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Göttingen Erinnerungen an die tödliche Bomben-Tragödie von 2010 in Göttingen
Die Region Göttingen Erinnerungen an die tödliche Bomben-Tragödie von 2010 in Göttingen
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14:00 10.10.2019
Schützenplatz in Göttingen: Die Stelle, an der zuvor während einer Bombenentschärfung der Sprengsatz explodierte. Quelle: dpa
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Göttingen

Die Göttinger, die am Abend des 1. Juni 2010 einen lauten Knall über der Stadt hörten, werden diesen Tag wohl nie vergessen. Auf dem Schützenplatz war eine Fliegerbombe detoniert, drei Männer vom Kampfmittelbesitigungsdienst (KBD) kamen bei dem Unglück ums Leben. Eine Tragödie, die sich in das kollektive Gedächtnis einer Stadt brannte.

Detlef Johannson war damals als Pressesprecher der Stadtverwaltung für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Ein erfahrener Mann, der schon viele Evakuierungen und Bombenräumungen in der Stadt begleitet hatte. „Wir waren alle in Schockstarre” erinnert er sich.

ID 2012-01-392 Detelf Johannson. Quelle: Christina Hinzmann

Ungewöhnlich sei es nicht, dass in Göttingen Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg im Boden gefunden und unschädlich gemacht werden müssen. Etwa eine Wochen vor dem Unglück habe es bereits eine Evakuierung gegeben. „Damals probierten die Männer vom Kampfmittelräumdienst eine neue Technik aus, die reibungslos funktionierte”, erinnert sich Johannson. Es war der Einsatz eines Wasserschneiders. Die Bürger, die bei beiden Räumungsaktionen im Umkreis von 1000 Metern rund um den Schützenplatz ihre Wohnungen verlassen mussten, hätten beim ersten Mal durchweg Verständnis gezeigt, bei der erneuten Evakuierung sei die Akzeptanz geringer ausgefallen.

Bereits am Mittag war der KBD nach Göttingen gerufen worden: Ein paar Meter neben der am Donnerstag zuvor entschärften Bombe lag eine weitere. Anlass für die Bombenräumungen damals war der Bau der Sparkassenarena. Eine Gedenktafel erinnert dort noch heute an das Ereignis.

„Es war eigentlich ein schöner Frühsommerabend”, sagt Johannson. Der Katastrophenstab, in dem unter anderem mit Rechtsdezernent Hans-Peter Suermann, Feuerwehrchef Martin Schäfer und Thomas Bleicher, Chef des Kampfmittelbeseitigungsdienstes mitarbeiteten, traf sich im Gebäude der Berufsfeuerwehr an der Breslauer Straße. Die Vorbereitungen auf dem Schützenplatz liefen reibungslos, die Evakuierung auch.

Gegen 21.30 Uhr hieß es „Bombe hoch“

Gegen 21.30 Uhr legten Johannson und seine Mitstreiter eine Zigarettenpause auf dem Hof der Feuerwache ein. „Dann machte es rums”, so Johannson. „Schäfer sagte sofort, dass das gar nicht gut ist, ich habe die Explosion in dem Moment noch gar nicht realisiert”, sagt der Ex-Pressesprecher. Schäfer sollte recht behalten. Wenig später habe der Krisenstab mit den Mitarbeitern auf dem Schützenplatz gesprochen, die sich weiter entfernt von der Bombe aufgehalten hatten. „Bombe hoch”: Das hätten die Fachleute durchgegeben. Wie sich später heraus stellte, forderte die Detonation drei Menschenleben. Mehrere Beteiligte wurden verletzt.

„Am Anfang war die Lage noch unübersichtlich”, sagt Johannson. Dann habe sich das Ausmaß der Katastrophe abgezeichnet. Bleicher und Schäfer seien sofort losgefahren. Auch Johannson musste nach dem ersten Schocke professionell agieren und auf der Homepage der Stadt darüber informieren, dass sich ein Unfall ereignete hatte. Die Evakuierten konnten ja nicht wie gehofft in ihre Häuser zurückkehren. Der Server der Stadtverwaltung brach zusammen, zu viele Bürgern wollten sich informieren. „Danach standen die Telefone nicht mehr still”, erinnert sich der Pressesprecher.

Untersuchungen an 30 Verdachtspunkten

Die Trauer, die habe er erst später gespürt, als die Schreckstarre und der professionelle Stress einer kurzen Zeit der Besinnung wichen. „Ich habe so um zwei, halb drei der dpa noch ein Audio-Interview gegeben. Dabei musste ich dann mit den Tränen kämpfen”, sagt er. Zwischen professioneller Routine und tiefer Trauer machte Johannson seinen Job. Gegen halb fünf in der Nacht legte er eine kurze Schlafpause ein. Schon für den nächsten Vormittag hatte sich der Innenminister zu einer Pressekonferenz angesagt.

Wie sich später herausstellte, war die Bombe detoniert, noch bevor die drei Experten mit der Entschärfung beginnen konnten – das war für 22.30 Uhr geplant. Die Evakuierung der Umgebung war erst im Umkreis von 300 Metern abgeschlossen. Einige Splitter der 500-Kilo-Bombe schlugen in der Umgebung ein. Mehrere hundert Meter weit seien Bombentrümmer geflogen, an Häusern in der Nachbarschaft wurden Dachziegel beschädigt.

Als Folge aus der Katastrophe hat die Stadtverwaltung im Oktober 2010 die Untersuchung 30 weiterer Punkte veranlasst, an denen Blindgänger hätten liegen können. Grundlage war die Auswertung eines Luftbilder des Alliierten.

Johannson, heute Rentner, musste seine Wohnung auch schon während einer Evakuierung verlassen. Er ist froh, dieses Mal nicht zur Evakuierungszone zu zählen.

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