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Göttingen Denker, Lenker, Freund: Das Tageblatt trauert um seinen Chef Uwe Graells
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Denker, Lenker, Freund: Das Tageblatt trauert um seinen Chef Uwe Graells

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10:23 15.08.2020
Uwe Graells
Uwe Graells Quelle: Hinzmann
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Göttingen

Als freier Mitarbeiter der GT-Sportredaktion hat Uwe Graells einst in Göttingen begonnen – und es bis zum Chef des Tageblatts gebracht. Auf den ersten Blick hat sich hier ein Kreis geschlossen. Aber das stimmt überhaupt nicht. Hier hat sich kein Kreis geschlossen, dieses Leben ist einfach viel zu früh zu Ende gegangen. Zwei Jahre lang hat Uwe Graells, unterstützt und getragen von seiner wunderbaren Familie, gegen seine heimtückische Krankheit gekämpft. Jetzt hat er mit nur 56 Jahren diesen Kampf verloren.

Das Tageblatt-Team trauert um seinen Chef, der noch so viele vielversprechende Ideen für die Zukunft des Unternehmens hatte. Und der ebenso viele Pläne für seinen privaten weiteren Weg geschmiedet hatte. Ich selbst trauere um einen Mann, der so viel mehr war als nur mein Vorgesetzter. Zwei Jahrzehnte durfte ich Uwe Graells begleiten, er hat mir einen Weg ermöglicht, der anderorts nur schwer vorstellbar gewesen wäre. Ich war sein Stellvertreter bei den Schaumburger Nachrichten, später beim Göttinger Tageblatt und Eichsfelder Tageblatt. Wir hatten es nicht immer leicht, haben aber immer einen Weg gefunden, Herausforderungen zu meistern.

Bildung war der Schlüssel zum persönlichen Erfolg

Es erfüllt mich mit Stolz, dass er in den letzten gemeinsamen Jahren uns, die wir mit diesem Begriff sehr sparsam umgehen, Freunde genannt hat. Auf Außenstehende mag unser Umgang gelegentlich eigenwillig gewirkt haben: zutiefst vertraut, und dennoch, aller Nähe zum Trotz, per Sie bis zum Schluss. Für uns war das ein Zeichen des Respekts gegenüber dem anderen, mit Distanz hingegen hatte es nichts zu tun – wir wussten, dass wir uns immer und in jeder Lage aufeinander verlassen konnten.

Student in Göttingen, in dieser Zeit freier Mitarbeiter in der GT-Sportredaktion, später Volontariat in Hildesheim, anschließend Redakteur in Bad Nenndorf, dann in Stadthagen Chefredakteur der Schaumburger Nachrichten und schließlich auch deren Geschäftsführer. In selber Konstellation war Uwe Graells auch in Göttingen tätig. Ein Vierteljahrhundert Redakteur, zwei Jahrzehnte Chefredakteur, fast ein Jahrzehnt auch Geschäftsführer der von ihm geleiteten Tageszeitungen. Diese Aufzählung beschreibt nicht annähernd die eindrucksvolle Biografie eines außergewöhnlichen Menschen. Vorgezeichnet war Uwe Graells dieser Lebensweg nicht. Seine familiären Wurzeln lagen in Norddeutschland und in Katalonien. Und sein überaus erfolgreicher Berufsweg entsprang keinem wie auch immer gearteten Geburtsrecht: Bildung war der Schlüssel für die eigene Entwicklung und auch für den sozialen Aufstieg.

Der „Dr.“ ist keine schlechte Eintrittskarte in einer Uni-Stadt

Den hat er nicht geschenkt bekommen, sondern sich hart erarbeitet. So hat er nach dem Studium noch Energie darauf verwandt, den akademischen Weg mit einer Dissertation zu krönen. Das war nicht nur dem Interesse am Thema geschuldet, sondern entsprach auch seiner Überzeugung, dass der „Dr.“ gelegentlich auch Türen öffnen kann. Nicht die schlechteste Eintrittskarte, wie sich Jahre später beim Antritt seiner damals neuen Stelle als Chef des Tageblattes in der Universitätsstadt Göttingen zeigen sollte. Das Thema Bildung, das für ihn persönlich so wichtig war, hat ihn auch später unaufhörlich beschäftigt, konkret als Teil seiner Arbeit auch immer mit der Frage verbunden, wie die Wissensressourcen, an denen Göttingen so reich ist, für die Allgemeinheit nutzbar gemacht werden können – und was die Heimatzeitung dazu beitragen kann.

In einer scheinbar immer komplexeren Welt schien der Kosmos von Uwe Graells überraschend klar sortiert. Im Kern reduzierte sich für ihn nahezu alles im Umgang mit Menschen auf wenige fundamentale Werte: Vertrauen, Loyalität und Fürsorge. Wer neu zum Team stieß, wen er dazu aussuchte, durfte mit einem überwältigend großen Vertrauensvorschuss rechnen. Wer mit ihm Geschäfte machte, konnte seinen Handschlag als Ersatz für einen umfangreich formulierten Vertrag nehmen. Wer dem Team gegenüber Loyalität zeigte, durfte sich der seinen jederzeit sicher sein, und zwar unbedingt. Und wer auch immer aus der Crew der Fürsorge bedurfte, bekam diese vorbehalt- und bedingungslos. Uwe Graells war nicht nur Journalist und Medienmanager durch und durch, sondern auch Sportler, ein Teamspieler im allerbesten Sinn.

Graells hat viel Kraft darauf verwendet, das Tageblatt zukunftsfit zu machen

Der Profi Graells hat den Medienwandel nie als Zeitungskrise begriffen, sondern darin eine Chance gesehen, journalistischen Inhalten noch mehr Reichweite zu verschaffen. Früh hat er sich mit den Chancen und Risiken digitaler Inhalte auseinandergesetzt, und doch hat er immer fest auch an die gedruckte Tageszeitung geglaubt, die er als gesellschaftliche Klammer und wesentlichen Teil eines funktionierenden Gemeinwesens verstand. Als Geschäftsführer und Chefredakteur hat er im Verbund mit der Madsack Mediengruppe sehr viel Kraft darauf verwendet, das Unternehmen fit für die Zukunft zu machen, das Tageblatt als maßgebliche publizistische Kraft in Südniedersachsen zu stärken und den Verlagsbereich modernen Anforderungen anzupassen, die mit den Zeitungsformen, die wir am Anfang unserer Laufbahn noch kennenlernten, häufig nur die Bezeichnungen noch gemein hatten.

„Das Geld kommt nicht aus der Steckdose“ war eine Redensart, die zwar nicht von ihm stammte, die er aber häufig bemühte. Es war für ihn viel mehr als eine Floskel. Sehr früh schon bemühte er sich, neue Felder zu beackern, die eine logische Ergänzung zu Anzeigenverkauf und redaktioneller Berichterstattung bilden konnten. Veranstaltungen beispielsweise gehörten daher sehr früh zum Portfolio der von ihm geleiteten Titel. Zu den notwendigen Schritten Richtung Zukunft zählten aber auch harte Eingriffe wie etwa die Schließung der Druckerei. Diese ist ihm schwergefallen, und zwar nicht nur, weil Drucken zur DNA einer klassischen Tageszeitung gehört, sondern weil ihm die Menschen am Herzen lagen, die häufig über mehrere Jahrzehnte beim und für das Tageblatt gearbeitet hatten.

Das Tageblatt verliert seinen Chef, Göttingen einen eindrucksvollen und prägenden Zeitungsmann, der das Arbeiten in Südniedersachsen nie nur als Job begriff, sondern als Privileg verstand. Seine Familie, die ihn über zwei Jahre mit aller Kraft unterstützt hat, verliert den Ehemann und Vater.

Jetzt fehlt er uns allen.

Von Christoph Oppermann