Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Göttingen Ehemalige Voigtschule an Göttinger Bürgerstraße wird zur Notunterkunft
Die Region Göttingen Ehemalige Voigtschule an Göttinger Bürgerstraße wird zur Notunterkunft
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:16 29.09.2014
Von Michael Brakemeier
In den ehemaligen Klassenzimmern stehen die Feldbetten für die Studenten parat, die zum Semesterbeginn noch keine Wohnung haben. Quelle: Heller
Anzeige
Göttingen

Damit könne Studenten, die zum Semesterbeginn noch keine Wohnung gefunden haben, kurzfristig geholfen werden, sagte Jörg Magull, Geschäftsführer des Göttinger Studentenwerks. Bis zum 27. November will das Studentenwerk das Angebot aufrechterhalten. Erfahrungsgemäß, so Magull, sei bis dahin der zu erwartende „Ansturm“ vorüber.

Nach Magulls Angaben lagen dem Studentenwerk für das neue Wintersemester 3606 Bewerbungen für einen der knapp 4500 Wohnheimplätze vor. Rund 1400 erfolgreichen Vermittlungen stehen knapp 2200 wohnungssuchende Studenten auf der Warteliste des Studentenwerkes gegenüber.

Anzeige

Selten habe es vor Semesterbeginn „so früh so viele“ Bewerbungen gegeben, sagte Magull am Montag. Schon sehr früh habe es deshalb Gespräche mit der Stadt gegeben. Als Grund für den Ansturm nannte er die mit diesem Semester in Niedersachsen wegfallenden Studiengebühren. Magull sieht in der Notunterkunft eine Chance: So könne der akute Wohnraummangel in den Blick der Öffentlichkeit rücken.

Forderung nach finanzieller Hilfe

Magull, der auch stellvertretender Sprecher der niedersächsischen Studentenwerke ist, erneuerte seine Forderung nach finanzieller Hilfe durch das Land. Aktuell liege der Neubaubedarf in Niedersachsen bei rund 2000 Wohnheimplätzen. An den Kosten pro Platz von rund 70 000 Euro solle sich das Land mit 20 000 Euro beteiligen.

Göttingens Oberbürgermeister Wolfgang Meyer (SPD) forderte zudem Maßnahmen des Bundes. Denn den Bau von mehr Wohnheimen werde die Stadt nicht alleine stemmen können, sagte er. Gleichzeitig begrüßte er, dass Göttingens Hochschulen so beliebt sind. An den drei Einrichtungen studieren knapp 30 000 Studenten. „Ich hoffe, dass es noch mehr werden“, so Meyer.

Für die Zwischennutzung der ehemaligen Voigtschule als Notunterkunft waren keine baulichen Veränderungen nötig. Für die Studenten stehen ab Mittwoch Feldbetten vom Roten Kreuz in acht ehemaligen Klassenräumen bereit. Toiletten und ein Aufenthaltsraum befinden sich im Keller, auf dem Schulhof sind zwei Container mit Duschen aufgestellt.

Von 18 bis 9 Uhr ist ein Sicherheitsdienst engagiert. Wochentags wird das Gebäude tagsüber abgeschlossen, am Wochenende soll es rund um die Uhr geöffnet sein. Voraussetzung für einen Schlafplatz ist eine Immatrikulationsbescheinigung oder Zulassungsbescheid einer der Hochschulen.

Stadt stellt Haus unentgeltlich zur Verfügung

Die Anmeldung erfolgt im Servicebüro Studentisches Wohnen im ZHG, Platz der Göttinger Sieben 4. Eine Nacht kostet fünf Euro.

Die Kosten für das Notquartier, die das Studentenwerk zu 95 Prozent trage, seien „nicht unerheblich“, sagte Magull. Konkrete Zahlen nannte er nicht. Die Stadt stellt das Haus unentgeltlich zur Verfügung.

Bislang hatte die Göttinger Verwaltung eine Zwischennutzung für das Schulgebäude, dessen geplanter Verkauf im Frühjahr geplatzt war, ausgeschlossen – zuletzt im September. In der Vergangenheit hatten Kulturinitiativen gehofft, dass sie die Schule übergangsweise nutzen können.

Studenten zur Wohnungssuche (von B.Köster)

Caro Decker (19)

„Bisher habe ich noch kein WG-Zimmer finden können. Ich komme gerade von einer Besichtigung, die über Facebook organisiert war. Im Internet hatten dafür über 100 Leute zugesagt. Ein paar Mal muss ich wohl noch aus Syke nach Göttingen kommen, um Wohnungen zu besichtigen.“

C. Decker

Nils Tenner (19)

„Ich komme aus Hamburg und dachte, ich sei teure Mieten gewohnt, aber das hier toppt alles. In der Innenstadt zahlt man mitunter für ein 15-Quadratmeter-Zimmer 400 Euro. Jetzt habe ich eine kleine Ein-Zimmer-Wohnung, die etwas weiter weg, aber dafür bezahlbar ist.“

N. Tenner

Svenja Dworak (18)

„Ich habe mir knapp 25 Wohnungen angesehen, war dafür achtmal in Göttingen. Jedes Mal waren da um die 40 Mitbewerber. Jetzt habe ich endlich eine Wohnung bekommen, aber erst ab Dezember. Bis dahin muss ich jeden Tag aus der Nähe von Kassel hierher pendeln.“

S. Dworak

Kommentar

Gut, aber nicht auf Dauer

Die Nutzung der ehemaligen Voigtschule als Notquartier ist richtig und gut. Dürfte sie doch zumindest ein paar neuen Studenten an den drei Göttinger Hochschulen bei der Wohnungssuche und beim Start ins neue Semester helfen.

Gleichzeitig ist sie bei knapp 2200 Studenten auf der Warteliste für einen günstigen Wohnheimplatz und einem, wie Oberbürgermeister Wolfgang Meyer (SPD) formulierte, „abgegrasten“ Wohnungsmarkt auch nur eine öffentlichkeitswirksame Notlösung.

Eine Notlösung, deren Bedarf sich längst abzeichnete: Als 2011 der doppelte Abiturjahrgang an die Unis drängte. Spätestens aber als die Gewissheit da war, dass auch in Niedersachsen die Studiengebühren wegfallen.

Klar muss jetzt aber auch sein: Die Einrichtung von Notquartieren darf nicht über Jahre zur Dauereinrichtung werden, auf die sich Uni, Stadt und Studentenwerk zurückziehen können. Dem Studentenwerk etwa könnte von der Stadt schon damit geholfen werden, wenn für das geplante Wohnheim an der Nord-Uni möglichst schnell Planungsrecht geschaffen wird, damit 2015 mit dem Bau begonnen werden kann.

Den Autor erreichen Sie per E-Mail an m.brakemeier@goettinger-tageblatt.de.