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Göttingen Eignungstest bei der Berufsfeuerwehr Göttingen
Die Region Göttingen Eignungstest bei der Berufsfeuerwehr Göttingen
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00:18 01.06.2013
Von Jörn Barke
Stefan Hamel feuert an, Jörn Barke kämpft – am Ende fehlen aber leider trotzdem drei Sekunden zur Note Fünf. Quelle: Vetter
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Göttingen

Bei der Drehleiter ist nicht die Höhe an sich das Problem. Das Problem ist: keine Wand, nirgends. Das bestätigt auch Andreas Koch, Fachdienstleiter Technik und Sportbeauftragter bei der Berufsfeuerwehr. Stünde die Drehleiter an einem Turm, wäre alles viel einfacher.

280 Bewerbungen für den hauptamtlichen Feuerwehrdienst gab es diesmal, berichtet Koch. 120 Bewerber wurden eingeladen, gekommen sind 90. Sie alle müssen als Voraussetzung eine abgeschlossene Berufsausbildung mitbringen oder für den gehobenen Dienst ein abgeschlossenes Studium.

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Wer zur Berufsfeuerwehr will, muss hart sein. Das sehe ich, als ich mit Koch in der Fahrzeughalle stehe. An einer Station muss ein Dummy durch die Gegend gezogen werden. So mancher Teilnehmer kommt auf den letzten Metern ins Straucheln, stürzt oder bricht im Ziel entkräftet zusammen. Ich komme jetzt aus der Sache nicht mehr raus. Also kann ich auch anfangen mit

Station 1: Hüpfqual

Die Latte liegt 30 Zentimeter hoch. Die Aufgabe: So oft wie möglich mit geschlossenen Beinen seitlich hin und her überspringen. Wechselsprünge heißt das, Hüpfqual wäre auch ein guter Name. Wenn man die Latte reißt, hat man noch einen zweiten Versuch oder muss sie selbst wieder auflegen. Das allerdings kostet Zeit, denn als Mindestrichtwert angesagt sind 42 Sprünge in 30 Sekunden.

Die werden verdammt lang, und die 30 Zentimeter verdammt hoch. Weil meine Beinkraft nachlässt, muss ich Zwischenhüpfer machen, weil ich die Latte nicht reißen will. Das ist gar nicht gut für die Zeit. Resultat: 33 Hüpfer, Ziel glatt verfehlt.

Einstellung mit maximal 35 Jahren

Sich vorher vernünftig warmzumachen, wäre vielleicht eine gute Idee gewesen. Na ja, während ich Alltagsklamotten trage, haben die echten Bewerber nicht nur sportliche Kleidung an, sondern sehen zu großen Teilen auch deutlich besser trainiert aus. Viel jünger sind sie ohnehin. Das Einstellungsalter liegt nämlich bei maximal 35 Jahren.

Auch an diesem Wert würde ich deutlich scheitern. Allerdings haben die Bewerber im Gegensatz zu mir auch schon ein kleines sportliches Vorprogramm hinter sich. Frühmorgens standen bereits 100-Meter-Lauf, 2000-Meter-Lauf, Streckentauchen und jeweils 50 Meter schwimmen in Bauch- und Rückenlage an. Beim Streckentauchen sollte man 15 Meter schaffen, das entspricht der Note Fünf. Viele Bewerber schafften 25 Meter, sagt Koch. Aber es kann auch mal sein, dass jemand 60 Meter macht, inklusive zweier Wendemanöver.

Es gibt bei einigen Disziplinen Ausschlusskriterien: Wer beim Schwimmen nach 30 Metern abbricht, kann kaum damit rechnen, noch zum schriftlichen Test eingeladen zu werden. Wer auf der Drehleiter zittrige Knie bekommt, auch nicht – Höhenangst kann man nicht wegtrainieren. Wenn man dagegen mal eine Disziplin verreißt und die Note Fünf nicht schafft, macht Koch mir Mut, ist das nicht so schlimm. Na, dann kann ich ja weiter zu

Station 2: Drehwurm

Der Name verheißt nichts Gutes: Kasten-Bumerang-Test. Aufgebaut sind eine Matte, ein Pylon und ringsum drei hochkant gestellte Mittelteile von einem Geräteturn-Kasten. Die Aufgabe: Rolle vorwärts, rechts am Pylon vorbei, links abbiegen, über Kastenteil springen, durch Kastenteil kriechen, rechts am Pylon vorbei, links abbiegen, über Kastenteil springen, durch Kastenteil kriechen, rechts am Pylon vorbei, links abbiegen, über Kastenteil springen, durch Kastenteil kriechen, rechts an Pylon vorbei, links abbiegen, ins Ziel sprinten. Alles klar? Genau.

Bei meinem ersten Durchgang versuche ich unserem Fotografen Jan Vetter einen Gefallen zu tun und beim Durchkriechen eines Kastenteils in die Kamera zu schauen. Nebeneffekt eins: Ich schleife das Teil ein wenig mit, weil ich zu früh hochkomme. Nebeneffekt zwei: Das letzte Kastenteil lasse ich aus. Das ist schade, denn eigentlich ist die Übung sonst ganz gut gelaufen.

Denn beim zweiten Versuch, bekomme ich ein Problem: Mir wird nach der Rolle unvermittelt schwindelig, so dass ich kurzfristig ins Torkeln komme. Nicht gut für die Zeit. Am Ende sind es 21,5 Sekunden. Bei 19 Sekunden hätte es noch eine Fünf gegeben. Wenn ich irgendwann nach Köln komme, werde ich der Deutschen Sporthochschule mal einen kleinen Besuch abstatten. Die hat nämlich die Richtlinien für diesen ganzen Kram entwickelt. Erst einmal gehe ich nun aber zu

Station 3: Beugehang.

Bei dieser Übung schlägt das Herz von Freunden kräftiger Oberarme höher: Beim Beugehang geht es darum, das Kinn in Klimmzug-Haltung möglichst lange über der Stange zu halten. Reine Kopfsache, sagt Koch. Gefordert sind möglichst mindestens 45 Sekunden. Zeitnehmer Stefan Hamel feuert die Bewerber nach 30 Sekunden zum Durchhalten an.

Ich fürchte, dass es bei mir womöglich gar nicht zum Anfeuern kommt – und bin erstaunt, als ich tatsächlich die 30 Sekunden habe. Allerdings erreichen mich schon bald die Anfeuerungsrufe von Hamel nicht mehr so wirklich. Wie gut, dass Vetter nicht fotografieren kann, wie meine Arme zittern. Bei 42 Sekunden verabschiede ich mich von der Stange.

Um nur drei Sekunden habe ich die Fünf verpasst. Das ist schon bitter genug. Noch bitterer: Vetter schafft 54 Sekunden und gewinnt den Tageblatt-internen Vergleich. Aber der ist ja auch Schwimmer, ich bin Radfahrer. Zusätzlicher kleiner Trost: Ein Bewerber mit Bodybuilder-Figur hat kurz vor mir auch nur 42 Sekunden geschafft. Meine Freude darüber verfliegt allerdings an

Station 4: Panikprüfung

Was da auf dem Schwarzweiß-Bildschirm zu sehen ist, den Dirk Peifenbring und Monika Stahlmann beobachten, sieht gar nicht gut aus: Zwei Feuerwehrleute mit Atemschutzgerät auf dem Rücken, mit Atemschutzmaske und Helm kriechen im Dunkeln durch einen Gitterkäfig-Irrgarten.

Hier soll getestet werden, wie die Bewerber auf Maske und Enge reagieren. Wer sich in Panik die Maske abreißt, hat keine guten Karten. Als ich dann tatsächlich das Gerät auf dem Rücken habe und mich mit dem rasselndem Atem in meiner Maske wie Darth Vader fühle, steigt meine Vorfreude nicht unbedingt. Ich gehe mit einem echten Bewerber auf Tour.

Aber jetzt nur loszukriechen, ist natürlich zu einfach für einen Feuerwehrmann. Deswegen heißt es vorher noch in voller Montur zehnmal am Schlaghammer ziehen, damit der Atem pfeift und der Panikfaktor steigt. Während ich mich noch darüber wundere, wie schwer dieser blöde Schlaghammer aus Kopfhöhe in Richtung Boden zu ziehen ist, bearbeitet mein Mitstreiter sein Gerät schon in Hochgeschwindigkeit.

Untersuchung auf physische Eignung bei der Berufsfeuerwehr: Tageblatt-Redakteur Jörn Barke im Härtetest.

Der Test-Kollege ist jedoch mein Glück: Er kriecht vorweg, sucht den Weg und passt auf, dass ich gut hinter ihm herkomme. Ganz stockfinster ist es in dem Gitterkäfig zum Glück auch nicht, so dass ich den Umriss meines Mitstreiters immer gut sehen kann – außer natürlich, wenn Kollege Vetter mich aus der Tiefe des Raumes anblitzt und alles schwarz wird.

Der Käfiggang lässt einen zumindest ahnen, wie hart es im echten Einsatz werden kann, wenn man im Rauch die Hand nicht vor Augen sieht und auch noch die Brandhitze dazukommt. Am Ende führt mich mein Mitstreiter sicher zurück ins Licht – und ich habe tatsächlich meine erste Station bestanden. Innerlich leuchte ich wie ein Blaulicht auf Einsatzfahrt.

Monika Stahlmann, die die Station mitbetreut, ist seit 1994 die einzige Frau bei der Berufsfeuerwehr. Eine großangelegte Werbeaktion, um mehr Frauen als Bewerberinnen zu haben, hatte kürzlich nicht wirklich Erfolg. Unter den 90 Bewerbern sind acht Frauen. Einige davon hätten sich aber bislang sehr achtbar geschlagen, sagt Stahlmann. Für Frauen gibt es beim Test keine Ermäßigungen: Sie müssen das gleiche leisten wie Männer. Das spielt eine wesentliche Rolle bei

Station 5: Monster-Dummy

Hier gilt es, den 80 Kilo schweren Dummy zu ziehen, drei Runden, 60 Meter insgesamt. Mit Alexander Meyer und Joachim Posanz erklären zwei Vollprofis, die regelmäßig bei den Weltmeisterschaften für die härtesten Feuerwehrmänner abräumen, wie es geht. Die machen so was zum Aufwärmen. Mein Ziel ist dagegen: Ich will weder stürzen noch im Ziel zusammenbrechen.

Also lasse ich es erst einmal ruhig angehen, während ich den bleischweren Monster-Dummy hinter mir herzerre. Meine Geschwindigkeit bringt mir zwar spitze Zwischenrufe („Zeitlupe!“) ein, aber dafür kann ich am Ende sogar noch zulegen. Das nützt allerdings nicht mehr wirklich was. Bei 60 Sekunden hätte es noch eine Fünf gegeben. Meine Zeit: 75 Sekunden. Kleiner Trost: Damit bin ich bei weitem nicht der schlechteste. Mit dieser Erkenntnis wage ich mich an

Station 6: Im Nichts

25 Meter steil nach oben, das Anseilen beruhigt da nur wenig. Genauso wenig wie der Hinweis, von Oliver Niebuhr, das hinter manche Sprossen der Drehleiter etwas gebaut ist, so dass man sich dort entscheiden muss, eine Lücke auf der Sprosse zu suchen oder nur mit den Zehenspitzen hochzusteigen.

Die einsam aufragende Leiter lässt freien Blick in alle Richtungen, man ist im großen Nichts. Ich entscheide mich schnell, nur noch auf die Sprossen zu blicken. Das geht erstaunlich gut. Der Wind ist friedlich und schenkt mir einen ruhigen Aufstieg. Allerdings sind 25 Meter auch eine physische Herausforderung.

Oben bin ich dann sogar recht entspannt und stehe Modell für Kollege Vetter, der zuvor mit Christian Tasch hochgefahren ist. Ich kann sogar die Aussicht ein bisschen genießen. Die Leiter runter komme ich ebenso eigentlich ganz gut, auch wenn Niebuhr von unten zitternde Waden infolge von Anstrengung beobachtet haben will. Immerhin: Station bestanden.

Für die engere Auswahl reicht das leider absolut nicht. Allzu sehr grämen muss ich mich aber nicht: Etwa ein Drittel der Bewerber scheitert an den physischen Anforderungen. 60 werden dann noch zum schriftlichen Test eingeladen. Von diesen dürfen 30 bis 40 noch zum Vorstellungsgespräch kommen. Am Ende schaffen etwa sechs Bewerber den Sprung in die Berufsfeuerwehr. Die dürfen noch zur ärztlichen Untersuchung.

Die Fitness der Bewerber habe in den vergangenen 20 Jahren grundsätzlich nachgelassen, sagt Koch. Viel weniger Bewerber als früher seien noch in Sportvereinen. Viele seien auch nicht in der Freiwilligen Feuerwehr. Bei dem Test gehe es nur um eine Grundfitness. Fitgehalten werden die Feuerwehrleute dann beim regelmäßigen Dienstsport. Und Leute wie Meyer oder Posanz trainieren ihren Körper auf Profisportler-Niveau. Ich dagegen setze mich mit schweren Armen und schmerzendem Knie ins Auto und lasse die Drehleiter hinter mir.