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Göttingen Carneval und Castor
Die Region Göttingen Carneval und Castor
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18:38 12.11.2010
Von Markus Scharf
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Zugegeben, wir sind weder das Wend-, noch das Rheinland. Aber das hat uns in der Vergangenheit auch nicht davon abgehalten, wahlweise „Helau“ oder „Atomkraft – Nein danke“ skandierend durch die Straßen zu ziehen. Die durchschnittliche Castor-Demo zählte noch in den späten 90ern 1000 bis 2000 Teilnehmer (statt aktueller 200), kaum ein Atommüll-Transport, der nicht seinen unfreiwilligen Zwischenstopp im schönen Göttingen eingelegt hätte. Rheintreue und Szültenbürger erinnern sich gern an – na sagen wir – ähnlich glorreiche Tage.

Also, was ist los in der ehemals närrischen Protest-Hochburg? Muss man wirklich die Region verlassen, um seine rebellische oder humorige Seite auszuleben. Im Fall des Karnevals rettet uns das benachbarte Eichsfeld die Ehre. Hier wird gesungen und gelacht, in allen fünf Jahreszeiten. Was aber das Protestieren angeht, muss die Unterstützung wohl von anderer Seite kommen. Und tatsächlich, sie kommt, wenn auch aus ungewöhnlicher Richtung. Mit dem Slogan „Stuttgart 21 ist überall“ laden die derzeit in Sachen Widerstand unangefochtenen Spitzenreiter aus dem Süden Deutschlands an den kommenden Montagen jeweils um 18.45 Uhr zum 15-minütigen „Schwabenstreich“ an den Göttinger Bahnhof. Super! Sind wir also statt Wend- oder Rheinland jetzt so ein bisschen Schwabenländle. Als „Schwabenstreich“ wurde übrigens lange Zeit (und vor allem außerhalb des genannten Landstrichs) eine törichte, närrische Handlung bezeichnet. Na, ist das nicht praktisch: Wir können beweisen, dass man in Göttingen noch demonstrieren kann, und die Narretei gibt es gratis dazu.

Wechseln wir elegant von der fernen Bahn- zur nahen und bald verschwundenen Autobahnbaustelle. Nach drei Jahren intensiver Nutzung war sie mir richtig ans Herz gewachsen. Aus rein zwischenmenschlicher Sicht war das A-7-Nadelöhr vor unserer Tür eine Bereicherung. Wann kam man seinen Artgenossen denn sonst mal so nah, wie auf den verengten Fahrspuren unserer Baustelle. Auch die wegbegleitenden Smileys waren eine herzerwärmende Alternative zu den monoton blauen Wegweiserschildern. Und diese spontanen Versammlungen tausender Autos waren so gesellig. Künftig rauscht der Verkehr dreispurig, anonym, ungebremst an uns vorbei. Gott sei Dank bleibt uns ein kleines Stückchen Stau-Lust noch zwischen Parensen und Nörten-Hardenberg bis 2012 erhalten. Und wenn wir schon mal unterwegs sind, können wir ja gleich noch in Wend- und Rheinland vorbeischauen. Helau! Atomkraft – Nein danke! Und ein schönes Wochenende!