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Göttingen Debatte um Lieferungen per Zweirad in der Göttinger Innenstadt
Die Region Göttingen Debatte um Lieferungen per Zweirad in der Göttinger Innenstadt
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13:54 27.03.2014
Von Ulrich Schubert
Freie Fahrt trotz Fußgängerzone: Im westlichen Teil der Prinzenstraße ist Radfahren erlaubt und Lieferverkehr von 5 bis 11 Uhr frei. Quelle: Hinzmann
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Göttingen

Die Diskussion darum ist alt, ein Bericht im Tageblatt hat sie neu ins Rollen gebracht: Ein Unternehmer hatte beklagt, dass er auch vormittags sein Fahrrad schieben muss, wenn er Akten ausliefert, obwohl Auto-Lieferverkehr bis 11 Uhr erlaubt ist.

Jetzt schlagen die Grünen vor, die Zone I den ganzen Tag für Lieferungen per Fahrrad freizugeben. Zugleich sollten Prinzen- und Theaterstraße zwischen Gotmar- und Jüdenstraße für eine bessere Ost-West-Verbindung für Radfahrer geöffnet werden.

Radfahrer dürften nicht weiter benachteiligt werden, erklärt im Ratsausschuss für allgemeine Angelegenheiten Margit Göbel (Grüne). Viel eher sollte Radfahren aus umweltpolitischen Gründen attraktiver gestaltet werden. Einzige Bedingung für beide Vorschläge: Radfahrer dürften nur Schritttempo fahren.

Mit ironischem Unterton

„Wer glaubt, dass das klappt, wird selig“, konterte Wilhelm Gerhardy (CDU). Kein Radfahrer werde sich daran halten, „das ist zu gefährlich für Senioren“. „Nicht zu vergessen Geh- und Hörbehinderte“, ergänzte Regine Rohmann vom Behindertenbeirat.

Schon jetzt müsse sie sich nach Zusammenstößen mit Radfahrern alle eineinhalb Jahre einen neuen Blindenstock kaufen. Frank-Peter Arndt (SPD) wertet den Antrag mit ironischem Unterton als einen „sehr klugen“ Vorschlag, der eigentlich Radfahren den ganzen Tag über möglich mache.

„Denn wer will prüfen, ob tatsächlich etwas ausgeliefert wird.“ Vorstellen könne er sich eine Freigabe zur Lieferzeit. Diese wiederum könnte vielleicht verlängert werden, da inzwischen viele Geschäfte erst um 10 Uhr öffnen. Eine Freigabe Richtung Nabel lehnt Arndt ab: „zu unübersichtlich.“

Ergebnis offen

Seine Genossin Helmi Behbehani ist skeptischer: Der Vorschlag bevorzuge alleine Radfahrer. In der Fußgängerzone sollten „Fußgänger gehen können, ohne sich ständig umsehen zu müssen“. Gerd Nier (Linke) warnte davor, von wenigen bösen Radfahrern auf alle zu schließen. Der „sehr gute“ Antrag könne den Auto-Lieferverkehr am Morgen entlasten.

Das Ergebnis ist offen. Jetzt soll die Verwaltung alle Ideen zusammenfassen und mögliche Modelle rechtlich bewerten.

►Kommentar: Die Chance des Chaotischen

Das ist selten, dass eine politische Debatte mit so vielen Vorschlägen, Gegenvorschlägen, Wenns und Abers eigentlich genau das Richtige an dieser Stelle ist. Zeigt sie doch, wie groß auch das tatsächliche Durcheinander im Göttinger Innenstadtverkehr ist.

Seit Jahren gibt es immer wieder Einzelforderungen und Diskussionen zwischen verhärteten Fronten. Und immer stehen dahinter nachvollziehbare Klagen einer Gruppe: Fußgänger schimpfen über Lieferautos und rasende Radfahrer.

Handwerker, Händler, Innenstadtbewohner und Lieferanten klagen, dass sie nur eingeschränkt in die Zone fahren dürfen und oft schwere Dinge schleppen müssen.

Radfahrer können überhaupt nicht verstehen, warum sie vormittags neben Lieferanten oder nachts auf leeren Wegen nicht fahren sollen. Und dann noch die Debatte um die Busse. Diese Gemengelage kann nur durch ein Gesamtkonzept geordnet werden.

Vielleicht ein ganz neues Verkehrskonzept mit markierten Radwegen, mit Nummern für Lieferanten und Kennenlern-Partys für Fußgänger und Radfahrer.

Zugegeben, Spinnerei. Aber genau das ist die Chance: Eine scheinbar ausweglose und verworrene Debatte ist die beste Ausgangslage für kreative Ideen, die am Ende in eine ruhige (Fußgänger)-Zone führen.

Ulrich Schubert