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Göttingen Aufgewachsen in Göttingen
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20:32 27.03.2018
Die Weender Straße mit der Jacobikirche im Hintergrund.
Die Weender Straße mit der Jacobikirche im Hintergrund. Quelle: Foto:
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Göttingen

Die Stadt an der Leine hat ihr ei­ge­nes Gepräge. Das meint Cor­ne­lie Hildebrandt. Die Germa­nis­tin ist in Göttingen geboren. Jetzt hat sie ein Buch herausge­bracht über die Kindheit in ihrer Heimat­stadt in den Jahren am Ende des Zweiten Weltkriegs und danach: „Aufgewachsen in Göttin­gen in den 40er- und 50er-Jahren.“

„Anders als alle Städte dieser Welt“

„Die Stadt, in der wir aufgewachsen sind, ist so ganz anders als alle Städte dieser Welt.“ Damit bewirbt der Wartberg-Verlag eine Reihe von Büchern über zahlreiche Städte in Deutschland, in der auch Hildebrandts Werk erschienen ist. Göttingen könnte allerdings tatsächlich eine Sonderstellung einnehmen, denn „den Krieg hatte die kleine Universitätsstadt glimpflich überstanden. Das Kriegsende sei ohne Verluste verlaufen und die englischen Besatzer seien in der Regel wohlwollend aufgetreten, schreibt Hildebrandt.

Aufgewachsen in Geismar

Für das Buch sprach Hildebrandt mit Zeitzeugen, mit Menschen, die in den 40er-Jahren geboren wurden. Joachim Wagner hat sie getroffen, der als mittleres von drei Kindern in dem damals noch nicht eingemeindeten Dorf Geismar aufwuchs. Er erlebte wie viele andere auch die Bombenalarme, die die Kinder damals allerdings oft gar nicht ängstigten, wenn sie im Wohnzimmer oder in einem Keller in der Calsowstraße zusammenkamen.

Der Kirchenmusik und der Stadtkantorei hat Hildebrandt einen Abschnitt gewidmet, wie auch dem „großbürgerlichen Lebensstils“ und dem „mühsamen Alltag“. Die Ereignisse in Göttingen bei Kriegsende hat sie minuziös recherchiert. Ihre weitegehende Unversehrtheit habe der Stadt einen raschen Aufschwung in den Bereichen Bildung, Kultur und Forschung beschert, aber auch eine gewaltigen Strom von Flüchtlingen. „Göttingen platzt aus allen Nähten“, titelt Hildebrandt.

Ein Wasserhahn, zwei Plumpsklos

Auch Richard Jankowiak ist in Göttingen aufgewachsen, er verbrachte seine Kindheit in der Altstadt. Seine Familie habe im Haus Lange Geismarstraße 51 gewohnt, dort wo heute der Kaffeeröster Contigo eingezogen sei. Für 24 Mitparteien habe es nur einen Wasserhahn und zwei Plumpsklos gegeben, schildert Jankowiak die sanitären Verhältnisse.

Sonntags waren auch damals natürlich Spaziergänge über den Wall oder den Rosengarten angesagt – oder man fuhr wie die Familie der kleinen Ulla zum Gasthof „Waldhaus Södderich“. Das Gebäude liegt heute noch zwischen Roringen und Waake an der Bundesstraße. Und nach dem Kirchgang gab es für die Kleinen manchmal Süßes von Eis-Agnoli.

Sehr kurze Göttingen-Zeit

Eine Seite hat Hildebrandt Prominenten Göttingern vorbehalten. Dort tauchen Menschen auf die heute noch hier leben wie der Musiker Gunter Hampel und der Verleger Gerhard Steidl oder nur eine sehr kurze Göttingen-Zeit in ihrer Vita verbuchten wie der Musiker und Schauspieler Herbert Grönemeyer, der wenige Wochen nach seiner Geburt mit seinen Eltern aus Göttingen fort zog. Auch die Schauspielerin Gundrun Landgrebe hat in Göttingen das Licht der Welt entdeckt wie auch die SPD-Politiker Peter Struck, Klaus Wettig und der amtierende Göttinger Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler, der einige Seiten später zu Wort kommt.

„Geschichten und Schicksale“

„Hinter diesen Fotos, in diesen Erlebnissen sind wir. Nur wenn diese abgebildet und aufgeschrieben werden, bleiben unsere Geschichten und Schicksale erhalten“, habe eine ihrer Gesprächspartnerinnen sichtlich bewegt bei der Auswahl der Bilder gesagt, berichtet Hildebrandt.

Ruth Hildebrandt: „„Aufgewachsen in Göttin­gen in den 40er- und 50er-Jahren“, Wartberg-Verlag, 64 Seiten, 12,90 Euro.

Von Peter Krüger-Lenz