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Göttingen Das dickste Buch und Archivalien aus der Blutkammer
Die Region Göttingen Das dickste Buch und Archivalien aus der Blutkammer
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18:33 07.08.2011
Von Katharina Klocke
Im Magazin: Erika Schmidt und Hans-Jürgen Reuter erkunden die Regale des städtischen Gedächtnisses.
Im Magazin: Erika Schmidt und Hans-Jürgen Reuter erkunden die Regale des städtischen Gedächtnisses. Quelle: Vetter
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Göttingen

Hinter den dicken Mauern des Rathaus-Nebengebäudes an der Reinhäuser Landstraße in Regalsystemen, in Schubladen und Schränken werden fünf Kilometer Schriftgut seit dem 13. Jahrhundert gelagert. Zu finden sind Dokumente der Stadtverwaltung Göttingen und der eingemeindeten Ortschaften sowie von Privatpersonen, Familien, Vereinen, Firmen, Innungen. Darüberhinaus gibt es Findbücher, Kataloge und Sammlungen wie die fast vollständige Reihe Göttinger Zeitungen, Plakate, Flugblätter, Stadtpläne, Stammbücher und Autographen. „Das Archiv ist die älteste Dienststelle der Stadt Göttingen“, sagt Archivarin Ulrike Ehbrecht, die die Besuchergruppe durch die Räume führt.

Nicht nur bürokratische Vorgänge der Vergangenheit beschäftigen die Archivare. Zu den bereits existierenden Kilometern kommen jährlich weitere Meter zeitgenössischen Papierkrams hinzu: „Die Ämter der Stadtverwaltung geben uns die nicht mehr benötigten Akten“, erklärt Ehbrecht. Einer ihrer Kollegen entscheidet, welche mit einem „K“ für Kassation (Vernichtung nach Datenschutzprinzipien) oder einem „A“ für archivwürdig versehen werden. „Der Platz wird langsam knapp.“ Wichtige Unikate werden im niedersächsischen Staatsarchiv in Bückeburg abgefilmt und in einem Stollen im Schwarzwald eingelagert.

Die älteste Urkunde aus der Stadtgeschichte wurde um 1230 geschrieben: Herzog Otto forderte darin den Rat zur Anerkennung seiner Erbansprüche auf. Das dickste Buch verdankt die Stadt ihrer Kämmerei: Der Rücken des in Schweinsleder gebundenen Bandes mit Rechnungen und Belegen misst knapp einen halben Meter und stammt aus der Zeit der Universitätsgründung 1736/37. „Wahrscheinlich ist er deshalb auch so breit“, vermutet Ehbrecht.

Göttinger Archivalien wurden seit dem 14. Jahrhundert in hölzernen Laden und verschließbaren Kisten in der Dorntze des Alten Rathauses aufbewahrt. Manchmal liegt die Geschichte, die die Archivare bei der Bearbeitung des Materials entdecken, nicht im Inhalt, sondern in seinem Erhaltungszustand. Die „Archivalien aus der Blutkammer“ etwa zeugen von den Kämpfen des 30-jährigen Krieges (1618-1648). Es handelt sich um Schriftstücke, die beim Überfall feindlicher Soldaten auf das Rathaus über und über mit Blut bespritzt wurden. „Es war viel Arbeit, sie zu reinigen“, erinnert sich Ehbrecht.

Die aus Galläpfeln und Eisensulfat hergestellte dokumentenechte Tinte vergangener Jahrhunderte wurde mit Streusand getrocknet, „wenn ich damit arbeite, sehe ich aus wie im Urlaub an der Ostsee“. Kostbar sind die vom Stadtschreiber mit Notizen beschrifteten Wachstafeln von 1330 bis 1353, auf denen Statuten und Kriminalfälle in mitteldeutscher Sprache nachzulesen sind. „Die Tafeln werden jetzt restauriert“, berichtet die Archivarin.

Auch die jüngere Geschichte mitsamt ihrer Verbrechen taucht aus all den Pergamenten und Papieren auf. Die zwölfjährige Lissy Asser entdeckten die Archivare gleich zweimal in den Akten aus der Zeit des Nationalsozialismus: in der Juden-Kennkartei des Einwohnermeldeamtes und auf einer Deportationsliste nach Theresienstadt. Damit dieser und andere Zeiträume der Göttinger Geschichte nicht in Vergessenheit geraten, können nicht nur Studenten sondern alle „Bürger mit einem berechtigten Interesse“ im Archiv arbeiten. Vor-aussetzung dafür ist lediglich das Ausfüllen eines Nutzungsantrages, auf dem der Hintergrund des Interesses abgefragt wird.