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Göttingen „Bitte, jetzt übertreibt nicht“
Die Region Göttingen „Bitte, jetzt übertreibt nicht“
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00:17 15.10.2016
Der Videoblogger und Göttinger Student Abdul Abbasi.
Der Videoblogger und Göttinger Student Abdul Abbasi. Quelle: HW
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Göttingen

Als am Wochenende bekannt wurde, dass ein mutmaßlicher Terrorist aus Syrien der sächsischen Polizei entkommen war, bekamen das auch Abbasi und Allaa Faham mit. „Wir müssen jetzt auch was tun“, hätten sie sich gedacht, erzählt Abbasi - kurzerhand übersetzten die beiden Syrer den bis dato nur auf deutsch verfügbaren Fahndungsaufruf ins Arabische. Wenig später zirkulierte der Text in Facebook-Gruppen von Flüchtlingen, auch andere Blogger beteiligten sich. Schlussendlich meldeten drei Syrer aus Leipzig der Polizei, der Gesuchte sitze gefesselt bei ihnen auf dem Sofa.

Seitdem schlagen die Wellen hoch: Den in Leipzig lebenden Syrern solle ein Orden verliehen werden, fordern zahlreiche Politiker, die Kanzlerin bedankte sich für den Einsatz. Auch Abbasi hat tiefen Respekt für die Helden von Leipzig: Ihr Handeln zeige, „dass wir Syrer als Mitglieder dieser Gesellschaft auch die nötige Zivilcourage haben“ - zumal ihm zufolge rund 95 Prozent seiner Facebook-Fans den Fahndungsaufruf positiv aufnahmen.

Aber er sagt auch: „Bitte, jetzt übertreibt nicht, gebt uns Syrern nicht das Gefühl, endlich mal was gut gemacht zu haben.“ Gerade, dass jetzt die Reaktionen so überschäumen, zeige, „dass es ein Problem gibt, dass die Gruppe der Syrer nicht als normal wahrgenommen wurde.“ „Ist das unnormal, dass wir uns hier als Syrer ganz normal verhalten? Dass wir Zivilcourage zeigen?“ fragte er prompt seine deutschen und arabischen Facebook-Fans.

Er hat dafür wenig Verständnis, denn gerade angesichts der Bedrohung durch den internationalen Terrorismus sei es doch wichtig, dass Syrer und Deutsche zusammenarbeiten - die „drei Jungs“ aus Leipzig wüssten beispielsweise, was es bedeute mit Krieg und Terrorismus zu leben. Allerdings sagt er auch: „Diese Zusammenarbeit fehlt nicht nur beim Thema Terrorismus, die fehlt überall“.

Von Christoph Höland