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Göttingen „Die Atzen“ wollen in Atzenhausen auftreten
Die Region Göttingen „Die Atzen“ wollen in Atzenhausen auftreten
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22:53 17.08.2010
Von Andreas Fuhrmann
„ATZENhausen“: Ortsbürgermeister Volker Lüdecke mit dem letzten Schrei aus seinem Dorf, einem T-Shirt. Das Ortseingangsschild, vor dem er posiert, wurde bereits zweimal gestohlen. Quelle: Pförtner
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Des nachts fallen Unbekannte in das Dorf mit seinen 340 Einwohnern ein, pirschen sich leise an die gelben Ortseingangsschilder heran und schrauben sie in aller Seelenruhe ab. Was bleibt, ist ein trostloses Gerippe aus Eisen, eine verdutzte Bürgerschaft und offene Rechnungen. 300 Euro kostet so ein Schild. Da kommen schnell vierstellige Beträge zusammen.

Neulich erst ist es wieder passiert. Volker Lüdecke (SPD), Ortsbürgermeister von Atzenhausen, fährt zwar nicht jeden Tag Streife durch den Ort, seit der Schilderklau begonnen hat, aber wenn er ohnehin unterwegs ist, schaut er schon mal genauer hin. Da stand also das Schild eines schönen abends in seiner ganzen Pracht, und Lüdecke dachte noch bei sich, dass eigentlich schon lange keines mehr verschwunden sei. Am nächsten Morgen war es weg. „Das ist jetzt das Fünfte“, sagt Lüdecke und zuckt mit den Schultern. Erschüttern kann ihn das schon lange nicht mehr. Lieber nimmt er es mit Humor: „Das war eines der ältesten Schilder, das musste eh mal ausgetauscht werden.“

Die Täter sitzen derweil irgendwo in Deutschland, betrachten ihr neues Souvenir an der Wand und lachen sich ins Fäustchen. Vermutlich hören sie nebenbei Musik von den Atzen, denn die sind wohl der Auslöser für den ganzen Trubel. Ihr bekanntester Song „Das geht ab“ ist der Renner am Ballermann. Der Begriff Atze stammt eigentlich aus dem Altberlinerischen und bedeutet so viel wie großer Bruder oder Kumpel. Heutzutage nennt sich so aber eher eine lautstark feiernde Partygemeinde in knallbunter Aufmachung. Schuld daran sind die beiden Berliner Rapper und Produzenten Frauenarzt und Manny Marc, kurz eben: die Atzen.
Im Dorf hat sich das natürlich schon längst rumgesprochen. „Wir nehmen an, dass die Atzen-Fans scharf darauf sind, hier ein Andenken mitzunehmen“, sagt Lüdecke. Viele Autos mit auswärtigen Nummernschildern seien schon im Ort gesichtet worden, aus Brandenburg, Görlitz und sonst wo her. „Die Anwohner achten schon darauf“, sagt der Ortsbürgermeister. Er selbst auch. Vor einigen Wochen habe er ein paar Männer einfach mal angesprochen, als die gerade ihren Wagen parkten. „Na, was wollen die denn da“, habe er sich gefragt. „Wir kommen aus Görlitz, um uns am Ortsschild fotografieren zu lassen“, hätten sie geantwortet. Lüdecke ließ sie gewähren. „Das muss man sich mal vorstellen, da fahren die durch die halbe Republik, nur um ein Foto zu machen. Das ist schon ungewöhnlich“, sagt er und schüttelt den Kopf.

Die Fotos tauchen wenig später im Internet auf, wo sich die Atzen-Anhänger damit rühmen, als erste im Ort gewesen zu sein. Manch einer liefert eine Dorfbeschreibung gleich mit. „Von wegen Atzen sind tolle Kumpels, wohnen in Berlin, sind unglaublich locker drauf und machen den ganzen Tag nur Party. Ich bin heute mit meinem Rad bei den echten Atzen vorbeigekommen. Die wohnen ungefähr 20 km südwestlich von Göttingen und haben nicht mal ne Mehrzweckhalle in der die ebenfalls nicht vorhandene Feuerwehrkapelle zum Tanz aufspielen könnte“, schreibt einer und liefert den bildlichen Beweis gleich mit. „Wow, das Dorf kommt auf meine Reiseliste“, antwortet jemand. Und ein anderer schreibt: „Tach auch !!! mal ein Gruß von einem echten Atzen der sogar noch in der Feuerwehr ist. Nee, Mehrzweckhalle ist nicht, brauchen echte Atzen aber auch nicht zum Abfeiern. Gruß von einem echten Atzen“.

Ja, stolz sind manche Atzenhäuser auf den Hype, der um ihr ansonsten so beschauliches Dorf entstanden ist, durchaus. Beim Teichfest vor einigen Tagen nahmen sie sich sogar auf einem kompletten Wagen des Themas an. Der letzte Schrei zurzeit: ein T-Shirt mit der Zeile „Das geht ab“ auf der Brust und einem Aufdruck in Form eines gelben Ortsschildes und der Aufschrift „ATZENhausen“ auf dem Rücken. „Ein echtes Schild können wir ja nicht nehmen, die sind ja alle weg“, sagt einer der Erfinder und klopft sich auf die Schenkel.

Lüdecke versucht zu beschwichtigen. Natürlich wären die T-Shirts eine Geschäftsidee, sagt er. „Aber wir wissen ja nicht, was das für einen Tourismus auslöst.“ Erst neulich habe eine Agentur angefragt, ob die Atzen nicht mal im schönen Atzenhausen auftreten könnten. Da habe er aber energisch abgewunken, sagt der Bürgermeister. „Das wuchs mir über den Kopf. Ich habe Angst, dass das Kreise zieht und wir hier keine Ruhe mehr haben.“
Außerdem, gesteht Lüdecke, möge er diese neumodische Musik auch eigentlich gar nicht. „Beim Teichfest hat der DJ mal die Atzen aufgelegt. Die Texte sind schon heftig. Das ist nicht unbedingt so meins.“ Er höre viel lieber Oldies aus den 70er oder 80er Jahren.

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