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Göttingen Bruderstreit in Hardegsen: Schuss auf Bruder „Versehentlich“
Die Region Göttingen Bruderstreit in Hardegsen: Schuss auf Bruder „Versehentlich“
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20:41 28.10.2013
Einsatz in Hardegsen im März 2013: Schuss durch die Imbiss-Tür. Quelle: Heller
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Hardegsen

Nach Ansicht der Anklagebehörde hat der seit Mitte August laufende Prozess ergeben, dass sich der 38-Jährige der gefährlichen Körperverletzung und des Verstoßes gegen das Waffengesetz schuldig gemacht hat.

Da der Angeklagte zur Tatzeit erheblich alkoholisiert gewesen sei und unter Alkohol zu aggressiven Verhaltensweisen neige, solle er in eine Entziehungsanstalt.

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Der 38-Jährige selbst hatte in dem Prozess gestanden, am Tatabend an die Glastür der bereits geschlossenen Pizzeria seines 25-jährigen Bruders in Hardegsen geklopft zu haben. Als der Bruder zur Tür kam, gab der Angeklagte einen Schuss aus einer Pistole ab. Die Kugel durchschlug den linken Arm des 25-Jährigen und drang in die Lunge ein. Ärzten des Göttinger Uni-Klinikums gelang es in einer Notoperation, den lebensgefährlich Verletzten zu retten.

Versuchter Totschlag

Ursprünglich hatte die Staatsanwaltschaft den 38-Jährigen wegen versuchten Totschlages angeklagt gehabt. Diesen Vorwurf ließ sie nun fallen. Der Angeklagte habe nicht gezielt auf seinen Bruder geschossen. Es habe aber nicht viel gefehlt, dass der 25-Jährige getötet worden wäre, sagte Staatsanwalt Wilfried Ahrens.

Die Wurzeln des Bruderkonflikts lägen in der Familiengeschichte begründet. Nachdem der Vater die damals noch in der Türkei lebende Familie sehr früh verlassen hatte, habe der Angeklagte gegenüber seinen Geschwistern die Vaterrolle eingenommen. Diese habe sich jedoch weniger in Fürsorge als in aggressivem Dominanzverhalten ausgedrückt. Später habe der Angeklagte in Northeim eine Pizzeria aufgebaut.

Nachdem auch sein jüngerer Bruder nach Deutschland übergesiedelt war, habe dieser dort umsonst arbeiten müssen. Als der 25-Jährige sich aus dieser Umklammerung zu lösen versuchte und eine eigene Pizzeria betrieb, habe der 38-Jährige ihn mit Hass und Neid verfolgt.

Schuss versehentlich gelöst

Der Angeklagte selbst hatte angegeben, dass er mit der Pistole seinen Bruder nur „auf Abstand“ habe halten wollen, weil dieser mit einem Messer bewaffnet gewesen sei. Dabei habe sich versehentlich ein Schuss gelöst. Er habe seinen Bruder weder töten noch verletzen wollen. Seine Verteidiger verwiesen in ihren Plädoyers darauf, dass die Beweisaufnahme diese Darstellung bestätigt habe.

Sowohl das 25-jährige Opfer als auch mehrere Zeugen hätten es dagegen wiederholt mit der Wahrheit nicht so genau genommen. „Wie hier gelogen wurde, war schon unglaublich“, sagte Rechtsanwalt Markus Fischer. Mehrere Zeugen hätten aus Angst vor dem 25-jährigen Opfer gelogen.

Der Angeklagte selbst beteuerte noch einmal, nicht absichtlich geschossen zu haben. Er liebe seine Geschwister und sei ein Vater für sie. „Man kann nicht seine eigenen Kinder töten“, sagte er unter Tränen. Das Gericht will sein Urteil Anfang November verkünden.

Der Betreiber eines Imbisses in Hardegsen ist am späten Sonntagabend in seinem Geschäft angeschossen und schwer verletzt worden. ©Heller

Von Heidi Niemann