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Göttingen „Der Spaß hört da auf, wo Rassismus beginnt“
Die Region Göttingen „Der Spaß hört da auf, wo Rassismus beginnt“
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00:22 07.03.2019
In Mingerode haben sich die Karnevalisten ein weltoffenes Motto gegeben, was das Ehepaar Leinemann gerne aufgegriffen hat. Quelle: Peter Heller
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Göttingen

Karnevalswochenende im Eichsfeld: In nahezu allen Dörfer wird gefeiert, mal mit Motto, mal ohne. In Mingerode zeigen sich die Narren in diesem Jahr besonders weltoffen. Ihre Veranstaltungen stehen unter dem Titel „Mingerode wird sich verändern – wir feiern Karneval in anderen Ländern“. Da liegt es nahe, dass sich auch die Besucher der Kostümparty als Gäste aus aller Welt präsentieren. Mitten unter den Feiernden und damit auch immer mal wieder vor der Linse des Tageblatt-Fotografen sind auch Thomas Leinemann und seine Frau Viviane, die als US-Rapper verkleidet sind.

Kaum sind die ersten Berichte und Bilder über den Eichsfelder Karneval veröffentlicht, steht das Wort Blackfacing in den Kommentarspalten von Facebook. Es sei „absolut nicht cool“, wenn sich weiße Menschen dunkle Schminke ins Gesicht schmieren würden, heißt es dort. Und mehr noch: Blackfacing sei ein Instrument der Weißen, sich über dunkelhäutige Menschen lustig zu machen und diese zu beleidigen. Und auch an Karneval dürfe Rassismus nicht legitim sein, schreibt eine Kommentatorin. Auch die Art der Berichterstattung über solche Vorgänge müsse hinterfragt werden.

„Zu keinem Zeitpunkt hinnehmbar“

Die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) engagiert sich seit Jahren gegen die immer noch gängige Praxis des Blackfacing in Deutschland. Egal ob auf Bühnen, im Fernsehen oder in alltagskulturellen Bereichen wie dem Karneval habe Blackfacing eine Tradition. „Diese Form der Darstellung Schwarzer Menschen führt eine rassistische Tradition fort, die – auch in Deutschland – zu keinem Zeitpunkt hinnehmbar war oder ist“, heißt es in einer Stellungnahme der Initiative aus dem Jahr 2016.

Damals hatte sich der Moderator von „Verstehen Sie Spaß?“ geschwärzt, ganz in der Tradition des Mistrel-Theaters. Das war Ende des 19. Jahrhunderts in den USA entstanden und spielte immer wieder mit dem Klischee des naiven aber stets lustigen Schwarzen. Aber nicht nur in Amerika, sondern auch diesseits des Atlantik fand die stereotype Darstellung schwarzer Menschen Eingang in die Kultur. Für die ISD gilt das heutige Blackfacing als kulturelles Vermächtnis der Kolonialzeit. Nicht selten würden Verfechter daher auf die Geschichte verweisen, Traditionspflege lautet ihr Argument.

„Fest des Friedens und der Toleranz“

Für die Leinemanns, die sich mit ihrer diesjährigen Verkleidung nicht in dieser Tradition sehen, ist diese Kritik deutlich überzogen: „Karneval ist für mich und meine Frau ein Fest des Friedens und der Toleranz gegenüber allen Völkern, Kulturen und Religionen“, schreibt Thomas Leinemann. „Wir verkleiden uns schon seit nun fast zehn Jahren immer gemeinsam als Paar und haben uns immer nur gefreut, dass es ’quasi Vorbilder’ für uns gibt, die man durch eine Verkleidung nachbilden kann.“

Seit Ewigkeiten sei man an Karneval in andere Rollen geschlüpft, weil man die Person oder Figur dahinter toll fand, erklärt der Eichsfelder. Für ihn gebe es keinen Unterschied, ob er sich als Indianer, Cowboy, Chinese, Feuerwehrmann, Polizist oder eben als Rapper kostümiere. „Und noch einmal zu unserem Kostüm: Damit wollen wir nicht einfach Dunkelhäutige darstellen, sondern die Hip-Hop-Szene aus den Staaten, die wir lieben und respektieren.“

„Keinerlei Rassismus

Gegen die Blackfacing-Vorwürfe wehrt sich Leinemann: Er zeige dadurch, dass er sich an Karneval dunkel schminke, keinerlei Rassismus und wolle auch nicht in eine Schublade gesteckt werden. Er habe sich auch vor dieser Debatte nie darüber Gedanken gemacht, ob es jemanden diskriminieren könnte. „Im Gegenteil habe ich dort, wo ich so verkleidet aufgetreten bin, nur Lob bekommen und vor allem auch von ’richtigen’ Dunkelhäutigen, die mich, so wie ich ausgesehen habe, gefeiert haben und einfach nur cool fanden.“

Derweil wird die Diskussion über die Hautfarbe beim diesjährigen Karneval in den sozialen Netzwerken vehement weitergeführt. Die einen pochen auf das Recht, sich an Karneval frei entfalten zu können, die anderen sehen eine rote Linie überschritten. Die wird auch vom ISD klar definiert: „Der Spaß hört da auf, wo Rassismus beginnt.“

Namhafte Beispiele für Grenzüberschreitungen

Hier ein misslungener Witz, dort eine geschmacklose Verkleidung. Der Übergang zwischen schlechtem Geschmack und Diskriminierung, Rassismus oder Sexismus scheint dieser Tage fließend zu sein. Nicht zuletzt durch die sozialen Medien gelangen diese Fälle schnell an die Öffentlichkeit – und werden dort vehement diskutiert.

Jüngstes Beispiel: Ein Auftritt der CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer. Sie hatte beim „Narrengericht“ im baden-württembergischen Stockach gescherzt, Toiletten für intergeschlechtliche Menschen seien „für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen. Dafür – dazwischen – ist die Toilette.“ Die Reaktionen kamen prompt. Unter dem Hashtag #AKK kritisierten Politiker der Oppositionsparteien den Auftritt der Parteivorsitzenden als „niveaulos“ und „respektlos“.

Kurz zuvor hatte sich Komiker Bernd Stelter auf der Bühne mit der Kritik einer Zuschauerin auseinanderzusetzen, die seine Scherze über Frauen mit Doppelnamen nicht hinnehmen wollte und ihre Gefühle verletzt sah. Auch hier reagierte die Netzgemeinde schnell und unterstellte dem Karnevalisten unter dem Hashtag #steltergate Diskriminierung. Für den Witz über seine eigene Hochzeit und die aktuelle CDU-Parteichefin ging ein Shitstorm auf ihn nieder.

„Negerköpp“ umbenannt

Doch nicht nur Büttenreden auch Verkleidungen können einen Aufschrei hervorrufen. Ein Beispiel: Im Jahr 2018 änderte der Karnevalsverein „Frechener Negerköpp“ seinen Namen. Die Anfeindungen hätten überhand genommen, heißt es aus dem Vereinsvorstand. „Das Extremste war die Drohung, dass unser Wagen auf dem Karnevalszug mit Steinen beworfen werden sollte.“ Der Fall erinnert an den Karnevalisten „Neger vom Südend“, der im hessischen Fulda zu einem ähnlichen Politikum wurde.

Quelle: Wilde Frechener

Die Kölner Afrikanistik-Professorin Marianne Bechhaus-Gerst unterstützt die Meinung, dass Kostüme rassistisch sein können: „Gerade hier in Köln gibt es noch eine ganze Reihe von Karnevalsvereinen, die Blackfacing vornehmen. Das heißt, sie verkleiden sich als Fantasie-Afrikaner mit Baströckchen und Knochenkette, mit denen sie dann alte, stereotype Bilder bedienen.“

Rollkragen aus dem Sortiment genommen

„Man ist damit nicht unbedingt Rassist. Aber es ist eine rassistische Verkleidung.“ Es treffe Menschen, die sich reduziert fühlten. Und der Bastrock sei nur ein Beispiel. „Ich würde mir wünschen, dass es auch eine Diskussion über das Indianerkostüm gibt und was daran problematisch sein könnte. Dass es sich dabei um eine europäische Fantasie über eine Menschengruppe handelt, die nichts mit der Realität zu tun hat.“

Quelle: AP

Anfang Februar musste das italienische Luxuslabel Gucci nach Rassismus-Vorwürfen einen schwarzen Rollkragenpullover aus dem Sortiment streichen. Weil das Kleidungsstück sich tief ins Gesicht ziehen ließ und den Mund mit einer rot umrandeten Öffnung freilegte, wurde Gucci in den sozialen Netzwerken Blackfacing vorgeworfen. Umgehend entschuldigte sich das Unternehmen für die „Beleidigung“ und nahm den Pullover vom Markt. Wenige Wochen zuvor war der Modekonzern „Dolce & Gabbana“ in den Fokus geraten. In einem Werbespot war eine Chinesin zu sehen, die versucht, Pizza, Pasta und sizilianisches Gebäck mit Stäbchen zu essen.

Von Markus Scharf

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