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Göttingen „Jeder Mensch braucht ein Zuhause“
Die Region Göttingen „Jeder Mensch braucht ein Zuhause“
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15:17 07.06.2018
Pfarrer Ludger Joos, Anna Werner-Parker, Maria Weiss, Stephan Siebert in den Räumen des Mittagstisches von Sankt Michael.
Pfarrer Ludger Joos, Anna Werner-Parker, Maria Weiss, Stephan Siebert in den Räumen des Mittagstisches von Sankt Michael. Quelle: r
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Göttingen

Unter dem Motto „Jeder Mensch braucht ein Zuhause“ will die Caritas bundesweit Missstände, die durch fehlende Wohnungen entstehen, ins öffentliche Bewusstsein heben. Vertreter der Göttinger Caritas haben am Freitag in der Turmstraße 5 in Göttingen das Thema der Kampagne vorgestellt.

„Das Problem des fehlenden Wohnraums ist in Göttingen offensichtlich“, sagt Stephan Siebert vom Caritasverband Südnierdersachsen. „Jedes Jahr sitzen viele Studenten quasi auf der Straße. Viele pendeln.“ 37 Prozent der Ratsuchenden, die im vergangenen Jahr zu Maria Weiss ins Caritas-Zentrum Göttingen kamen, hätten Probleme mit ihrer Wohnsituation gehabt, erläutert die Sozialpädagogin von der Allgemeinen Lebens- und Sozialberatung. Sie hilft bei der Wohnungssuche und hat Listen von Vermietern. „Ein klassischer Fall liegt bei der Familiengründung vor“, erklärt Weiss. Es werde oft eng, wenn der Nachwuchs da ist. Fehlende Rückzugsmöglichkeiten verursachten Stress. Weiss berichtet von Kindern, die keine Ruhe haben, um für die Schule zu arbeiten. Oder von Hochbetten, die sie organisiert, damit Menschen sich überhaupt noch in ihren Zimmern bewegen können. Viele Rentner würden angesichts der hohen Preise nicht in eine neue, seniorengerechte Wohnung umziehen, die barrierefrei ist. Dabei könnten junge Familien ihren Wohnraum gut gebrauchen. Oftmals sei auch eine Trennung vom Partner verbunden mit der Wohnungssuche oder dem Übernachten bei Bekannten. Die Wohnungsnot käme in Statistiken nicht zum Ausdruck. „Diese Menschen fallen nicht auf, man sieht nur die Spitze des Eisbergs“, sagt Weiss. Sie bezeichnet die Wohnungsnot als „sozialen Sprengstoff“.

Wo die Not sichtbar wird

Am Mittagstisch von Sankt Michael in der Turmstraße in Göttingen wird die Not offensichtlich. Viele der Gäste, die hier eine Mahlzeit für wenig Geld bekommen, seien obdachlos, erklärt die Leiterin des Mittagstisches Anna Werner-Parker. „Es werden immer mehr“, sagt Parker. Suchtkranke, Rentner in Altersarmut oder Hartz-IV-Empfänger kommen in die Turmstraße, um für wenig Geld zu essen. „Es sind viele dabei, die gar nicht zum Amt gehen. Die Leute hier helfen sich gegenseitig und schlafen bei Kumpels“, so Parker. Das sei auf Dauer keine Lösung. Das Team des Mittagstisches brauche mehr Unterstützung auch für Gespräche mit Hilfesuchenden. Erst am vergangen Tag habe ein junger Migrant weinend davon gesprochen, sich das Leben zu nehmen.

Ursachen der Wohnungsnot

Ein absinkendes Rentenniveau, weniger Sozialleistungen, sinkende Einkünfte und prekäre Beschäftigungsverhältnisse nennt Siebert von der Caritas Südniedersachen als Ursachen für Wohnungsnot in Deutschland. Das Armutsrisiko steige für weite Teile der Bevölkerung. „Dazu kommt eine Vernachlässigung des sozialen Wohnungsbaus“, erklärt der Geschäftsbereichsleiter der sozialen Dienste und Kindertagesstätten. „Laut Deutschem Mieterbund fehlen in Deutschland zwei Millionen Sozialwohnungen.“ Der Staat hätte im Rahmen seiner Daseinsfürsorge den sozialen Wohnungsbau forcieren müssen. Stattdessen habe er den Wohnungsbau den freien Märkten überlassen. Das habe tatsächlich zu Investitionen geführt, erklärt Pfarrer und City-Seelsorger Ludger Joos. Viele dieser Investitionen nützten aber nur wenigen Menschen. Die Investoren wollten aus dem Bau teurer Wohnungen Kapital schlagen. Grade nach der Finanzkrise hätten viele Wohnungen als Kapitalanlage hergehalten. Das Grundrecht auf Wohnen sei mit der Logik des freien Marktes schlecht zu vereinbaren.

Wohnraum auf dem Land attraktiv machen

„Wir sprechen mit Politikern“, so Siebert. „In unseren Einrichtungen lindern wir nur die Symptome“, sagt der Geschäftsleiter. Im Umland Göttingens sei bezahlbarer Wohnraum vorhanden, doch die Verkehrsanbindung sei nicht gut, erklärt Weiss. Damit die Wohnungen attraktiv werden, müsste man Preise für die öffentlichen Verkehrsmittel senken. Sie sähe es gern, wenn es ein Angebot, wie das neue Sozialticket der Stadt, auch für den Landkreis geben würde.

Von Julian Habermann

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