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Göttingen Keine Soldaten mehr in Schulen? Vorstoß erntet heftige Kritik aus Göttingen
Die Region Göttingen Keine Soldaten mehr in Schulen? Vorstoß erntet heftige Kritik aus Göttingen
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17:00 03.04.2019
Symbolbild. Foto: Rainer Droese Quelle: Rainer_Droese
Göttingen/Duderstadt

Dürfen Soldaten in Schulen Werbung für die Bundeswehr und Berufe innerhalb der machen? Die Berliner SPD will das verbieten. Dafür erntet sie massive Kritik selbst aus den eigenen Reihen. Auch an den Schulen im Raum Göttingen ist die Bundeswehr gerne gesehen.

Der Antrag der Berliner SPD vom vergangenen Wochenende schlägt hohe Wellen: Während eines Landesparteitages hatten die Genossen einen Leitantrag beschlossen, in dem heißt: „Es wird militärischen Organisationen untersagt, an Berliner Schulen für den Dienst und die Arbeit im militärischen Bereich zu werben.“ Zur Begründung heißt es, Minderjährige seien in einem Alter, in welchem sich zentrale Lebens- und Wertvorstellungen erst noch entwickeln müssten.

„Dazu gehört auch die Bundeswehr

„Ich glaube nicht, dass die SPD in Berlin mit ihrem Antrag richtig liegt, wenn sie die Bundeswehr im Rahmen des schulischen Bildungsauftrages ausblendet“, kommentiert der SPD-Stadtverbandsvorsitzende Christoph Lehmann den Antrag. Zum Bildungsauftrag der Schulen gehöre es, die Lebensrealität abzubilden – „und dazu gehört auch die Bundeswehr“.

„Aber das muss natürlich in den Kontext der Friedenserziehung eingebettet werden“, fügt Lehmann an. Dabei betont er, dass dies seine persönliche Position sei, „die aber wohl großen Rückhalt im Stadtverband haben dürfte“.

„Ihnen gebührt unser Respekt und nicht unser Misstrauen“

Der Bundestagsabgeordnete, Vizepräsident des Bundestages und Vorsitzende des Göttinger SPD-Unterbezirkes, Thomas Oppermann, hatte bereits unmittelbar nach dem Beschluss der Berliner SPD getwittert: „Bin entsetzt über Beschluss der Berliner SPD, Jugendoffizieren der Bundeswehr die Schulen zu verbieten.“ Ergänzend dazu sagte er am Mittwoch: „Werbeveranstaltungen im Unterricht für den Einsatz bei der Bundeswehr lehne ich ab. Das gehört dort nicht hin. Ich bin aber sehr dafür, dass Jugendoffiziere eingeladen werden können, um über die Rolle der Bundeswehr zu informieren.“ Die Bundeswehr sei eine Parlamentsarmee und Teil unserer demokratischen Gesellschaft. Die Soldaten müssten im Zweifelsfall mit ihrem Leben „unsere“ Freiheit und Demokratie verteidigen: „Ihnen gebührt unser Respekt und nicht unser Misstrauen.“

Der Beschluss des Berliner SPD-Landesverbandes sei missverständlich und nicht sachkundig, fügte Oppermann an. Darin werde übersehen, dass es bei der Bundeswehr eine Unterscheidung zwischen Jugendoffizieren und Karriereberatern gibt. Jugendoffizieren sei es ausdrücklich verboten, für die Bundeswehr zu werben. Sie hätten die Aufgabe, an Schulen über die Bundeswehr und ihre Aufgaben zu informieren. Das sei wichtig und nötig, um die Bundeswehr nah an der Gesellschaft zu halten. Davon zu trennen seien Karriereberater, die über eine Laufbahn in der Bundeswehr informieren und aktiv dafür werben.

Vorgegebenes Thema im Politikunterricht

Die Schulen in der Region wollen Besuche der Bundeswehr weiterhin nutzen, auch wenn es nach Angaben einiger Schulleiter gelegentlich Vorbehalte von Kollegen und Eltern gibt. Das gelte für Besuche im Rahmen der Berufsorientierung, vor allem aber für Besuche von Soldaten im Politikunterricht.

Im 9. und 10 Jahrgang sei das Thema Friedenserziehung fester Bestandteil im Politikunterricht, erklärte Jens Haepe, Leiter der Carl-Friedrich-Gauß-Oberschule in Groß Schneen. Für eine kritische Auseinandersetzung mit dem „Dienst an der Waffe“ und im Sinne einer umfassenden Aufklärung sei es wichtig, dass die Schüler die Bundeswehr kennenlernen. Das gelte erst Recht, wenn sie einen Beruf innerhalb der Bundeswehr anstreben.

Für Schüler freiwillig

„Natürlich darf die Bundeswehr bei uns kommen“, sagte auch die Leiterin der IGS Bovenden, Renate Heyn. Wenn es um Berufsorientierung und -findung geht, sei es den Schüler allerdings freigestellt, ob sie an den Infoterminen mit Vertretern der Bundeswehr teilnehmen. Mit Blick auf Waffeneinsätze der Armee und jüngste Skandale innerhalb der Bundeswehr gebe zwar durchaus kritische Stimmen bei Lehrern und Eltern. Sie halte solche Besuche aber für sehr wichtig, so Heyn.

„Wir sind da als Schule sehr wertfrei“, kommentierte Stefan Hoppe als Leiter der Heinz-Sielmann-Realschule in Duderstadt die aktuelle Debatte um Bundeswehrbesuche in Schulen: „Wir befeuern das nicht, wir verteufeln es aber auch nicht.“ Ebenso wie anderen Institutionen und Berufsfeldern müsse auch der Bundeswehr Raum gegeben werden, sich zu präsentieren – auch hier als Angebot und auf freiwilliger Basis seitens der Schüler. Darüber habe es an der Sielmann-Schule bislang auch keine Klagen gegeben.

Per Erlass abgesichert

Nach Angaben des niedersächsischen Kultusministeriums ist es in Niedersachsen Praxis, dass Offiziere zu Informationsveranstaltungen in die Schulen kommen – Werbung für die Armee soll es dabei aber nicht geben. Die Landesschulbehörde verweist auf Tageblatt-Nachfrage auf einen Erlass zur beruflichen Orientierung an allgemeinbildenden Schulen. Darin heißt es: „Die Zusammenarbeit (...) mit Betrieben schließt alle Einrichtungen ein, die den Schülerinnen und Schülern Erfahrungen in der Arbeitswelt ermöglichen. Hierzu zählen u. a. die Bildungseinrichtungen der Handwerksorganisationen, Behörden, Angehörige freier Berufe oder Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft.“ Darunter falle auch die Bundeswehr, ergänzte Behördensprecherin Bianca Schöneich.

Sowohl im Politikunterricht als auch bei der Berufsorientierung gehe es darum, die Schüler aufzuklären, wie die Welt ist, sie zu informieren und ihnen Perspektiven aufzuzeigen, erklärte Wolfgang Schimpf, Leiter des Göttinger Max-Planck-Gymnasiums. Vor diesem Hintergrund sei es „natürlich“ richtig und wichtig, auch die Bundeswehr einzuladen. Das gelte gleichermaßen für Diskussionen um Sicherheits- und Verteidigungspolitik im Politikunterricht und für die Berufsorientierung. „Sonst müssten wir ja auch die Polizei ausschließen“, so Schimpf. Zumal es innerhalb der Bundeswehr viele verschiedene Berufsfelder gebe.

Von Ulrich Schubert

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