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Göttingen Ehemalige Tageblatt-Fotografin Anja Niedringhaus in Afghanistan erschossen
Die Region Göttingen Ehemalige Tageblatt-Fotografin Anja Niedringhaus in Afghanistan erschossen
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13:37 09.04.2014
Von Matthias Heinzel
Lebhaft, dynamisch, aufgeschlossen und immer den Menschen im Blick: Anja Niedringhaus zu Tageblatt-Zeiten. Quelle: IB
Göttingen/Chost

Die 48-jährige Fotografin saß auf dem Rücksitz eines Wagens einer Fahrzeugkolonne mit Wahlhelfern, als der Kommandeur eines Polizeipostens mit dem Ruf „Allahu Akbar“ („Gott ist groß“) das Feuer eröffnete.

Die 48-jährige Niedringhaus war sofort tot, eine kanadische AP-Kollegin wurde schwer verletzt. Beide wollten über die heutige Präsidentenwahl in Afghanistan berichten.

Ihre journalistische Karriere hatte die 1965 in Höxter geborene Niedringhaus im Alter von 16 Jahren begonnen, bei der Neuen Westfälischen Zeitung in ihrer Geburtstadt. Später studierte sie in Göttingen und schrieb und fotografierte von 1986 bis 1990 fürs Göttinger Tageblatt. Kollegen aus dieser Zeit erinnern sich an „Anie“, so ihr Kürzel, als an eine sehr lebhafte, den Menschen zugewandte Person.

Typische Lokaljournalistin

Immer auf den letzten Drücker auf dem Weg zum Termin, war „Anie“ eine typische Lokaljournalistin, sagt ihre ehemalige Kollegin aus der Fotoredaktion, Hannelore Pohl. Sehr spontan, warmherzig und immer ein bisschen unordentlich, fand sie sich ganz schnell im Redaktionsteam zurecht.

Dynamisch und gleichzeitig sehr einfühlsam bei ihrer fotografischen Arbeit, entwickelte sie schon beim Tageblatt einen Stil, der auch ihre spätere Agenturarbeit auszeichnet: immer mit einem Blick für das menschliche Element, das Besondere an der jeweiligen Situation. Die reine Dokumentation war von Anfang an nicht ihre Sache.

„Sie hat es verstanden, ranzugehen, die besondere Szene zu erkennen und ganz dicht aufzunehmen“, erinnert sich Angela Brünjes, damals Lokalredakteurin und heute Magazinchefin des Tageblatts. Anja Niedringhaus, sagt Brünjes, kam 1986 als Praktikantin in die Lokalredaktion:

„Anders als die meisten anderen hatte sie immer eine Kamera dabei und wollte nicht nur ihre Berichte ins Blatt bringen, sondern auch ihre Fotos.“ Mit ihrem Durchhaltevermögen konnte sie später ins Fotoressort wechseln und hat dann nur noch fotografiert. Brünjes: „Oft war sie am Wochenende im Einsatz, was bedeutete, dass die gesamte Bandbreite der lokalen Berichterstattung ihr Thema war.“

Ein Beispiel: ihr Dienst am 25. November 1989 und die Produktion am Sonntag, 26. November, für die folgende Montagausgabe. „Für die Kultur hatte Anja Niedringhaus Aufnahmen vom Jazzfest gemacht, fürs Lokale vom ASC-Ball in der Stadthalle, vom Chorkonzert im Bürgerhaus Bovenden und – das war unser gemeinsamer Termin – sie war am Sonnabend stundenlang Fotoberichterstatterin des Schweigemarsches mit 15000 Teilnehmern zum Tod der Studentin Conny W., die bei einer Polizeiaktion am Iduna Zentrum am 17. November 1989 ums Leben gekommen war.

Die bis in den Abend hinein anhaltenden kriegsähnlichen Auseinandersetzungen zwischen Teilen der Demonstranten und dem 1000 Polizisten zählenden Aufgebot der Staatsgewalt waren bundesweit ein Thema in den Medien. Fotos von Anja Niedringhausen erschienen auch in anderen Medien.“ In dieser Zeit konnte sie auch ihre Fotos vom Mauerfall über Nachrichtenagenturen absetzen.

Stelle bei European Press Photo Agency

Das brachte ihr 1990 eine feste Stelle bei der European Press Photo Agency (EPA) ein. Sie berichtete unter anderem aus Slowenien, Kroatien, Bosnien, Mazedonien und dem Kosovo.  2002 ging Niedringhaus zur AP. Drei Jahre später bekam sie für ihre Berichterstattung aus dem Irak den Pulitzer-Preis – eine von vielen Auszeichnungen.

Auch danach berichtete sie immer wieder aus Kriegs- und Krisengebieten. Neben Digitalkameras, Objektiven von 16 bis 400 Millimeter, Blitz und Ladegerät immer dabei: Helm und kugelsichere Weste, wie sie 2003 im Interview mit dem Tageblatt sagte. Ihre Bilder zeigten nicht nur Kriegsszenen:

„Sie hat Menschen nie als Objekte gesehen, nicht aufs Motiv reduziert“, sagt ihre ehemalige Tageblatt-Kollegin Brünjes. „Sie hat einmal erzählt, über den Krieg im ehemaligen Jugoslawien, dass sie immer respektiere, wenn jemand nicht fotografiert werden wollte. Und sie wollte immer zeigen, welche Folgen der Krieg mit sich bringt und hat deshalb viele Aufnahmen von den Folgen für die Zivilbevölkerung gemacht, aber auch vom Leid der Soldaten.“

Des Risikos bewusst

Um ihr hohes persönliches Risiko wusste Anja Niedringhaus. Auch deshalb habe sie auf Familie und Kinder verzichtet, erinnert sich Hanne-Dore Schumacher, Kollegin aus alten Tageblatt-Zeiten, an ein Gespräch mit ihr. Der Drang zum Authentischen im Schrecklichen war einfach stärker: „Warum ich das mache? Ich will die echten Bilder. Ich will Augenzeugin sein“, sagte Niedringhaus 2003, kurz bevor sie in den Irak ging. 

In den vergangenen Jahren war Anja Niedringhaus immer häufiger in Afghanistan im Einsatz. Ihre letzten Bilder zeigen unter anderem Vorbereitungen für die heutige Präsidentenwahl, Alltagsszenen und afghanische Politikerinnen. Am Freitagmorgen endete ihr Leben.

„Die Redaktion trauert um eine Kollegin, mit der viele von uns von 1986 bis 1990 zusammengearbeitet  und sie dabei als fröhliche, lebensbejahende, engagierte Journalistin kennengelernt haben“, würdigt Tageblatt-Chefredakteurin Ilse Stein ihre ehemalige Kollegin. „Einen letzten schriftlichen Kontakt hatte ich erst vor sechs Wochen mit Anja Niedringhaus. Ihr letzter Satz in der E-Mail: ,Ich denke noch oft an die Göttinger Zeit‘.“

Die deutsche Kriegsfotografin Anja Niedringhaus war bekannt für ihre Berichterstattung im Irak und gewann den Pulitzer-Preis.
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