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Göttingen Die perfekte Welle – auf Lentiswolke sieben
Die Region Göttingen Die perfekte Welle – auf Lentiswolke sieben
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20:40 05.03.2012
Sportlicher Draufgänger und verantwortungsvoller Pilot: Physiker Ulf Rosenow erklärt die Faszination des Wellenflugs.
Sportlicher Draufgänger und verantwortungsvoller Pilot: Physiker Ulf Rosenow erklärt die Faszination des Wellenflugs. Quelle: Hinzmann
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Günterode

1958 war er das erste Mal in der Luft – während seines Studiums in Marburg. „Mit einigem Herzklopfen“, wie er sagt. „Wellen zu segeln hat den Vorteil, dass man auch außerhalb der üblichen Saison fliegen kann. Von Herbst bis Frühjahr ist die Wellenwetterlage besser, im Sommer ist die Luft für die Wellen durch die Thermik gestört“, sagt Rosenow. Wie die Surfer auf Hawaii brauchen auch Wellensegelflieger die perfekte Welle. Gekennzeichnet werden die Luftwellen von Lenticularis-Wolken, kurz Lentis.

Die starken Wellen aus Wind sucht man hinter Bergen: im Abwind, dem Lee. Darum heißen sie Leewellen. Diese „Wellensysteme“ machen extreme Höhenflüge möglich. Seit einigen Jahren steigen die Flieger auch in deutschen Mittelgebirgen auf. Aber wie funktioniert das? „Eine Luftströmung, also der Wind, trifft quer auf einen Höhenzug. Hinter den Gipfeln entstehen dann wellenförmige Strömungen, auf denen man extrem schnell fliegen kann – wie beim Surfen auf einer riesigen Welle“, so der Experte. „Die Kraft der Welle trägt einen immer wieder nach oben. Im Harz sind schon Flughöhen von mehr als 7000 Metern erreicht worden. So hoch fliegen auch Verkehrsflugzeuge“, so der Pilot.

Damit es nicht zu Kollisionen kommt, hat die deutsche Flugsicherheit für Segelflieger spezielle Gebiete eingerichtet, sogenannte „Wellenflugfenster“. Die wagemutigen Flugmanöver bergen noch weitere Gefahren: ab 3000 Metern Flughöhe wird die Luft dünner. Und es wird kalt: In großen Höhen können schon mal 30 bis 50 Grad minus herrschen. „Da beim Segelflug der Motor fehlt, gibt es keine Heizung – aber warme Kleidung hilft. Und natürlich haben wir Sauerstoffgeräte dabei“, so Rosenow.

Aber nicht nur die Füße werden kalt, auch vereist feuchte Atemluft die Kabinenhaube. „Sicht halten wir dann nur durch ein kleines Seitenfenster“, räumt Rosenow ein. Weltrekordhalter im Wellenflug ist der Deutsche Klaus Ohlmann –der Segler nährt sich in den Anden der Todeszone in über 12 000 Metern. Rosenow kennt ihn schon lange – anfangs allerdings nicht durch das Fliegen: „Ohlmann hat Zahnmedizin studiert und wollte seine Doktorarbeit bei mir schreiben.“

Göttinger Flieger

Auch wenn es nicht gleich Wellensegelflug sein muss: Interessierten bietet die Luftsportvereinigung Göttingen (LVG) Schnupperflüge an. Auf dem Flugplatz in Günterode bildet der Verein auch Piloten, Flugleiter und Windenfahrer aus. Die Ausbildung zum Segelflieger kann mit 14 Jahren begonnen werden, den Segelflugschein gibt es dann mit 16. Voraussetzung für das Fliegen ist eine ärztliche Untersuchung. Weitere Informationen auch unter Telefon 03 60 85 / 4 06 01 oder lsv-goettingen.de.

Von Nina Winter