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Göttingen Dagmar Schlapeit-Beck (SPD) widerspricht Ratspolitikern
Die Region Göttingen Dagmar Schlapeit-Beck (SPD) widerspricht Ratspolitikern
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19:48 30.07.2014
Von Michael Brakemeier
Konzept des Denkmals: Kritiker bemängeln hieran die falschen Proportionen des geplanten 4,1 mal 4 mal 2,5 Meter großen Sockels. Quelle: Möbus
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Göttingen
Dagmar Schlapeit-Beck

Aussagen, dass sie sich dahingehend geäußert haben soll, dass eine Ablehnung der Spende Nachteile für die Stadt Göttingen auslösen würde, und dass ihr daran gelegen gewesen sei, die potenten Spender nicht zu verprellen, weist sie ebenfalls zurück.

Sie sei von Anfang an von der Qualität des Kunstwerks überzeugt gewesen und habe sich auch gegenüber Ratsmitgliedern für das Vorhaben eingesetzt. „Ich sehe es als meine Aufgabe als Kulturdezernentin an, mich auch für umstrittene Kunstwerke in Göttingen stark zu machen“, sagt Schlapeit-Beck gegenüber dem Tageblatt.

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„Ich bin der Meinung, dass eine Ablehnung des Projekts durch den Rat für die Stadt Göttingen nicht förderlich gewesen wäre, da Göttingen dann überregional als provinziell dagestanden hätte.“ Gleichzeitig betont die Kulturdezernentin, dass sie sich dagegen verwahre, ihr Abhängigkeiten gegenüber den Stiftern zu unterstellen. Diese kenne sie „noch nicht einmal vollzählig“, sagt Schlapeit-Beck.

Rede vor dem Rat der Stadt Göttingen: Annahme der Schenkung des Denkmals für die Göttinger Sieben

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

der heutige Beschluss zur Annahme der Schenkung des Denkmals für die Göttinger Sieben der Objektkünstlerin Christiane Möbus stellt für mich einen kulturpolitischen Höhepunkt in der Arbeit dieses Rates dar.

Christiane Möbus steht für ein rätselhaftes und eigenwilliges Bildhauerisches Werk.

Viele ihrer Arbeiten  entziehen sich einer vordergründigen Interpretation und Bedeutung. Sie verweist den Betrachter auf seine eigene Kraft des Sehens, Assoziierens und Verstehens. Sie gilt als eine der wichtigsten deutschen Künstlerinnen der Gegenwart.

Die Künstlerin und Professorin Christiane Möbus liebt das Spiel der Selbstinszenierung und hat hiermit bereits erhebliche Irritationen in der Göttinger  Öffentlichkeit ausgelöst. 

Welch Geschenk an die Stadt Göttingen?

Die Göttinger  Kulturpolitik, nur noch gewohnt in fiskalischen Kategorien zu denken, ist einer inhaltlichen Debatte ausgesetzt.

Dieses Denkmal ist zunächst Sinnbild für die Protestation der Göttinger Sieben.

Sie haben symbolisch König Ernst August vom Sockel gestürzt.

Aber anstelle des Königs werden nicht sie, die Göttinger Sieben auf das Podest gehoben, sondern der Sockel bleibt leer bis auf die nicht sichtbaren  Spuren der Hufe des nicht  vorhandenen Pferdes.

Die öffentliche Diskussion über dieses Denkmal entfacht sich zum einen an den Ausmaßen dieses Sockels. Seit Marc-Aurel in  der römischen Antike gehört die Erhöhung eines Herrschers als Reiterstandbild auf einem Sockel zur Inkarnation seines Herrschaftsanspruchs und zur  Instrumentalisierung der Kunst durch die Politik.

So erschließt  sich der Sinn dieses leeren monumentalen Sockels eines nicht vorhandenen Reiterstandbilds erst als Synonym für die Bedeutung der Handlung der Göttinger Sieben.

Zum anderen bewegt die Göttinger Bürgerschaft die Frage der Signatur von Christiane Möbus, eingereiht zu den Namen der sieben Professoren. Unterstellt  wird ihr hierbei Selbsterhöhung und Anmaßung.

Christiane Möbus selbst will gar nicht auf das Podest, nein sie durchbricht mit Ironie das Prinzip der Heroisierung. Nicht die Göttinger Sieben werden anstelle des Königs auf den Sockel gehoben, sondern gemeint ist hier das Exemplarische, z.B. die Erweiterung um sie als heutige zeitgenössische Bürgerin. Ob Gender-Aspekt, Frauen konnten 1837 weder studieren noch lehren, also auch nicht protestieren und in die Geschichte eingehen oder Synonym für die Zivilcourage eines jeden von uns?

Es sind diese Brüche, die mehrschichtigen Bedeutungsebenen, die große Kunstwerke auszeichnen. Bitte stellen Sie Ihren persönlichen Geschmack bei ihrer heutigen Entscheidung zurück. Lassen Sie moderne Kunst als Stein des Anstoßes in Göttingen zu.

So kann Göttingen in die Kunstgeschichte eingehen als Standort der gebrochenen Reiterdenkmäler. Neben dem Antikriegsdenkmal von Uwe Appold mit seinem Doppelkentauer aus dem Jahr 1985 würden wir nunmehr mit dem leeren Sockel und seiner interpretationsfähigen Inschrift die Zivilcourage der Göttinger Sieben ehren,  aber in bester Tradition von Georg-Christoph Lichtenberg.

Kunst im öffentlichen Raum ist nicht Dekoration, sondern urbane Reibungsfläche. Die Auseinandersetzung mit Kunst macht den Stadtraum präsent und wirkt aktivierend auf unsere städtischen Diskussionen.

Sehr geehrte Damen und Herren, 

lassen Sie bei Ihrer heutigen Entscheidung moderne Kunst für Göttingen zu und ermöglichen Sie die Aufstellung dieses  dauerhaften Steins des Anstoßes.

Herzlichen Dank