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Göttingen Rücksicht auf Lebensphasen von Mitarbeitern
Die Region Göttingen Rücksicht auf Lebensphasen von Mitarbeitern
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00:31 09.06.2018
Diskutieren miteinander: Moderator Jan Fragel mit Cordula Dankert, Sabine Banaschak, Doris Hayn, Katrin Wodzicki und Jutta Rump. Ganz links die Gebärdendolmetscherin.
Diskutieren miteinander: Moderator Jan Fragel mit Cordula Dankert, Sabine Banaschak, Doris Hayn, Katrin Wodzicki und Jutta Rump. Ganz links die Gebärdendolmetscherin. Quelle: Foto: Heller
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Göttingen

Firmen, die bei der Gestaltung der Arbeitszeiten auf die Bedürfnisse von Beschäftigten eingingen, erhöhten deren Identifikation mit dem Arbeitgeber, erläuterte die Professorin 120 Zuhörern im Tagungshaus der alten Sternwarte. Die Motivation steige. Der Krankenstand sinke. Die Beschäftigten brächten ihr Wissen und ihre Kompetenzen voll ein. Sie seien zudem bereit, sich auf jene unbequemen Transformationsprozesse mit offenem Ende einzulassen, die die Digitalisierung derzeit in vielen Branchen erzwinge.

Durchschnittsalter in den Betrieben steigt

Für Unternehmen, die nur forderten, würde es dagegen in Zukunft enger, warnte die Wissenschaftlerin. Das beginne beim Krankenstand. Das Risiko in diesem Bereich steige ohnehin. Das Durchschnittsalter der Beschäftigten liege in Deutschland bereits bei 48 Jahren. Es werde aufgrund des steigenden Renteneintrittsalters weiter zunehmen. Zudem erhöhten Digitalisierung und Globalisierung das Arbeitstempo in den Betrieben. Nicht wenige überfordere das.

„Bei älteren Beschäftigten, die nicht für ihre Arbeit und ihre Firma brennen, ist zudem die Wahrscheinlichkeit eines vorzeitigen Ruhestands groß“, gab Rump zu bedenken. Da sie größere Gruppen innerhalb der Belegschaft bildeten, könne ein Unternehmen so innerhalb kurzer Zeit viele Beschäftigte verlieren. Auf einem „leergefegten Arbeitsmarkt“ müsse es dann mit Firmen, die einen besseren Ruf als Arbeitgeber hätten, um rare Fachkräfte konkurrieren.

Kleine Kinder, pflegebedürftige Eltern, Verschuldung

Rump benannte verschiedene Lebensphasen. Junge Eltern müssten sich um ihre Kinder kümmern. Ältere Arbeitnehmer versorgten vielfach ihre pflegebedürftig gewordenen Eltern. Andere seien aufgrund eines Todesfalls oder einer Scheidung zeitweise nicht voll einsetzbar. Manche absolvierten eine berufsbegleitende Ausbildung, engagierten sich ehrenamtlich oder kämpften mit Verschuldung.

Solche Probleme solle der Vorgesetzte in Jahresgesprächen abfragen, regte Rump an. Wenn ein Mitarbeiter darüber mit dem Chef nicht sprechen wolle, sei das zu respektieren, erklärte die Wissenschaftlerin. In der Universität Göttingen, wo es solche Jahresgespräche seit 2017 gebe, habe es anfangs „viele Befürchtungen“ gegeben, sagte die Gleichstellungsbeauftragte Doris Hayn während Podiumsdiskussion, die Rumps Vortrag folgte. Bleibe der Inhalt der Gespräche vertraulich? Nehme sich der Vorgesetzte wirklich Zeit? Das Feedback sei aber bisher „extrem gut“.

Teilzeit kann andere Mitarbeiter im Team „übermäßig“ belasten

Zugeständnisse bei Teilzeitarbeit dürften aber nicht „überrissen“ werden, warnte Cordula Dankert, Referentin des Göttinger Oberbürgermeisters. Flexible Arbeitszeiten könnten nämlich dazu führen, dass andere im Team übermäßig belastet würden. Im Rathaus sei zudem sicherzustellen, dass der Bürger verlässlich Ansprechpartner finde. Rump räumte ein, dass die 20 Mitarbeiter ihres Instituts heute so viel zu tun hätten, dass sich Teilzeit eigentlich verbiete. Sie würde mit Beschäftigten, die solche Wünsche äußerten, mittlerweile „wie auf dem Basar“ um Wochenstunden feilschen.

Anlässlich des Diversity-Tages unterzeichneten 17 Firmen die „Charta der Vielfalt“, zu der sich zusammen mit Stadt und Universität nun 25 Unternehmen und Institutionen in Göttingen bekennen. Sie verpflichten sich Diskriminierungen zu unterbinden und Vielfalt hinsichtlich des Geschlechts, der Herkunft oder eben der Lebensphasen wertzuschätzen.

Arbeit kann krank machen

„Arbeit macht immer mehr Menschen psychisch krank“, begründete Dietmar Thiele, der Geschäftsführer des Göttinger Institut für angewandte Sozialfragen (Ifas), sein Bekenntnis zur Charta. Vor diesem Hintergrund spüre er große Verantwortung gegenüber seinen 170 Mitarbeitern, die Betroffene bei der Rückkehr ins Arbeitsleben unterstützten.

„Bei uns im Laser-Laboratorium Göttingen geht ohne Flexibilität nichts“, sagte Institutsdirektor Alexander Egner. Für ein naturwissenschaftlich geprägte Einrichtung hätten sie mit 20 Prozent einen vergleichsweise hohen Frauenanteil.

Von Michael Caspar

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