Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Göttingen Landwirte der Region beteiligen sich an bundesweitem Protest
Die Region Göttingen Landwirte der Region beteiligen sich an bundesweitem Protest
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:40 22.10.2019
Christian Frohme, Ulrich Jerebic, Henning Timmermann und Arne Röttcher beteiligen sich am Protest. Quelle: Scharf
Anzeige
Göttingen/Hannover

Vier Vollerwerbslandwirte sitzen am Küchentisch von Henning Timmermann in Güntersen. Sie wollen reden. Über ihren Unmut, ihre aktuelle Situation und über den Grund, warum sie am Dienstagmorgen mit ihren Schleppern nach Hannover fahren. Sie sind Teil einer Bewegung, die erst vor wenigen Tagen in den sozialen Medien entstanden ist und aktuell etwa 100.000 Menschen umfasst.

„Von Schleswig-Holstein bis Bayern, von Brandenburg bis Nordrhein-Westfalen, gehen Landwirte friedlich auf die Straße, um ihre Gesprächsbereitschaft zu demonstrieren. Denn wir haben keine Stimme mehr“, wird der Aktionstag unter dem Motto „Wir rufen zu Tisch“ auf der Internetseite landschafftverbindung.de angekündigt. Die Verantwortlichen betonen, dass sie keinem Verband und keiner Organisation unterstehen. Man sei ein Zusammenschluss deutscher Landwirte, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.

„Die Wucht ist enorm“

Trotzdem sitzt in Güntersen auch Landvolk-Geschäftsführer Achim Hübner mit am Tisch – „nur zur logistischen Unterstützung“, sagt er. Und wohl auch um zu signalisieren, dass zumindest sein Verband hinter dem Protest steht. Er habe in seinen mehr als 20 Berufsjahren noch keine solche Mobilisierung in der Branche erlebt, sagt er. „Die Wucht ist enorm.“

Doch worum geht es den Landwirten konkret? Niedriger Milchpreis, hohe bürokratische Belastung, zu strenge Auflagen oder zu geringe Fördermittel? „Wir gehen in diesem ersten Schritt bewusst nicht auf einzelne Themengebiete ein“, erklärt Ulrich Jerebic. Der Northeimer gehört zum Orga-Team Niedersachsen, das die Sternfahrt nach Hannover organisiert. Gerade erreicht ihn die Nachricht: Am Montagmittag sind 1500 Schlepper aus allen Landesteilen angemeldet, 150 aus dem Göttinger Umland. „Aber die Welle ebbt nicht ab.“

Zentrale Kundgebung in Bonn

Die größte Kundgebung ist in Bonn geplant. Dort will man den Protest direkt bis vor das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft tragen. Denn hier wurden die Entscheidungen getroffen, die aus der Unzufriedenheit der deutschen Landwirte offenen Ärger gemacht hat. „Das Agrarpaket hat das Fass zum Überlaufen gebracht“, sagt Hübner. Doch nicht nur die Inhalte, auch die Art der Entstehung lässt die Bauern aufschreien. Es habe im Vorfeld des keinerlei Rücksprache mit der Basis oder den Verbänden gegeben.

Die im September von Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) und Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) vorgestellten Maßnahmen (siehe Infokasten) träfen jeden Betrieb, sagt Christian Frohme aus Hollenstedt. Die Unternehmen würden von der Politik durch immer neue Regeln in ihrer Arbeit behindert. In den vergangenen Jahren hätten deshalb immer mehr aktive Landwirte aufgeben müssen. Und wer willens und in der Lage gewesen sei zu wachsen, frage sich mittlerweile, warum er das noch tun solle.

Keine Investitionen in unsicheren Zeiten

„Wir wollen doch eigentlich nur von dem, was wir an 365 Tagen im Jahr machen, unsere Familien ernähren können“, sagt Henning Timmermann. Für den Günterser sind es vor allem die Perspektivlosigkeit und Ratlosigkeit, die die Arbeit auf dem Feld und im Stall so unbefriedigend hat werden lassen. Am Tisch ist man sich einig: Wer seinen Betrieb heute nach den neuesten Anforderungen aufgestellt hat, kann schon morgen an neuen Auflagen scheitern. „In solch unsicheren Zeiten investiert doch keiner mehr.“

Dabei seien sie alle Überzeugungstäter, betonen die vier Landwirtschaftsmeister. „Wir leben alle in einer Kulturlandschaft, die wir selber geschaffen haben“, wirft Arne Röttcher aus Lagershausen in die Runde. Es sei in ihrem eigenen Interesse, diese zu erhalten. Nicht zuletzt für die nächste Generation, die den Hof später mal übernehmen soll. Sie alle finden es unerträglich, dennoch in der öffentlichen Diskussion als Umweltverschmutzer und Tierschänder hingestellt zu werden. „Wir haben die Schnauze voll, die Prügelknaben der Nation zu sein.“

Die Entscheidung fällt an der Supermarktkasse

Vom Aktionstag versprechen sie sich eine ehrliche Diskussion über das, was Landwirtschaft in Zukunft sein soll. „Wir können morgen alle Bio-Bauern werden, wenn das der Verbraucher so haben will“, sagt Hübner. Die Entscheidung fälle jeder einzelne letztendlich an der Supermarktkasse. „Die Welt ist am 23. Oktober sicher keine andere“, so Hübner. Aber vielleicht gelingt es durch den Protest, wieder miteinander an einen Tisch zu kommen.

Das Agrar-Paket

Anfang September verständigte sich das Kabinett nach seiner Sommerpause auf das sogenannte Agrar-Paket – ein Gemeinschaftswerk aus dem Umwelt und dem Agrarministerium. Im Kern umfasst es drei Themenbereiche: das Aktionsprogramm Insektenschutz, die Umschichtung der Agrarförderung mit Fokus auf den Umweltschutz und das dreistufige freiwilliges Tierwohllabel.

Letzteres soll für den Verbraucher nachvollziehbar machen, ob Schweine, später auch Geflügel und Rinder, von der Geburt bis zur Schlachtung ein besseres Leben geführt haben, als es gesetzlich vorgeschrieben ist. In diesem Punkt hatte es im Vorfeld zwischen den verantwortlichen Ministerinnen Svenja Schulze (SPD) und Julia Klöckner (CDU) die größten Differenzen gegeben. Und auch im Bundestag dürfte es hier den deutlichsten Widerstand geben.

Um Insekten besser zu schützen, sollen Landwirte verpflichtet werden, Rückzugsräume zu schaffen in denen der Einsatz von Herbiziden und Insektiziden verboten sein soll. 50 Millionen Euro stellt der Bund für dieses Projekt in Aussicht. Generell werden Fördermittel ab kommendem Jahr stärker in Abhängigkeit von Umwelt- und Artenschutz verteilt. Mit sechs statt bisher 4,5 Prozent honoriert der Bund Bemühungen der Landwirte um die Natur.

Von Markus Scharf

Vor dem Landgericht Göttingen hat am Montag, 21. Oktober, die Neuauflage eines Missbrauchsprozesses gegen einen früheren Göttinger Studenten begonnen.

21.10.2019

Vor einem Monat war Richtfest des Kunsthauses in Göttingen. Am Dienstag, 22. Oktober, berät der Ausschuss für Kultur und Wissenschaft/Betriebsausschuss Stadthalle über die Gründung einer gGmbH.

21.10.2019

Fast ein Drittel der Lebensmittel in Deutschland landet in der Tonne. Dagegen machen Göttinger Initiativen mobil, die am Gänseliesel mit einer Schnippel-, Koch- und Infoaktion präsent waren.

21.10.2019