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Göttingen Ausnahmezustand für Buslinien noch bis Februar
Die Region Göttingen Ausnahmezustand für Buslinien noch bis Februar
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00:22 27.01.2019
Bus der Göttinger Verkehrsbetriebe: Für vier Linien gilt ein Notfallfahrplan, weil fast 50 Busfahrer erkrankt sind. Quelle: Niklas Richter
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Göttingen

Der hohe Krankenstand hat die Göttinger Verkehrsbetriebe (GöVB) im Januar an ihr Limit gebracht: 47 Fahrerinnen und Fahrer sind krank. Ein Notfallfahrplan ist deshalb noch bis Ende Januar gültig. Zwei Linien (33 und 50) fahren nur noch im Stundentakt, die Linien 93 und S62 wurden gestrichen.

Mit Sonderschichten und Überstunden ist nichts mehr zu machen. Die waren Ende 2018 noch möglich. Inzwischen sind mehr als 10.000 Überstunden aufgelaufen.

Krankenstand Ende 2018 bei 20 Prozent

Der Krankenstand beim Fahrpersonal einschließlich Langzeiterkrankter sank von 12 Prozent (2011) kontinuierlich bis auf 7,8 Prozent im Jahr 2016. Im Jahresmittel von 2018 betrug er 12,1 Prozent, gegen Jahresende jedoch 20 Prozent. Der Anteil der Langzeiterkrankten ist zuletzt stark angestiegen.

Was in Magdeburg, Rostock oder Köln ein bekanntes Problem ist, „ist für uns neu“, sagt GöVB-Geschäftsführer Michael Neugebauer, der den Notfallfahrplan nun eingesetzt hat. „Wir haben die Linien rausgenommen, zu denen es auf den jeweiligen Strecken Alternativen gibt“, erklärt Neugebauer. So fahren von Bovenden nach Göttingen, wo die Linie 62 unterwegs ist, auch Regionalbusse der Deutschen Bahn (DB). Und die Linie 33 vom Holtenser Berg habe die geringste Nutzung, weshalb sie nun erstmal im Stundentakt verkehre.

Ziel der Maßnahmen ist es, so Neugebauer, „dass möglichst wenig Fahrgäste betroffen sind“. Bisher haben die, auch wenn der Notfallfahrplan ärgerlich für sie ist, „verständnisvoll reagiert“.

80 statt 83 Busse

Bei den Göttinger Verkehrsbetrieben sind im Normalfahrplan an Schultagen 157, im Notfallfahrplan 147 Dienste (= Fahrer) auf 20 Linien im Normalfahrplan und 19 im Notfallfahrplan im Einsatz. Im Normalfahrplan werden 83 Busse, im Notfallfahrplan 80 Busse benötigt.

Hoher Krankenstand

Die Ursachen sind ein hoher Krankenstand, der für die Verkehrsbetriebe überraschend kam. „Die berufsbedingte Belastung hat sich für die Fahrer nicht verändert“, meint der Geschäftsführer. Neugebauer verweist auf das Gesundheitsmanagement des Betriebes, das gut angenommen werde und für das die GöVB ausgezeichnet worden sind. Aus seiner Sicht gibt es kein besonderes Problem.

Hinsichtlich der Personalplanung haben die GöVB Vorsorge getroffen: Zehn Fahrer mehr als noch im Vorjahr sind im Einsatz. 2018 sind zwölf Fahrer ausgeschieden und 25 eingestellt worden. In diesem Jahr sind 246 Fahrpersonale, wie die Bezeichnung der Fahrer in der Branche lautet, vorhanden. Neugebauer: „Wir haben nicht versäumt, einzustellen. Es wurde so kalkuliert, dass wir ausreichend besetzt sind, um den Betrieb zu gewährleisten.“ Er spricht von solider Planung.

Zahl der Fahrer gestiegen

Von 236 Fahrpersonale am 1. Januar 2016 ist die Zahl um zehn auf 246 zum 1. Januar 2019 gestiegen. Davon steht nur ein Teil zur Verfügung für den Arbeitseinsatz durch vorgeschriebene Ruhezeiten, Schulungen, Urlaub und krankheitsbedingte Abwesenheit.

Ausbildung von Berufskraftfahrern

Und aufgrund dieser habe es in den vergangenen Jahren auch einige Vorkehrungen gegeben, um Nachwuchs in die Belegschaft zu holen. Die ist mehrheitlich mit älteren Beschäftigten besetzt. Um neue Mitarbeiter wird geworben. Und 2011 haben die Verkehrsbetriebe mit der Ausbildung von Berufskraftfahrern begonnen. Die Auszubildenden können nach der Schulzeit mit 18 Jahren beginnen. „Damit haben wir gute Erfahrungen gemacht“, so Neugebauer.

Der vom Arbeitgeberverband und der Gewerkschaft Verdi ausgehandelte Flächentarifvertrag „ist der beste Tarifvertrag in der Region“: Überstundenzuschläge, Sonn- und Feiertagszahlungen, Urlaubs- und Weihnachtsgeld gehören dazu. „Bei uns hat sich noch kein Busfahrer weg beworben“, betont Neugebauer. Dass er nun mit einem so hohen Krankenstand über einen langen Zeitraum zu kämpfen hat, überraschte ihn. „Für so etwas“, sagt er, „hat man keinen Plan in der Tasche“.

19 Azubis

Ausbildung: Am 1. August 2011 wurde der erste Azubi im Bereich Berufskraftfahrer eingestellt, aktuell sind es 19 Auszubildende.

Fahrgäste wollen lückenlose Mobilitätskette

Die Busverkehre in Südniedersachsen sind im Bereich des ZVSN „noch im Lot“: 16 Anbieter sind in diesem Bereich für den Personennahverkehr zuständig. Michael Frömming, Geschäftsführer des Zweckverband Verkehrsverbund Südniedersachsen (ZVSN), sieht die aktuellen Probleme der Göttinger Verkehrsbetriebe (GöVB) mit hohem Krankenstand ausreichend gelöst. Gravierend für die gesamte Branche ist nach Ansicht von Frömming das Problem des Fachkräftemangels.

Überall fehlen Berufskraftfahrer, so Frömming, der von einem bundesweiten Phänomen spricht. Manche Betriebe holen Rentner zeitweise zurück in den Beruf, andere bilden Geflüchtete aus oder setzen Personal aus dem EU-Ausland ein. „Der Beruf ist nicht attraktiv bezahlt und konkurriert mit anderen“, sagt Frömming mit Bezug auf die Fahrer im Personenverkehr.

ZVSN-Geschäftsführer Frömming fordert die Politik auf, bei der Problemlösung einzusteigen. Die Verkehrswende positiv zu gestalten, gelinge nur, wenn den Fahrgästen eine lückenlose Mobilitätskette geboten werde. Um die zu erreichen, müsse sich die Lage ändern. Und die beschreibt Frömming als „auf Kante genäht“, also knapp kalkuliert.

Michael Frömming, Geschäftsführer des Zweckverbandes Verkehrsverbund Südniedersachsen (ZVSN) Quelle: r

Der ZVSN versuche, die Fahrpläne so zu gestalten, dass sie für Fahrgäste und Fahrer attraktiv seien. Wollen die Nutzer verlässlich und möglichst ohne Wartezeiten von A nach B kommen, ist für das Fahrpersonal eine Arbeitszeit ohne Leerlauf interessant. Das Gegenteil, ausgedehnte Fahrpläne mit ausgedehnten Arbeitszeiten, „machen den Beruf nicht interessant“, so Frömming. Er sieht seinen Auftrag darin, „dass mehr Fahrgäste aus dem Landkreis mit dem Bus in die Stadt fahren und hier auf den Stadtbus umsteigen“. Daran arbeite der Verkehrsverbund und habe dabei gerade das Projekt des Linienverkehrs per Bus zwischen Duderstadt und Göttingen im Blick: Die neue Linie soll wochentags einen verlässlichen Taktverkehr in der Zeit von 6 bis 22 Uhr bieten.

Gesundheitsmanagement

Das Gesundheitsmanagement bei den GöVB richtet sich an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Es ist vielfältig aufgebaut. Die wesentlichen Elemente sind die Bezuschussung von Präventivmaßnahmen (zum Beispiel Rückenschule), für körperliche Fitness, Raucherentwöhnung, gesunde Ernährung, weiterhin werden Gesundheitstage durchgeführt, und es haben 87 Fahrerinnen und Fahrer an Workshops der privaten Fachhochschule und der BEK zum Thema „Stressbewältigung“ teilgenommen. Das Engagement im Gesundheitsmanagement wurde honoriert: die GöVB belegte 2017 den ersten und 2018 den zweiten Platz beim betrieblichen Gesundheitsmanagement in der Gesundheitsregion Südniedersachsen.

„Im Bus muss ich fit sein“

Das hat Carsten Syring in seiner Zeit von 28 Jahren bei den Göttinger Verkehrsbetrieben noch nicht erlebt: einen Notfallfahrplan. Doch bei der Zahl der Erkrankten konnte auch der Betriebsrat der GöVB keine andere Maßnahme vorschlagen. Betriebsratsvorsitzender Syring ist selbst 20 Jahre lang Bus gefahren. „Im Bus muss ich fit sein“, sagt er. Und die Bestimmungen für Busfahrer sind andere als beispielsweise für Büroangestellte. Wer in der Personenbeförderung tätig ist, erhält nach einer ernsten Erkrankung gegebenenfalls eine längere Zeit zur Erholung, erklärt Syring: „Das dient der Sicherheit.“

Die psychische Belastung sei in dem Beruf hoch. Dazu kommen Probleme, die Busfahrer in Göttingen haben. Nach Angaben des Betriebsratsvorsitzenden sind das beispielsweise die Zahl der Baustellen im Vorjahr, die Parksituation in engen Straßen, der mit viel Individualverkehr belegte Busring, die unzureichende Busbeschleunigung, wo sie möglich ist, - und die bundesweit einzige Fahrradautobahn. Diese führe bei den Bussen zu Wartezeiten, aus denen Verspätungen entstehen und daraus resultieren geringere Pausenzeiten für die Fahrer.

Busverkehr in Göttingen. Quelle: Niklas Richter

„Das macht die Fahrer ganz schön fertig“

Die haben kaum noch Zeit, die Wendezeiten für eine Pause zu nutzen. Kommen sie an einer Endhaltestelle mit Verspätung an, wird die Pause kürzer, um pünktlich zu starten. „Es summiert sich einiges, und das macht die Fahrer ganz schön fertig“, erklärt Syring. Und die jetzige Lage „fordert nicht nur die Fahrer, sondern auch die Disponenten“, die für die Koordinierung der Fahrpläne zuständig sind.

Nach Jahren eines geringen Krankenstandes sei der seit Herbst 2018 extrem hoch. Aber das ist kein Göttinger Phänomen, berichtet Syring, sondern auch andernorts haben Verkehrsbetriebe damit zu kämpfen. Dazu komme überall das Problem des Fachkräftemangels und der Rückgang an Bewerbungen. Betriebsratsvorsitzender Syring: „Wir müssen den Beruf des Busfahrers wieder aufwerten. Dabei sind auch Gewerkschaften und Politik gefordert“.

Von Angela Brünjes

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