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Göttingen CSD: Bunte Parade zum ersten Mal in Göttingen
Die Region Göttingen CSD: Bunte Parade zum ersten Mal in Göttingen
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00:25 01.07.2019
Beim Christopher Street Day in Hannover haben Zehntausende für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuelle demonstriert. Jetzt soll es in Göttingen die erste CSD-Parade geben. Quelle: Kristoffer Finn / HAZ
Göttingen

Zum ersten mal wird es an diesem Wochenende in Göttingen einen Christopher Street Day (CSD) geben. In anderen Städten weltweit demonstrieren bereits seit 50 Jahren immer wieder Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle für ihre Rechte und gegen Diskriminierung und Ausgrenzung in der Gesellschaft.

Hinter dem ersten CSD stehe ein großes Bündnis vieler Initiativen, erklärt Simone Kamin als Sprecherin der Initiative. Die Idee sei von einer Schülergruppe ausgegangen. In den vergangenen Wochen habe es die Gruppe geschafft, relativ kurzfristig ein großes Bündnis zusammenzubringen und die den Göttinger CSD zu organisieren.

Was los ist am Sonnabend, erfahren Sie hier:

Das Programm zum CSD Göttingen

Der Christopher Street Day beginnt am Sonnabend, 29. Juni, um 12 Uhr mit einem Demozug am Neuem Rathaus.Er führt über Hospitalstraße, Gänselieselbrunnen und Weender Straße weiter über die Berliner Straße zurück in die Innenstadt. Gegen 14 Uhr ist eine Kundgebung auf dem Wilhelmsplatz geplant. Daran schließt sich ein Straßenfest an – bis 17 Uhr. Weitere Aktionen an diesem Tag:

18.30 Uhr: Schwimmen für „trans* inter* & friends“ in der Schwimmhalle des Hochschulsports am Sprangerweg 2.

20 Uhr: „Hotdogs & Musik“ vor dem Café Kabale, Geismar Landstraße 19.

22 Uhr: CSD-Party im Café Kabale, Geismar Landstraße 19.

Vorbild des Göttinger CSD sind ähnliche Aktionen in anderen Städten. Die größten Umzüge gibt es regelmäßig in Köln und Berlin. In Hannover haben vor zwei Wochen Zehntausende Menschen den CSD gefeiert und sind mit einer großen bunten Parade durch die Stadt gezogen. Auch bei vielen Zuscheuern am Straßenrand waren nach Medienberichten Regenbogenfahnen zu sehen. Sie steht in zahlreichen Kulturen weltweit für Aufbruch, Veränderung und Frieden, und gilt als Zeichen der Toleranz und Akzeptanz, der Vielfalt von Lebensformen, der Hoffnung und der Sehnsucht. Seit den 1970er-Jahren ist die Regenbogenfahne mit sechs Farben internationales Symbol für die Schwul-Lesben-Bewegung.

Der CSD ist nur im deutschsprachigen Raum unter dieser Bezeichnung bekannt – in englischsprachigen Ländern wird der Tag als Gay Pride begangen. Der CSD ist eine große bunte und schrille Feier – aber er ist auch ein Gedenktag. Er erinnert an den Aufstand von Homosexuellen, „trans*, Dragqueens und anderen sexuellen Minderheiten gegen Polizeiwillkür 1969 im Greenwich Village in New York – in der Christopher Street. Vorausgegangen waren gewalttätige Razzien in Lokalen, „deren Kundschaft hauptsächlich aus schwul-lesbischer und trans* Klientel bestand, darunter viele Latein- und Afroamerikaner*innen, erklärt die Göttinger Initiative. Am 28. Juni 1969 hätten die ersten Dragqeens und Mitstreiter begonnen, sich zu wehren. Die ersten CSD-Züge in Deutschland gab zehn Jahre später am 30. Juni 1979 in Bremen, Köln und Berlin.

Wer steckt hinter der Aktion?:

Das Aktionsbündnis zum 1. CSD Göttingen

Die Mitglieder im Aktionsbündnis zum 1. CSD Göttingen 2019: HG Queer, Café Kollektiv Kabale, Göttinger AIDS-Hilfe, Grüne Jugend Göttingen, Junges Forum Deutsch-Israelische Gesellschaft Göttingen, Jusos Göttingen, LesBiSchwule* Kulturtage Göttingen, Linksjugend [‘solid] Göttingen, Trans*Beratung Göttingen, Queeres Göttingen / Queeres Zentrum Göttingen, Verein Niedersächsischer Bildungsinitiativen (VNB)

Unterstützt wird das Bündnis außerdem von der Stiftung Leben & Umwelt – Heinrich-Böll-Stiftung Niedersachsen. Die Veranstaltung wird nach Angaben des Bündnisses gefördert aus Mitteln des Landes Niedersachsen.

Weitere finanzielle Förderer*innen: Bildungsvereinigung Arbeit & Leben, Bündnis 90/Die Grünen, Frauennotruf, Göttinger AIDS-Hilfe, Grüne Jugend, Verein Niedersächsischer Bildungsinitiativen (VNB), Queeres Göttingen, Queeres Netzwerk Niedersachsen (QNN), SPD Göttingen, Stiftung Akademie Waldschlösschen.

Göttingen reiht sich also im 50. Jahr in die Tradition der Paraden innerhalb der CSD-Bewegung ein. Und auch hier soll der Tag – neben dem mahnenden und politischen Signal für mehr Toleranz – vor allem eine große Party sein: mit schrillen Kostümen, Musik, Tanz und bunt geschmückten Wagen. Ein bisschen wie Karneval.

„Mit Demo und Straßenfest wollen wir die Sichtbarkeit und Akzeptanz von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans*identen, intergeschlechtlichen und anderen queeren Personen stärken“, sagt Miriam Gisbert, Mitorganisatorin des ersten Göttinger CSDs. „Gerade queere Jugendliche brauchen ein offenes und respektvolles Umfeld für ihre Persönlichkeitsentwicklung“, heißt es ergänzend in einer Erklärung der „Queeren Jugendgruppe“ aus dem „Queeren Zentrum Göttingen“. Viele von ihnen würden nur unzureichend oder gar nicht durch Eltern und Lehrkräfte unterstützt.

Drei Forderungen

In ihrem Aufruf zum 1. Göttinger CSD stellt die Aktionsgruppe drei konkrete Forderungen:

–> Artikel 3 des Grundgesetzes soll erweitert werden um den Begriff der sexuellen Orientierung.

-> Jeder Mensch soll das eigene Geschlecht selbst bestimmen und benennen dürfen.

-> Alle Menschen haben ein Recht auf Akzeptanz und Chancengleichheit in allen Bereichen des täglichen Lebens.

Lisa Hoffmann, Mitorganisatorin der LesBiSchwulen* Kullturtage Quelle: R

Zur Änderung des Artikel 3 läuft zurzeit eine Gesetzesinitiative im Bundestag. Der Artikel sollte künftig wie folgt heißen, erklärt Lisa Hoffmann, Mitorganisatorin der LesBiSchwulen* Kulturtage: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner sexuellen Orientierung, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“

Stephanie Leitz, hauptamtliche Mitarbeiterin im Queeren Zentrum Göttingen. Quelle: R

Stephanie Leitz, hauptamtliche Mitarbeiterin im Queeren Zentrum Göttingen, erläutert: „Die spezifische Nennung in Artikel 3 des Grundgesetzes hebt durch Sichtbarmachung diskriminierte Minderheiten als besonders schützenswert hervor. Anlässlich des 70. Geburtstags unseres Grundgesetzes ist es Zeit, endlich unserer leidvollen Vergangenheit im Umgang mit Homosexualität Rechnung zu tragen und ein Zeichen zu setzen für die zukünftige rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung von Menschen mit verschiedenen sexuellen Identitäten.“

Zur zweiten Forderung ergänzt die Göttinger Juso-Vorsitzende Larissa Freudenberger: „LGBTIQ*-Rechte sind noch immer keine rechtliche und gesellschaftliche Realität. Deshalb sind Tage wie der CSD ein wichtiges Zeichen. Auch darüber hinaus werden wir weiter dafür streiten, dass die Rechte von Inter*Personen gewahrt werden und keine Menschenrechtsverstöße durch unfreiwillige Operationen oder medikamentöse Behandlungen begangen werden.“

Liv Teichmann, Trans*Beratung Göttingen Quelle: R

Liv Teichmann von der Trans*Beratung Göttingen ergänzt: „Jeder Mensch in Deutschland wird nach der Geburt zwangsweise einem Geschlecht zugeordnet. Das bedeutet für zahlreiche Menschen eine massive Fremdbestimmung oder Einschränkung, gegen die es mühsam ist, sich zu wehren. In Wirklichkeit ist die eigene geschlechtliche Identität eine tiefe innere Gewissheit. Sie richtet sich nicht automatisch nach äußerlichen Merkmalen und sie kann sich im Laufe des Lebens verändern. Daher muss es möglich werden, ohne Pathologisierung, rechtlichen und bürokratischen Aufwand den eigenen Namen und Personenstand zu ändern.“

Simone Kamin, Sprecherin des CSD-Bündnisses und AIDS-Hilfe Göttingen Quelle: R

Zur dritten Forderun
g betont Kamin auch als Co-Geschäftsführerin der Göttinger AIDS-Hilfe: „Freiheitliches und solidarisches gesellschaftliches Miteinander betrifft das Lebensumfeld aller Menschen – Familien- und Freundeskreis, Schule und Arbeitsplatz, aber auch öffentliche Plätze und Verkehrsmittel. Es muss selbstverständlich werden, dass Menschen aller Lebensweisen ein selbstbestimmtes und angstfreies Leben überall in unserer Gesellschaft führen können.“

Thomas Wilde, Verein Niedersächsischer Bildungsinitiativen Quelle: R

Thomas Wilde vom Verein Niedersächsischer Bildungsinitiativen (VNB) führt weiter aus: „Wer vom tradierten Geschlechter- und Liebesmodell abweicht, löst oft noch Irritationen aus. Dazu gehört insbesondere auch das Leben mit Kindern jenseits einer Zweierbeziehung aus Mann und Frau. Es darf aber keine Frage von sexueller Orientierung oder geschlechtlicher Identität sein, ob Elternschaft staatlich legitimiert ist. Wir brauchen daher eine Reform des Abstammungsrechts und eine Modernisierung des Familienbildes, das zukünftig mehr als nur einen Vater und eine Mutter mitdenken muss. Auch schwule Männer wollen Vater werden und viele lesbische Paare setzen den Kinderwunsch längst vielfach um.“

Weitere Stimmen aus dem Bündnis:

Die Queere Jugendgruppe aus dem Queren Zentrum Göttingen sagt: „Gerade queere Jugendliche brauchen ein offenes und respektvolles Umfeld für ihre Persönlichkeitsentwicklung. Viele von ihnen werden nur unzureichend oder gar nicht durch Eltern und Lehrkräfte unterstützt.“

Cosma Kraft von der HG Queer (eine AG des Hainberg-Gymnasiums) und aus der Schüler*innenInitiative erläutert: „Ein wichtiger Teil der Entwicklung ist für viele Jugendliche das Herausfinden der eigenen sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität. Besonders jetzt, da sich rechtspopulistische Positionen großer Beliebtheit erfreuen, ist queere Sichtbarkeit sehr wichtig, damit die eigene Entwicklung fern von Diskriminierung und Selbstzweifeln stattfinden kann.“

Sandra Wolf, LSBTIQ-Vertrauenslehrerin am Hainberg-Gymnasium Quelle: R

Sandra Wolf, LGBTIQ-Vertrauenslehrerin im Hainberg-Gymnasium ergänzt: „Gerade im Umfeld Schule werden queere Jugendliche häufig diskriminiert. Oftmals sind Wissenslücken oder falsche Bilder die Grundlage für diskriminierendes Verhalten oder Tabuisierung der verschiedenen Identitäten und Lebensweisen. Hier hat Schule eine große Aufgabe: Wissen vermitteln, Sensibilisierung schaffen und so Vorurteile und Ängste abbauen.“

Von Ulrich Schubert

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