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Göttingen Buch zu NS-Vergangenheit des angesehenen Göttinger Ehrenbürgers
Die Region Göttingen Buch zu NS-Vergangenheit des angesehenen Göttinger Ehrenbürgers
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21:13 17.09.2014
Von Jörn Barke
Umstrittener Ehrenbürger: Rudolf Stich.
Umstrittener Ehrenbürger: Rudolf Stich. Quelle: Stadtarchiv
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Göttingen

Drei Forscherinnen haben die Vergangenheit Stichs noch einmal durchleuchtet – und stellen dem Professor nun in einem Buch ein schlechtes Zeugnis über seine NS-Vergangenheit aus.

Stich sei ein aktives NSDAP- und SA-Mitglied gewesen, habe mit seinem Verhalten den Nationalsozialismus unterstützt und das totalitäre Regime legitimiert: „Spätestens mit der Übernahme des Dekanatsamtes im Jahr 1939 avancierte Stich als Führer der Fakultät zu einer wichtigen Stütze des nationalsozialistischen Regimes an der Göttinger Universität“, schreiben die Autorinnen.

Mehr noch: „Rudolf Stich befürwortete nicht nur die Idee der Zwangssterilisation, er beaufsichtigte eine Klinik, an der mehrere hundert, wenn nicht sogar tausende, im Nachhinein als illegitim und verbrecherisch klassifizierte Eingriffe bei Kindern und Männern durchgeführt wurden.“

Doch jenseits der einfachen moralischen Verurteilung weisen die Autorinnen auf die auseinanderklaffende Quellenlage zu Stich und seiner ambivalenten Persönlichkeit hin. Der Wissenschaftler solle nicht dämonisiert werden. So habe Stich seine Fakultät bei den Machthabern als „judenrein“ gemeldet, zugleich aber zu seinem Schüler und Freund Karl Heinrich Bauer gehalten – trotz dessen Heirat mit einer Jüdin.

Brüche und Uneindeutigkeiten

„Rudolf Stich war kein Volksrassist beziehungsweise Antisemit“, schreiben die Autorinnen. Stich wird sein bürgerliches Arbeitsethos zugutegehalten – dies habe es ihm nicht möglich gemacht, sich trotz seines fortgeschrittenen Alters während der NS-Zeit einfach ins Privatleben zurückzuziehen.

Wie in jedem anderen Leben auch, gibt es bei Stich Brüche und Uneindeutigkeiten. Unter anderem im Blick darauf haben die Autorinnen als Darstellungsform nicht eine klassische Biographie, sondern ein sogenanntes „biographisches Kaleidoskop“ gewählt. Stichs Leben wird nicht vom Anfang bis zum Ende mit einer zentralen These durcherzählt, sondern den Lesern werden einzelne Ausschnitte aus Stichs Leben als Puzzleteile präsentiert.

Vor diesem Hintergrund wird auch der Frage nachgegangen, warum Stich trotz seiner Verbindungen zum Nationalsozialismus so positiv im Gedächtnis der Stadt verankert blieb. Die Autorinnen finden viele Gründe: Stich war eben auch als Dozent äußerst beliebt, ein angesehener Chirurg und erzählte zu den „Rettern Göttingens“, die 1945 eine kampflose Übergabe der Stadt an die Amerikaner auf den Weg brachten.

Darüber hinaus hätten Stichs Weggefährten „an der Legende des verantwortungsvollen Dozenten und begnadeten Arztes“ mitgearbeitet.

Entscheidung über Gedenktafel steht aus

Die Autorinnen Katharina Trittel, Dr. Stine Marg und Bonnie Pülm sind ganz unmittelbar mit dem Nachleben Stichs in Berührung gekommen. Sie sind oder waren nämlich Mitarbeiterinnen am Institut für Demokratieforschung. Das wiederum ist im ehemaligen Wohnhaus von Rudolf Stich untergebracht, der „Villa Stich“ in der Weender Landstraße 14. Dort wurde 1985 eine Gedenktafel für Stich angebracht.

Um diese zu entfernen, war offenbar keine abgeschlossene Studie nötig, denn die Tafel wurde bereits 2010 abgebaut und lagert laut Pülm seitdem in der Bibliothek des Instituts. Die Tafel sei im Zuge der Gebäudesanierung abgenommen worden, erklärt Stadtsprecher Hartmut Kaiser. Anschließend sei sie von der Universität als Hauseigentürmerin im Blick auf die bevorstehende Untersuchung zu Stich nicht wieder angebracht worden.

Dies sei mit dem Einverständnis der Stadt erfolgt – die hatte die Tafel 1985 auf einen Beschluss des Rates hin installieren lassen. Stadt und Universität wollen im Anschuss an die Studie entscheiden, was mit der Tafel passieren soll.

Katharina Trittel, Stine Marg, Bonnie Pülm: Weißkittel und Braunhemd. Der Göttinger Mediziner Rudolf Stich im Kaleidoskop. Vandenhoeck & Ruprecht, 290 Seiten, geb., 49,99 Euro.

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