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Göttingen „Die spanische Fliege“ am Adelebser Bahnhof
Die Region Göttingen „Die spanische Fliege“ am Adelebser Bahnhof
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20:43 21.11.2010
Als Schaffner kostümiert: Hartmut Koch moderiert den Filmabend im Steinarbeitermuseum.
Als Schaffner kostümiert: Hartmut Koch moderiert den Filmabend im Steinarbeitermuseum. Quelle: Theodoro da Silva
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Die Komödie mit prominenter Besetzung wurde in den Ateliers der Göttinger Filmaufbau gedreht, Außenaufnahmen entstanden in Adelebsen am Bahnhof. Dieser wurde für den Film extra mit einem neuen Namensschild versehen und in Daxburg, den fiktiven Ort der Handlung umbenannt. Der Film erlebte seine Uraufführung am 1. März 1955 im Göttinger Capitol.

Bevor der Film über die Leinwand flimmerte, wurde im Museum erst einmal mit einem zünftigen Imbiss Fünfziger-Jahre-Atmosphäre geschaffen. Es gab unter anderem einen mit aufragenden Zwiebelstücken gestalteten Mett-Igel, falschen Hasen (Gehacktes) mit Ei, Weintrauben-Käse-Spießchen und falsche Fliegenpilze: Eier mit Tomatenhütchen und Mayonnaise-Punkten. Schon beim Essen kamen bei den Besuchern Erinnerungen an die alten Zeiten – und auch an die damals üblichen alkoholischen Getränke.

Koch moderierte den Film als Schaffner kostümiert an. Lange Zeit hat er versucht, den Film in die Hände zu bekommen, immer wieder stand er kurz davor aufzugeben. Doch nach monatelanger Recherche per Telefon und Mail bei Firmen, Stiftungen, Archiven und möglichen Rechteinhabern hielt Koch schließlich eine auf DVD übertragene Version des Films in den Händen – passend zum 100-jährigen Bestehen der Bodenfelder Bahn, also der Bahnlinie von Göttingen nach Bodenfelde. So konnten sich die Besucher denn prächtig über die Komödie amüsieren, in der unter anderem Rudolf Platte und Elisabeth Flickenschildt mitwirken.

Das Thema ist durchaus – im Rahmen der fünfziger Jahre – frivol. Eine Tänzerin – die titelgebende spanische Fliege – verdreht den Männern einer Kleinstadt den Kopf und wird ausgewiesen. Als Rache hängt sie gleich vier ehrenwerten Männern eine Vaterschaftsklage an. Alle vier wollen natürlich keinen Prozess und zahlen ebenso freiwillig wie heimlich. 20 Jahre später führt das zu allerlei Irrungen, Wirrungen und Turbulenzen. Viele Schaufensterpuppen ohne Kleidung und manche leichter bekleidete Frauen sind zu sehen – für Jugendliche war der Film damals nicht freigegeben.
Überraschend sind mehr oder weniger deutliche und durchaus sarkastische Anspielungen auf die Nazi-Vergangenheit. So ist eine Mutter mit einem unehelichen Kind schwanger, von dessen Vater man nur weiß, dass es ein „Adolf von auswärts“ ist. Und ein Pantoffelheld bekommt von seiner Frau aufgrund seiner braunen Vergangenheit ein Mitwirkungsverbot in demokratischen politischen Gremien erteilt.

Der Film „Die spanische Fliege“ entstand nach der Vorlage der gleichnamigen Theaterkomödie von Franz Arnold und Ernst Bach, die bis heute ein beliebtes Stück am Boulevardtheater ist. In dem Film tragen die Männer Hüte, es gibt große Telefone mit Schnur, und es wird viel geraucht. Es sei „erschreckend“, wie die Zeit seitdem vergangen sei, so Koch.
Die Adelebser erfreuten sich natürlich vor allem an den alten Aufnahmen vom Bahnhof, die Koch zum Schluss noch einmal als Zusammenschnitt zeigte. Die Bodenfelder Bahn sei früher aufgrund der Transporte aus den Basaltsteinbrüchen eine sehr rentable Strecke gewesen, so Koch. Und beim Klönen kamen bei den Besuchern Erinnerungen an andere in den fünfziger Jahren in der Region gedrehte Filme.

Von Jörn Barke