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Göttingen Doppelmörder packt vor Gericht aus
Die Region Göttingen Doppelmörder packt vor Gericht aus
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20:05 26.11.2010
Von Britta Bielefeld
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Jan O. sei sich seiner Taten bewusst, er bereue die Morde. Auch lege der junge Mann Wert darauf, das Verfahren auch im Sinne der Angehörigen nicht unnötig in die Länge zu ziehen. „Wir sind gemeinsam durchgegangen, was für ihn auf dem Spiel steht“, so der Jurist.
Laut der Göttinger Staatsanwaltschaft hat Jan O. ausgesagt, die 14-jährige Schülerin Nina am Montag, 15. November, zwischen 19 und 20 Uhr umgebracht zu haben. Als Motiv nannte er „sexuelle Absichten“. Die Polizei hatte bislang pure Mordlust als Motiv angenommen. Der Täter traf sein Opfer zufällig in der nähe des Tatortes. Er würgte es und versuchte, sich ihm mit Gewalt zu nähern. „Das Mädchen hat sich gewehrt“, so die Staatsanwaltschaft. Jan O. schlug und stach anschließend auf Nina ein. Er wollte verhindern, dass das Kind schreit.

Das zweite Opfer, der 13-jährige Tobias, traf er am darauf folgenden Sonnabend ebenfalls zufällig in Tatortnähe. „Er hat Angst gehabt, entdeckt zu werden“, so Staatsanwalt-Sprecher Hans Hugo Heimgärtner. Tobias starb durch Schnitte am Hals. Weitere Details wollten die Juristen aus ermittlungstaktischen Gründen gestern nicht nennen. Aber: Auch eine DNA-Analyse des Blutes, das an der Hose des Mörders klebte, belastet ihn. Es ist Tobias’ Blut.

Der Doppelmörder hat die beiden Teenager Nina und Tobias kurz vor seiner Einweisung in eine Entziehungsklinik umgebracht. In den Wochen vor den Bluttaten habe Jan O. wiederholt gegen Bewährungsauflagen verstoßen, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Lüneburg. Deshalb habe die Justiz bereits beschlossen gehabt, den zur Bewährung auf freiem Fuß befindlichen 26-Jährigen wieder in einer Entziehungsklinik unterzubringen. Der 26-Jährige hatte einen Alkoholrückfall, darüber hinaus hatte er fahrlässig ein Feuer gelegt. Zwar habe Jan O. damit gegen Bewährungsauflagen verstoßen, nichts habe aber auf eine Gewalt-Eskalation schließen lassen, sagte die Staatsanwältin.

Ob Jan O. psychisch gestört und damit eventuell vermindert schuldfähig ist, möchte Fischer auf jeden Fall klären. In einem Ermittlungsverfahren ist die Staatsanwaltschaft dafür zuständig, eine psychologische Begutachtung in Auftrag zu geben. „So weit sind wir aber noch nicht“, erklärte Heimgärtner. Wenn sich im Laufe der Ermittlungen ausreichend Anhaltspunkte für eine eingeschränkte Schuldfähigkeit ergäben, könne die Staatsanwaltschaft zudem die Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung statt in einer JVA beantragen. „Wir werden das alles in aller Ruhe überprüfen“, so Heimgärtner.

Etwa zeitgleich mit der Befragung nahmen die Bodenfelder am Mittag während einer Trauerfeier Abschied von der ermordeten Nina. „Wir stehen völlig hilflos, verzweifelt und sprachlos vor der grausamen Tat“, sagte Pfarrer Marc Trebing vor rund 500 Freunden, Angehörigen und Mitschülern des 14-jährigen Mädchens. Während der Trauerfeier in der schlichten Dorfkirche des 3400-Seelen-Ortes Bodenfelde war Ninas heller Holzsarg aufgebahrt, geschmückt mit weißen Blumen und von Kerzen umringt. Sechs Männer trugen anschließend den Sarg quer durch das Dorf zum Friedhof. Entlang des Weges standen mehrere hundert Menschen stumm mit Kerzen in einer langen Kette. „Wir setzten ein Licht gegen Gewalt“, lautete ihr Motto. Ninas Mitschüler Tobias soll heute beigesetzt werden.

mit dpa

„Keine Versäumnisse“

Die Göttinger Polizei hat Kritik an ihrem Vorgehen im Fall der verschwundenen und später ermordeten Nina zurückgewiesen. Nach Ninas Flucht aus dem Elternhaus am Montag vergangener Woche sei sofort intensiv und vorschriftsmäßig nach dem vermissten Mädchen gesucht worden, erklärte Vize-Polizeipräsident Roger Fladung am Freitag.

Obwohl zunächst Informationen bei der Polizei eingegangen seien, Nina sei noch am Mittwoch auf dem Bodenfelder Bahnhof gesehen worden, habe die Polizei von Beginn an ein mögliches Gewaltverbrechen im Blick gehabt. Dementsprechend intensiv sei gesucht worden, erklärte Fladung. So habe die Polizei umgehend sämtliche möglichen Kontaktpersonen aufgesucht und alle Kontaktadressen überprüft – dies nicht nur in Bodenfelde, sondern auch in anderen Orten. Fladung: „Es hat keine Versäumnisse gegeben, es sind alle Maßnahmen ergriffen worden.“

Die Kritik am Vorgehen der Polizei hatte sich daran entzündet, dass Ninas Leiche knapp eine Woche unentdeckt in der Nähe ihres Elternhauses gelegen hatte. Der fünf Tage nach ihrem Tod in unmittelbarer Nähe ermordete Tobias könnte noch leben, wenn die Tote früher gefunden worden wäre, so die Vorwürfe. hein