Bombenentschärfung in Göttingen: Unglück vor 10 Jahren
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Göttingen Unglück vor 10 Jahren: Langzeitzünder bringt drei Menschen um
Die Region Göttingen Unglück vor 10 Jahren: Langzeitzünder bringt drei Menschen um
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21:56 29.05.2020
Feuerwehrleute eilen am 1. Juni 2010 zu der Unglücksstelle auf dem Schützenplatz in Göttingen: Dort kamen drei Menschen ums Leben bei der Explosion einer Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg. Quelle: dpa
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Göttingen

7000 Menschen hatten ihre Wohnungen verlassen, im Umkreis von 1000 Metern um den Fundort auf dem Göttinger Schützenplatz war alles abgeriegelt. Die zweite Entschärfung einer Bombe aus dem zweiten Weltkrieg sollte am Abend des 1. Juni 2010 um 22.30 Uhr erfolgen. Wenige Tage zuvor, am 27. Mai, war so eine Kriegswaffe bereits unschädlich gemacht worden.

Bei der Explosion einer Zehn-Zentner-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg sind am Dienstagabend in Göttingen drei Menschen getötet und zwei schwer verletzt worden. Die Explosion ereignete sich nach Angaben der Feuerwehr während der Vorarbeiten zur Entschärfung der Bombe.

An dem frühlingshaften Dienstag waren die Menschen in Göttingen darauf vorbereitet, dass das Gelände an der Leine nahe der Bahnlinie mal wieder einen gefährlichen Fund zu bieten hatte. Der Stadtbereich vom Norden bis zum Bahnhof war im zweiten Weltkrieg Ziel von Bomberpiloten gewesen, um Bahnanlagen zu zerstören und auch den damals in der Weststadt existierenden Flugplatz.

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Aber nicht alle abgeworfenen Bomben zündeten auch. Viele versanken im weichen Boden zwischen dem Fluss und der Bahnstrecke. So auch die beiden amerikanischen Fliegerbomben, die bei den Voruntersuchungen des Bauplatzes für die Sparkassen-Arena zu Jahresbeginn 2010 entdeckt worden waren.

630 Helfer im Einsatz

An dem Abend hatten sich rund 630 Helfer von Polizei, Feuerwehr und Hilfsdiensten um die Evakuierung des Quartiers rund um den Schützenplatz gekümmert. Der Krisenstab, der im Gebäude der Berufsfeuerwehr arbeitete, war bei der „Lage“ – dem Zusammentreffen – um 19.45 Uhr mit dem Ablauf zufrieden. „Wir sind gut unterwegs“, sagte Stadtrat Hans-Peter Suermann. Die Einsatzkräfte bereiteten sich auf einen ähnlichen Einsatz vor wie am Donnerstag zuvor. Thomas Bleicher vom Kampfmittelräumdienst: „Es handelt sich um einen fast identischen Blindgängertyp, er liegt in der gleichen Tiefe.“

Gegen 22.30 Uhr, wenn im Umkreis von 1000 Metern die Evakuierung bestätigt wäre, sollte die Entschärfung beginnen. Auf dem Schützenplatz waren die Einsatzkräfte darauf vorbereitet, dass der Blindgänger mit einem gefährlichen Zünder vielleicht nicht entschärft werden könnte. Dann war geplant, die Bombe zu zünden.

Ferngesteuerte Technik

Die Unberechenkeit der zehn-Zentner-Bombe sollte sich bei den Vorbereitungen zur Entschärfung herausstellen. Noch kurz vor 21 Uhr, so erinnert sich Göttingens Feuerwehrchef Dr. Martin Schäfer, damals einer der Einsatzleiter, sei er vor Ort gewesen und habe mit Mitgliedern vom Kampfmittelbeseitigungsdienst Niedersachsen gesprochen – direkt neben dem Fundort.

Schäfer verabschiedete sich, um in die Feuerwehrzentrale in der Breslauer Straße zu fahren, von dem Team auf dem Schützenplatz und damit auch von Thomas Bleicher. Der Leiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes (KBD) blieb „an der Grube“. Die Bombe lag in sieben Metern Tiefe.

Dort, unmittelbar neben der Bombe, waren drei erfahrene Kampfmittelexperten bei der Arbeit. Sie wollten die Bombe mit Langzeitzünder mit einem ferngesteuerten Wasserstrahl-Schneidegerät entschärfen. Dafür mussten Gerätschaften aufgebaut werden.

Stadtweit zu hören

Einsatzleiter Bleicher hatte zeitgleich mit einem Einsatz in Hannover zu tun. Von dort kam gegen 21.30 Uhr ein Anruf. Die Vorbereitungsarbeiten auf dem Schützenplatz machten Lärm. Bleicher entfernte sich, um das Telefonat zu führen.

Feuerwehrchef Martin Schäfer hatte den Raum des Krisenstabs gegen halb zehn Uhr verlassen für eine Pause draußen auf dem Hof. Da knallte es. Stadtweit war das Geräusch zu vernehmen, vielerorts waren Erschütterungen zu spüren – und Schäfer wusste, „jetzt hat es Tote gegeben“.

Thomas Bleicher stand weit genug entfernt, um unverletzt zu bleiben. Und so nah, dass er das Unglück sah. „Mir war sofort klar, dass es schlimme Folgen hat für die Kollegen direkt an der Bombe“, erinnert sich der KBD-Leiter.

Im Gedächtnis der Stadt

Die drei Kampfmittelexperten im Alter von 38, 52 und 55 Jahren hatten keine Chance neben dem zerstörerischen Koloss. Zwei weitere Männer aus dem Team wurden schwer verletzt.

Sofort wurden Feuerwehrleute und Rettungskräfte alarmiert. Für Feuerwehrchef Schäfer stellte sich die nächste Sorge ein: „Wenn diese Bombe explodiert ist, können dadurch weitere eine Gefahr bedeuten für die Rettungskräfte, die dort jetzt zum Einsatz kommen?“ Solchen Schaden nahmen sie nicht, aber die schrecklichen Bilder von dem Unglück nahmen die Helfer in ihr Gedächtnis auf.

Und der Moment des Knalls, als viele, viele Göttinger sofort wussten, dass der ein Unglück bedeutete, hat sich in das Gedächtnis der Stadt eingeprägt.

Die Bombenangriffe auf Göttingen

Von Juli 1944 bis März 1945 fielen Bomben auf Göttingen. Die Chronik der Stadt Göttingen belegt folgende Angriffe.

Am 7. Juli 1944 kam ein Mensch ums Leben bei einem Bombenabwurf zwischen Weende und Göttingen. Der nächste Fliegerangriff auf Göttingen ist am 23. November 1944 vermerkt. Dabei wurden Häuser am Geismar Tor und das Gaswerk am Maschmühlenweg stark beschädigt und neun Menschen kamen ums Leben.

Gleich am Tage darauf, dem 24. November 1944, wurde ein Mensch getötet. Zerstört wurden bei diesen Bombenabwürfen Häuser in der Unteren Masch, die Pauliner Kirche mit dem Ostflügel der Universitätsbibliothek sowie Nachbarhäuser in der Pauliner Straße.

Am Neujahrstag 1945 kamen 47 Menschen ums Leben. Es handelte sich um sieben Deutsche und 40 russische Kriegsgefangene. Sie starben bei einem Bombenangriff auf den Güterbahnhof. Dabei wurden auch Häuser in der Weender Landstraße, der Emilienstraße und der Arndtstraße schwer beschädigt. Weitere Angriffe wurden an dem Tag auf die Weststadt geflogen.

Der Güterbahnhof und die Brauerei waren das Ziel eines Tieffliegerangriffs am 9. Februar 1945. Dabei wurde das Brauerei-Gebäude im Brauweg stark zerstört.

27 Tote verzeichnet die Stadtchronik über den Bombenangriff, der am 22. Februar 1945 erfolgte. Nach der Chronik gab es den letzten Angriff am 13. März 1945 mit einem Toten, der ums Leben kam, als vier Häuser in der Jüdenstraße getroffen worden.

Gedenkfeier in der Sparkassen-Arena

Aus Anlass des 10. Jahrestages beabsichtigen Vertreter des Landesamts für Geoinformation und Landvermessung Niedersachsen, des Kampfmittelbeseitigungsdienstes (KBD), der Polizeidirektion Göttingen sowie der Zentralen Polizeidirektion Niedersachsen vor Ort ihrer getöteten Kollegen zu gedenken und einen Kranz niederzulegen.

Nach Angaben der Polizei Göttingen soll die kurze Gedenkveranstaltung am Pfingstmontag, 1. Juni, um 13 Uhr stattfinden in den Räumen der Sparkassen-Arena. Für den Neubau an der Godehardstraße wurde im Jahr 2010 das Gelände vorbereitet. Dazu gehörte auch die Beseitigung gefundener Kampfmittel aus dem zweiten Weltkrieg im Mai und Juni 2010.

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Die Autorin erreichen Sie per Mail an a.bruenjes@goettinger-tageblatt.de

Von Angela Brünjes

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