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Göttingen Doppelmord in Göttingen: Was die Polizei bisher weiß – und was nicht
Die Region Göttingen Doppelmord in Göttingen: Was die Polizei bisher weiß – und was nicht
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12:16 29.09.2019
Polizei und Staatsanwaltschaft informieren über die Festnahme von Frank N. und über Einzelheiten der Fahndung: Frank-Michael Laue (l-r), Oberstaatsanwalt, Thomas Rath, Leiter der Polizeiinspektion Göttingen, Gerd Lewin, Polizeivizepräsident der Polizeidirektion Göttingen, und Thomas Breyer, Leiter Zentraler Kriminaldienst Polizeiinspektion Göttingen. Quelle: Swen Pförtner/dpa
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Göttingen

Zwei Tage lang hat ein mutmaßlicher Mörder aus Göttingen Polizeibeamte aus drei Bundesländern in Atem gehalten. Frank N., dem zur Last gelegt wird, am Mittag des 26. September im Ortsteil Grone eine 44-jährige Frau getötet zu haben,konnte in den späten Abendstunden des 27. September in der Göttinger Innenstadt festgenommen werden. „Das waren zwei Tage, die wir so schnell nicht vergessen werden“, sagte Göttingens Polizeichef Thomas Rath am Sonnabendnachmittag vor Journalisten. „Die Erleichterung ist sehr groß“, fügte er hinzu. Die traurige Nachricht: Eine 57-jährige Frau, die dem Opfer zu Hilfe gekommen und vom Täter ebenfalls schwer verletzt worden war, starb in der Nacht zum Sonnabend.

Neben Rath standen sein Stellvertreter Gerd Lewin, Göttingens Kripochef Thomas Breyer, Oberstaatsanwalt Frank-Michael Laue und Göttingens Polizeisprecherin Jasmin Kaatz den aus ganz Deutschland angereisten Medienvertretern Rede und Antwort.

Die PK im GT-Ticker

Die Pressekonferenz stieß auf ein großes Medieninteresse. Quelle: Swen Pförtner

Wie erfolgte die Festnahme

Als die Einsatzleiter der Polizei davon ausgingen, dass sich der Gesuchte im Raum Hannover aufhält, erkannten Passanten in der Göttinger Innenstadt Frank N. Ein telefonischer Hinweis ging um 22.50 Uhr ein. Die Leitstelle schickte eine Zivilstreife in die Weender Straße. Die beiden Beamten – eine Frau und ein Mann – sollten erst einmal sondieren, ob es sich tatsächlich um den mutmaßlichen Täter handelt. Als das zweifelsfrei feststand, entschieden sie sich für einen sofortigen Zugriff. N. hatte in diesem Augenblick gerade eine Dönertüte in der Hand. Die Beamtin näherte sich ihm von vorn und gab sich als Polizistin zu erkennen, in diesem Moment ergriff ihr Kollege den Täter von hinten. Der wehrte sich heftig, schlug und trat und verletzte dabei die Polizistin leicht. Bewaffnet war der Mann zu diesem Zeitpunkt nicht.

Die Festnahme im Video (Quelle: privat):

Was geschah nach der Festnahme?

N. ist dem Haftrichter am Amtsgericht Göttingen vorgeführt worden. Der erließ einen Haftbefehl wegen Mordes und versuchten Mordes (jetzt zweifacher Mord). Aussagen gegenüber dem Richter hat N. nicht gemacht.

Wie viele Polizisten waren insgesamt im Einsatz?

Zeitweise bis zu 200 Beamte waren im Einsatz, darunter Hundeführer aus Göttingen, aus Thüringen und Nordrhein-Westfalen. Der Leitungsstab befand sich in Göttingen.

Stimmt es, dass sich der Täter nach seinem Opfer erkundigte?

Sogar mehrfach. Er fragte Passanten, ob sie ihm ihr Handy leihen würden, da sein Handyakku leer sei. Dabei habe er sehr entspannt, ruhig und empathisch gewirkt. Er rief die 110 an, um nachzufragen, ob das Opfer noch lebt. Die Polizei hat das jeweils bejaht, um so den Kontakt mit ihm zu halten.

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Die gesamte PK im Videomitschnitt(von Swen Pförtner):

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Was geschah im Regionalzug nach Hannover?

N. war auf seiner Flucht in einem Zug von Reisenden erkannt worden. Daraufhin lotste die Zugführerin unter einem Vorwand alle Personen aus dem betreffenden Abteil und verschloss es dann. Die alarmierte Polizei schickte je einen Streifenwagen aus Elze und aus Hildesheim zum Zug, der in Elze am Bahnhof hielt. Mehr Polizeikräfte sind in ländlichen Gebieten nicht auf die Schnelle abrufbar. Als der Zug am Bahnhof stand und N. das Abteil verschlossen vorfand, schlug er mit einem Notfallhammer eine Scheibe ein und flüchtete, noch bevor die Polizei eintraf. Polizeichef Rath lobt das geistesgegenwärtige Verhalten der Zugführerin.

Diese Scheibe schlug der Flüchtige ein und entkam so aus dem verriegelten Abteil. Quelle: Johannes Krupp

Was geschah danach?

N. tauchte in Hannover auf, die Strecke von Elze bis zur Landeshauptstadt ist er offenbar gelaufen. Hier nahm er Kontakt mit einem Rechtsanwalt auf, verbunden mit der Frage, ob der ihm Rechtsbeistand gewähren könne. Der Anwalt lehnte das ab. Zurück nach Göttingen soll N. zumindest teilweise mit einem Taxi gekommen sein.

Warum kehrte N. nach Göttingen zurück?

Darauf gibt es momentan keine Antwort.

Was genau ist am 27. September in Grone geschehen?

N. lauerte dem späteren Opfer an deren Arbeitsstelle auf und übergoss sie mit einem Brandbeschleuniger, den er mitgebracht hatte. Als die Frau flüchtete, stach er mit einem Messer auf sie ein und zündete sie ein weiteres Mal an. Als sie am Boden lag, schlug er mit einem Feuerlöscher auf ihren Kopf ein. Die Tat sei mit Bedacht geplant und ausgeführt worden, ist sich die Polizei sicher.

Spurensicherung unmittelbar nach der Tat am Freitag. Quelle: Niklas Richter

 

Woran starben die beiden Frauen?

Der Tod trat aufgrund von scharfer Gewalteinwirkung ein, die Tatwaffe war ein Messer. Die Obduktion der 44-Jährigen nahmen Mitarbeiter des Instituts für Rechtsmedizin Göttingen vor. Die Obduktion der 57-Jährigen steht noch aus.

Stand der Täter zu seinem Opfer in einem Verhältnis?

Die Polizei spricht von einer „Bekannten“, N. habe sich wohl von dieser Bekanntschaft mehr erhofft. Beide kannten sich seit eineinhalb Jahren.

Am Morgen nach der Tat: Trauernde haben am Tatort Kerzen und Blumen abgelegt. Quelle: Andreas Fuhrmann

Steht ein SEK-Einsatz in der Groner Landstraße 9a/9b mit dem Fall in Zusammenhang?

Ja. Ein Polizeihund hatte am Donnerstag eine Spur aufgenommen und Polizeibeamte in den Gebäudetrakt geführt und dort angeschlagen. Der Gesuchte war allerdings nicht dort.

Welche persönlichen Infos gibt es zu Frank N.?

Der 52-Jährige ist in Göttingen geboren und hat den Beruf des Tischlers erlernt. In den vergangenen Jahren hat er Gelegenheitsarbeiten ausgeführt. Polizeibeamte beschreiben ihn als „nach außen aalglatt“, durchtrainiert und keineswegs gewalttätig. N.ist dreimal wegen Vergewaltigungen verurteilt worden, einmal 1985 zu zwei Jahren und neun Monaten Haft, dann 1987 zu fünf Jahren Haft und 1994 zu sechs Jahren Haft. Bis 2001 saß er im Gefängnis. Danach ist er nicht mehr auffällig geworden.

Gab es bereits im Vorfeld der Tat einen Vorfall mit N.?

Ja, er hat am 20. September vor der Wohnungstür des späteren Opfers randaliert. Alarmierte Polizeibeamte sprachen ihm einen Platzverweis aus. Den hat N. ohne Weiteres akzeptiert. Laut Gerd Lewin haben die Kollegen korrekt gehandelt, die Eskalation eine Woche später sei nicht vorherzusehen gewesen.

Warum sind in der Nacht zum Freitag in Weende Schüsse gefallen?

Ein Polizist wollte einen ihm verdächtig vorkommenden Mann kontrollieren, der mit einem Fahrrad unterwegs war. Als der auf ein Stoppzeichen nicht anhielt, sondern flüchtete, gab der Polizist drei Signalschüsse ab, um seine Kollegen zu informieren. Er konnte schließlich angehalten und überprüft werden. Warum er nicht gleich zu Beginn anhielt, ist unklar. Die Schüsse lösten bei dem flüchtenden Radfahrer einen Schock aus.

Hatte die Polizei Unterstützung?

„Es waren die Hinweise aus der Bevölkerung, die uns immer wieder geholfen haben, dem Täter auf den Fersen zu bleiben“, lobt Gerd Lewin die Mithilfe durch die Bevölkerung. Es sei von großem Vorteil gewesen, dass Göttingen über Bereitschaftspolizisten verfügen konnte, betonte Thomas Rath. Ein Polizeiseelsorger und fünf Notfallseelsorger haben sich um die Opfer und um die Opferfamilien gekümmert.

Ist der Täter psychisch krank?

Für Göttingens Kripochef Thomas Breyer ist es nicht nachvollziehbar, wie N. seine Bekannte auf so bestialische Art und Weise umbringen und sich danach mehrfach nach ihrem Zustand erkundigen konnte. Einer Antwort auf die Frage, ob N. aufgrund einer psychischen Störung vermindert schuldfähig sein könnte und ob eine spätere Sicherheitsverwahrung angeordnet werden könnte, wollte Oberstaatsanwalt Laue nicht vorgreifen. Das werde im Prozessverlauf geklärt werden müssen.

War die Verunsicherung in der Bevölkerung groß?

Polizeichef Rath berichtet von zahlreichen besorgten Anrufen. Schulleiter zum Beispiel hätten nachgefragt, ob sie ihre Bildungsstätten sicherheitshalber schließen sollten.

Wie viele Zeugen sind während der Tat in Grone verletzt worden?

Neben der 57-jährigen Frau, die ihrer Kollegin zu Hilfe kommen wollte und die ihren schweren Verletzungen erlag, noch weitere zwei Menschen. Ihre Verletzungen sind zum Glück nicht schwerwiegend.

Trauerandacht in St.-Petri-Kirche

Um dem Entsetzen, der Trauer und der Sprachlosigkeit in Grone und ganz Göttingen einen Raum zu geben, lädt die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde St. Petri-Grone am Montag, 30. September, ab 18.30 Uhr zu einer öffentlichen Trauerandacht in die St. Petri-Kirche ein. Darüber informiert Pastor Henning Kraus.

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