann entsorgt werden müssten. Der Sonnabend sei mit 2500 Euro ihr umsatzstärkster Wochentag. Auch einen Imageschaden seiner Firma, die sonst nur Heiligabend geschlossen hat, befürchtet er. Knöfler: „Nur zehn Prozent unserer Kunden leben im Evakuierungsgebiet.“ Viele bekämen deshalb den Grund der Schließung gar nicht mit.

Cinemaxx öffnet erst um 19 Uhr

Das Cinemaxx an der Bahnhofsallee 3 ist am Sonnabend von 7 bis 18 Uhr geschlossen, teilt Pressesprecherin Ingrid Breul-Husar mit. Der Preis online gekaufter Tickets werde über ihr Service-Center automatisch erstattet. An der Kinokasse gekaufte Karten ließen sich umtauschen. Alle Vorstellungen ab 19 Uhr sollten wie geplant stattfinden. Die Tickets könnten jedoch nur reserviert, nicht vorab gekauft werden.

„Unsere größte Sorge ist ein Stromausfall“, sagt Peter Bruchmüller, Vorstand der GoeSys AG. Sein IT-Unternehmen werde daher alle Rechner in den Firmenräumen am Maschmühlenweg 81 herunterfahren. Die auf den Computern gespeicherten Daten, etwa zehn Terrabytes, seien in einem Rechenzentrum in Deutschland „komplett gespiegelt“. Sie könnten daher selbst bei einer Zerstörung des Gebäudes nicht verloren gehen.

Jet-Tankstelle sichert Zapfsäulen

Die technischen Einrichtungen – insbesondere die Zapfsäulen – schaltet Christian Wrzos von der Jet-Tankstelle am Maschmühlenweg 121 am Sonnabend ab. Er steht mit den zuständigen Behörden und der Jet-Zentrale in Hamburg im Austausch. Die Wiedereröffnung der Tankstelle kann innerhalb von einer Stunde nach Freigabe des Geländes erfolgen.

Keine Grund für eine zusätzliche Sicherung des gelagerten Heizöls und des Gases sieht Ernst Andreas Tölle. Er führt die Firma Tölle Gas und Brennstoffe am Maschmühlenweg 38 in vierter Generation. Schutz biete das vierstöckige Gebäude der Bahn, das zwischen seiner Firma und dem Schützenplatz liegt, sagt der Chef von acht Mitarbeitern.

Am Schützenplatz werden Wasser und Gas abgestellt

„Wir stellen das Wasser und Gas im Bereich des Schützenplatzes ab“, sagt Claudia Weitemeyer, die Pressesprecherin der Stadtwerke Göttingen. Für den Betrieb der Netzleitwarte, die das Wasser- und Gasnetz überwache, hätten sie für Sonnabend eine Ausnahmegenehmigung. Der Bereitschaftsdienst parke seine Fahrzeuge außerhalb der Evakuierungszone.

Schon mehrfach betroffen: Hotel Schiffer

„Nicht schon wieder“, stöhnt Artur Schiffer vom Göttinger Hotel Schiffer an der Königsallee 28b. Bereits mehrmals hat er in den vergangenen 25 Jahren Bombenentschäfungen auf dem Schützenplatz miterlebt – erst als Anwohner, seit 2007 als Hotelmitarbeiter. Das Hotel seiner Mutter liegt in der Zone, die am Sonnabend während der geplanten Beseitigung der mutmaßlichen Weltkriegsbombe evakuiert werden müssen. „Zum Glück haben wir derzeit nur einige wenige Gäste“, sagt Schiffer. Diese könnten in der Zeit von 7 bis 18 Uhr nicht im Hotel sein. Schiffer hofft, dass die Gäste die Nacht im Hotel verbringen können. Sollte sich die Entschäfung der Bombe hinziehen, müssten sie Ersatzzimmer besorgen. Sie ständen in der Pflicht. Viele Buchungen kämen über Booking-Seiten im Internet zustande. Da hätten sie zum Beispiel bei Überbuchungen die Kosten für ein anderes Hotelzimmer zu tragen.

Angst vor einer Explosion hat Schiffer nicht. „Als 2010 eine Fliegerbombe auf dem Schützenplatz beim Entschärfen in die Luft ging und drei Menschen starben, haben wir davon in der Königsallee außer dem Knall nichts mitbekommen“, sagt er.

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