Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Göttingen Autofreies Göttingen – zwischen Wunsch und Machbarkeit
Die Region Göttingen Autofreies Göttingen – zwischen Wunsch und Machbarkeit
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:22 27.01.2019
Lieferverkehr und Anlieger gehören zum Stadtbild der Göttinger Innenstadt.
Lieferverkehr und Anlieger gehören zum Stadtbild der Göttinger Innenstadt. Quelle: Heller
Anzeige
Göttingen

In einem Punkt sind sich alle Beteiligten seit langem einig: Man sollte jetzt mal darüber reden.

Vor etwas mehr als einem Jahr war es die CDU-Ratsfraktion, die das Thema „Attraktivität und Erreichbarkeit der Göttinger Innenstadt“ mit einer Info-Veranstaltung auf die Tagesordnung setzte. Die Prämisse der damaligen Diskussion: Eine Stadt müsse sich heute gegen mehrere Mitwettbewerber durchsetzen. Andere Städte in der Umgebung, die grüne Wiese und der Online-Handel setzten den Innenstadt unter Druck. Es müsse also etwas geschehen, um die Situation zu entschärfen.

Und obwohl Göttingen in den vergangenen Kundenbefragungen „Vitale Innenstadt“ mit der Note 2,5 über dem Bundesdurchschnitt gelegen hatte, zeigten sich aus der Perspektive des Innenstadtbesuchers einige eklatante Schwächen. So leuchtet die rote Ampel vor allem bei den innerstädtischen Parkmöglichkeiten. Sie seien entweder nicht in ausreichender Zahl vorhanden oder nur schwer zu finden.

Die Diskussion um eine Verkehrsberuhigung der Innenstadt nimmt Fahrt auf. So sieht der Verkehr in Göttinger City aktuell aus.

Auch die Pro-City-Vorsitzende Susanne Heller setzte im Dezember 2017 die bessere Erreichbarkeit der Innenstadt ganz oben auf ihre Wunschliste. „Das ist der große Malus der Göttinger City“, betonte sie im Dezember 2017. Weitere Kritikpunkte, die bei der CDU-Veranstaltung zur Sprache kamen: Der Busring schneide die Nebenstraßen von der Innenstadt ab, und der Lieferverkehr sowie das individuelle Befahren schaden dem Ambiente.

Jetzt will die Grünen-Fraktion mit ihrer Veranstaltung weitere „Wege zur autofreien Innenstadt“ aufzeigen und die Diskussion am Leben halten. Wie diese innerstädtische Mobilitätswende in Göttingen eines Tages umgesetzt wird, ist vor allem für den Handel eine existenzielle Frage. Entsprechend rät Alexander Grosse, Vorsitzender des Kreisverbandes Göttingen im Handelsverband Hannover, zu bedachten Schritten: „Bevor wir sagen, dass hier keiner mehr fahren darf, sollte es Alternativen geben.“

Gegen Schnellschüsse

Mittel- bis langfristig sei die Verkehrsberuhigung der Innenstadt eine gute Idee, so Grosse. Tatsächlich könnten alle Beteiligten – Kunden, Händler und Bewohner – von einer Beruhigung profitieren. Auf dem Weg dahin müssten allerdings noch viele Fragen beantwortet werden: „Schnellschüsse sind nicht sinnvoll.“ Alle unterschiedlichen Interessen zu berücksichtigen, sei keine leichte Aufgabe.

Grosse gibt einige konkrete Beispiele: Da wäre der Hotelier, der großes Interesse daran hat, seinem Gast vor der Tür das Ausladen seiner Koffer zu ermöglichen. Oder der Lebensmittler, der mehrfach täglich mit frischer Ware beliefert werden muss. Und wie soll ein Möbelgeschäft seine Ware zum Kunden transportieren, wenn er nicht mit dem Lastwagen vorfahren kann? „Europaletten passen nun mal derzeit noch nicht auf ein Lastenfahrrad“, so Grosse.

Aber nicht nur die Innenstadthändler dürften seiner Meinung nach ein Interesse daran haben, innerhalb des Walls mit dem Auto unterwegs zu sein. Für den Citybewohner stellt sich nicht nur bei Großeinkäufen die Frage, wie er sie in die eigenen vier Wände transportieren soll, wenn ihm ein Poller den Weg versperrt. Grosse konnte vor wenigen Tagen in Österreich persönlich eine abgesperrte Innenstadt besichtigen und mit Kollegen sprechen. Das Fazit: „Poller haben nicht nur Vorteile.“

Regelwidrige Durchfahrten verhindern

Vorschnell möchte auch die Stadtverwaltung nicht auf Poller-Lösungen setzen. „In einem ersten Schritt sollen zeitnah die technischen und baulichen Möglichkeiten recherchiert werden, die regelwidrige Durchfahrten durch die Göttinger Innenstadt unterbinden“, erklärt Dominik Kimyon, Sprecher der Göttinger Stadtverwaltung. „Hierbei wollen wir auch schauen, wie andere Städte bei diesem Thema vorgehen, welche Systeme sie nutzen und welche Möglichkeit es gibt, die Erfahrungen auf Göttingen zu übertragen.“

Eine autofreie Göttinger Innenstadt? Das sagen die Parteien im Göttinger Rat zu der Idee.

Auch in Zukunft solle der Bus durch die Innenstadt fahren, meint Kimyon. „Dadurch ist insbesondere die hohe Frequenz des Busrings durch die Linienbusse zu beachten. Auch ist zu berücksichtigen, dass es weiterhin eine hohe Anzahl an Ausnahmegenehmigungen geben wird, die zur Zufahrt in den abgesperrten Bereich berechtigen.“ In die Standortuntersuchung will die Stadtverwaltung auch Sicherheitsaspekte bei Großveranstaltungen berücksichtigen.

Verbände befragen

Die Einbindung von Feuerwehr, Polizei, Behindertenbeirat, Seniorenbeirat, ProCity und weiterer Verbände werde voraussichtlich vor den Sommerferien stattfinden, erklärt Kimyon. „Nach Erstellung des Konzeptes soll zeitnah die Umsetzung erfolgen.“

Allgemein sei die Verkehrssituation in der Kernstadt verbesserungsbedürftig. Kimyon: „In der Göttinger Innenstadt werden die eindeutig beschilderten Durchfahrtsbeschränkungen leider nicht immer eingehalten. Der damit verbundene vergleichsweise hohe Kfz-Verkehr führt zu Beeinträchtigung der Kunden und der Geschäftsleute der Innenstadt. Dabei handele es sich neben den Lieferfahrzeugen, die außerhalb der festgesetzten Zeiten von 5 bis 11 Uhr anliefern, auch um andere Fahrzeuge, die ohne Ausnahmegenehmigung in die Fußgängerzone führen. Die Verwaltung erarbeite daher derzeit „technische und bauliche Maßnahmen zur Unterbindung dieser Durchfahrten der Innenstadt“.

Schrittweise elektrisch

Langfristig betrachtet möchte die Stadt die klimapolitischen Ziele zur Reduzierung CO2-Emissionen durch die Stärkung des Umweltverbundes erreichen. Dazu gebe es Initialprojekte, mit denen die Stadt die im Klimaplan Verkehrsentwicklung verankerten Leitziele verfolge. Kimyon: „Hierzu gehört neben der Förderung der Nahmobilität auch der Ausbau des Radverkehrsnetzes über neue schnelle und qualitätsvolle Radverkehrsverbindungen und des ÖPNV durch den Ausbau der Busbevorrechtigung an den Ampeln, dem barrierefreien Ausbau der Haltestellen und die schrittweise Umstellung der Busflotte auf elektrische Antriebsysteme.“

Mit dem Masterplan Carsharing solle zukünftig auch dieses Verkehrsmittel in den Fokus rücken, sagt Kimyon. Zudem fördere die Lastenradinitiative des ADFC, die von der Stadt finanziell unterstützt wird, den umweltschonenden Güter- und Warentransport. Kimyon: „Das Thema nachhaltige Citylogistik wird in den kommenden Jahren ein weiterer Baustein in eine klimagerechte Verkehrsentwicklung sein.“

„Wege zur autofreien Innenstadt“ wollen die Grünen in einer Podiumsdiskussion im Neuen Rathaus Göttingen am Donnerstag, 24. Januar, aufzeigen. Referenten sind der Grünen-Bundestagsabgeordnete Stefan Gelbhaar und Benni Leemhuis aus Groningen, wo bereits seit 1977 die Verkehrswende kontinuierlich vorangetrieben wurde: Förderung des Fuß- und Radverkehrs durch Erschwernisse für den motorisierten Individualverkehr.

Moderiert wird der Abend im Ratssaal des Neuen Rathauses von Sybille Bertram. Beginn ist um 18 Uhr.

Wie realistisch ist eine autofreie Göttinger Innenstadt? Darüber haben wir mit Dr. Alfred Benedikt Brendel gesprochen, Leiter der Forschungsgruppe „Smart Mobility” am Lehrstuhl für Informationsmanagement der Universität Göttingen. Das Interview lesen Sie hier.

Von Matthias Heinzel und Markus Scharf

Göttingen Interview mit Dr. Alfred Benedikt Brendel - In fünf Jahren kann die Göttinger City autofrei sein
27.01.2019
Göttingen 41. Deutscher Krankenhaustag - UMG Göttingen holt sich Platz 3
23.01.2019