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Göttingen Warum junge Menschen keine Lust auf das „angestaubte Klischee der Parteiarbeit“ haben
Die Region Göttingen Warum junge Menschen keine Lust auf das „angestaubte Klischee der Parteiarbeit“ haben
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14:07 03.12.2019
Podium zum Thema „Unpolitische Jugend oder Politik ohne Jugend?“ (v. l.): Larissa Freudenberger, Matthias Micus, Moderator Henrik Buschmann und Ralf-Uwe Beck. Quelle: Richter
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Göttingen

„Unpolitische Jugend oder Politik ohne Jugend?“ Mit diesem Titel hatte die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung am Montagabend in das Zentrale Hörsaalgebäude der Uni Göttingen zu einer Podiumsdiskussion geladen. Es sollte um die Frage gehen, wie die politische Teilhabe von jungen Menschen gelingen kann. Außerdem wollte man klären, warum sich junge Erwachsene und etablierte Parteien zusehends voneinander entfernen..

Moderator Henrik Buschmann wollte dazu mit dem niedersächsischen Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD), der Göttinger Juso-Vorsitzende Larissa Freudenberg, Ralf-Uwe Beck, Bundesvorstandssprecher des Vereins „Mehr Demokratie“, und Matthias Micus vom Göttinger Institut für Demokratieforschung ins Gespräch kommen. Tonne allerdings ließ sich entschuldigen, etliche Zuschauer taten es ihm gleich. Vor allem die Resonanz der Zielgruppe blieb in überschaubarem Rahmen.

Interesse an Politik vorhanden

Gleich zu Beginn des Abends verabschiedete sich dann auch noch das Thema des Abends. Ein durchaus eloquenter Micus, der spontan den Impulsvortrag für den Minister übernommen hatte, musste gestehen, dass er vom Titel der Veranstaltung einigermaßen überrascht war. Schließlich sei die jüngste Shell-Studie von 2019 zum genau entgegensetzten Ergebnis gekommen. Die Generation der heute 12 bis 25-Jährigen zeigen laut der Befragung wieder stark gestiegenes Interesse an Politik, heiße es dort.

Zudem gebe es derzeit mehrere deutlich sichtbare Beispiele dafür, dass Jugend durchaus gewillt sei, sich für die eigenen Belange einzusetzen. Fridays for Future, Pulse of Europe oder die vorwiegend von der jungen Generation getragenen Proteste gegen den Uploadfilter seien gelebtes politisches Engagement. Kurz: Von Politikverdrossenheit könne keine Rede sein. Eher vielleicht von Politiker-Verdrossenheit, so Micus. Das wiederum sei ein selbstverschuldetes Problem: „Seit zweieinhalb Generationen gelingt es den etablierten Parteien nicht mehr, Nachwuchs zu mobilisieren.“

„Angestaubtes Klischee

Als lebender Beweis für das Gegenteil saß Freudenberger auf dem Podium. Mit 24 Jahren der Jugend nur knapp entwachsen gilt sie bereits als Urgestein der Parteien-Nachwuchsorganisation. Seit zehn Jahren ist sie bei den Jusos aktiv, später auch der Mutterpartei beigetreten, sie hat verschiedene Ämter inne und an diesem Abend großes Verständnis für alle jene, die sich „vom angestaubten Klischee der Parteiarbeit“ nicht angezogen fühlen.

An diesem Punkt schaltete sich Beck als Fürsprecher der direkten Demokratie in die Diskussion ein und lenkte die Aufmerksamkeit auf die Möglichkeiten der außerparlamentarischen Mitgestaltung. Als Zeitzeuge der Ereignisse vom Herbst 1989 in einem sich vereinigenden Deutschland kämpft er seit 30 Jahren dafür, dass jeder Einzelne seine Rechte gegenüber dem Staat geltend machen kann – ganz ohne Parteibuch. „Direkte Demokratie hat ihren Charme“, sagte der parteilose Theologe und Umweltaktivist.

Kontroverser Dialog

Zwar traf auch Beck damit das Thema des Abends nur am Rande, dafür löste er einen vorübergehend kontroversen Dialog mit Micus über das Für und Wider von direkter und parlamentarischer Demokratie aus. Man einigte sich schließlich auf die Formel: Beide Formen können parallel existieren und sich gegebenenfalls fruchtbar ergänzen. Gleichzeitig sei das Parteiensystem nicht nur unabdingbar, sondern auch heute noch die Schulen demokratischer Grundprinzipien. Die Veranstalter von der Friedrich-Ebert-Stiftung werden es dankbar vernommen haben.

Nach knapp zwei Stunden bleibt dem geneigten Besucher schließlich der fade Beigeschmack, dass eine Veranstaltung über Jugend und Politik ohne auch nur einen einzigen Vertreter jener Generationen auf Podium oder im Publikum wohl doch etwas am Thema vorbeigegangen ist. Durch ihre Abwesenheit hat die junge Generation die titelgebende Frage des Abends eindeutig beantwortet: „Politik ohne Jugend?“ – Ja.

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Die Friedrich-Ebert-Stiftung

Die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) wurde im Jahr 1925 wenige Tage nach dem Tod ihres Namensgebers gegründet. Das Startkapital bildeten Spenden der Trauergäste, die zur Beerdigung des sozialdemokratischen Reichspräsidenten gekommen waren. Man hatte es als Hauptaufgabe erklärt, der Diskriminierung der „Arbeiter auf dem Gebiet der Bildung“ entgegenzuwirken, hieß es in der Gründungsurkunde. Neugegründet nach dem Zweiten Weltkrieg auf Initiative des Sozialistischen Studentenbundes wandelte sich die FES in einen Verein „zur demokratischen Volkserziehung“ um und verbreiterte über die Jahrzehnte ihren Aufgabenbereich. Sie engagierte sich bei der Studienförderung, arbeitete im Bereich der Entwicklungshilfe und unterstützte Demokratiesierungsbewegungen in aller Welt.

Heute gilt die FES mit knapp 600 Mitarbeitern in den Zentralen in Bonn und Berlin, 15 Regionalbüros und über 100 Standorten im Ausland als größte parteinahe Stiftung Deutschlands. Als Ziele definiert die Stiftung unter anderem die politische und gesellschaftliche Bildung von Menschen, die Stärkung der politischen Teilhabe und des gesellschaftlichen Zusammenhalts sowie die Erneuerung der sozialen Demokratie.

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