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Göttingen Wie lebt es sich mit einer Zwangstörung? Ein ehemaliger Göttinger berichtet
Die Region Göttingen Wie lebt es sich mit einer Zwangstörung? Ein ehemaliger Göttinger berichtet
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09:41 11.10.2019
Oliver Sechting Quelle: R
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Göttingen/Berlin

Oliver Sechting stammt aus einer Göttinger Juweliersfamilie. Schon früh entwickelte er Zwangshandlungen, die den 44-Jährigen bis heute begleiten. In einem Buch hat er sein Leben geschildert: „Der Zahlendieb“.

Mit dem Tod seines Vaters habe alles angefangen, sagt Sechting beim Telefongespräch. Elf Jahre alt war der Sohn einer Juweliersfamilie damals. Zuerst habe der Vater seinen Krankenhausaufenthalt verharmlost, dann siechte er dahin. Krebs lautete die Diagnose. Der Tod kam schnell. Und Oliver entwickelte Zwangshandlungen. Sie sollten eine Ersatzordnung schaffen, meint Sechting heute. „Die Zwänge vermitteln eine trügerische Sicherheit.“

Kontrolle der Türklingen

Zuerst vermied der Junge es, auf Fugen im Fußbodenpflaster zu treten. Andere Zwänge kamen dazu. Wenn die Mutter, die das Juweliergeschäft des Vaters in der Weender Straße weiterführte, abends nicht zu Hause war, schlich der Sohn durchs Haus, um zu überprüfen, ob alle Türklinken in der Waagerechten standen, was sie nicht automatisch taten, berichtet Sechting in seinem Buch. Nur wenn alle Klinken in der Horizontalen standen, kann das Unheil von der Mutter abgewendet werden, glaubte der Junge: „Oben stand für den Himmel, das Licht, für ,aufwärts im Leben’; unten stand für die Hölle, die Dunkelheit, für ,abwärts im Leben’“.

Bald entwickelte sich das System der Zwänge weiter, sie bezogen sich aufeinander. Ein Fehler beim Fugentreten konnte durch dreimaliges Antippen eines Gegenstandes „neutralisiert“ werden, wie der Junge es nannte. Dann kamen noch Farben hinzu. Mit Blau fühlte er sich wohl, Gelb und Braun verursachten Unwohlsein, weil er sie mit Fäkalien verband. „Nachdem ich etwas Gelbes oder Braunes angefasst hatte, musste ich es neutralisieren, indem ich zum Beispiel einen Gegenstand in einer anderen Farbe berührte, am besten in Blau.“

Studium in Berlin

Auch Zahlen besetzten eine Stelle in diesem Zwangssystem. Die Sieben wirkte positiv. Ein negatives Gegenstück lieferte eine TV-Reportage über Skiunfälle. Der offene Bruch eines Beines lieferte ihm der die Zahl 58 als Symbol für vieles Negative.

Die Schule absolvierte Sechting in Göttingen, eine Lehre zum Industriekaufmann bei Herrenbekleidungshersteller Wilvorst in Northeim schloss sich an. In Berlin wollte er Betriebswirtschaftslehre studieren. Kurz vor seinem Umzug in die Hauptstadt wagte er sich an sein Coming-out als Homosexueller. Auch das sei ihm eigentlich schon im Alter von elf Jahren klar gewesen, schreibt Sechting.

Das BWL-Studium überforderte ihn mit seinen Zahlen. Berlin, das viele Neue, das Fehlen von Freundschaften, das alles habe ihn überfordert, sagt Sechting. „Ich habe mich in Berlin sehr unwohl gefühlt.“ Nach einem Jahr erlitt er einen Nervenzusammenbruch. Ein Aufenthalt über Monate in der Psychiatrie führte ihn wieder nach Göttingen, habe ihm aber nicht gutgetan, meint Sechting, seine Krankheit sei teils falsch diagnostiziert worden.

Beziehung mit Rosa von Praunheim

Doch Sechting gab nicht auf. Er zog wieder in die Hauptstadt und begann ein Sozialpädagogik-Studium. „Parallel habe ich schon für einen Verein gearbeitet, der sich für Jungen engagiert, die anschaffen gehen.“ Nach dem Diplom bekam er dort eine Stelle – und lernte seinen heutigen Lebensgefährten Rosa von Praunheim kennen. Der Regisseur wollte einen Film über männliche Prostituierte drehen, Sechting wurde sein Ansprechpartner. Bald hätten sie ich auch privat getroffen, erzählt er. Nach einem halben Jahr waren sie ein Paar. Zwölf Jahr ist das her, die Beziehung hat Bestand.

Praunheim habe er auch bald von seinen Zwangsstörungen berichtet, sagt Sechting – um Missverständnissen vorzubeugen. Sein Lebensgefährte unterstütze ihn bei einer weiteren Therapie. Doch sein Umfeld wusste noch nicht von seinen Zwängen.

Erkrankung wird Thema von Filmprojekt

Das änderte sich erst mit einem Filmprojekt. Mit dem Co-Regisseur Max Taubert reiste Sechting nach New York, um einen Film über Künstler zu drehen. Durch seine Zahlenzwänge kam es zum Konflikt zwischen den beiden. Kurzerhand stellten sie Sechtings Erkrankung ins Zentrum des Filmprojekts. Das fertige Produkt „Wie ich lernte, die Zahlen zu lieben“ wurde zum Max-Ophüls-Festival eingeladen, und das Wissen um Sechtings Krankheit war endgültig in der Welt, „ein Bekenntnis auf Lebenszeit“. „Das musste ich mir vorher sehr gut überlegen“, sagt er und ist heute froh, den Schritt gegangen zu sein. „Ich habe nicht das Gefühl, dass es mir schadet. „Ich habe ein diskriminierungsfreies Umfeld.“ Sicher ist er aber auch: „Das kann man nicht jedem raten.“

Sein Zustand habe sich durch die Therapien und Medikamenteneinnahme gebessert, berichtet Sechting, vor allem, weil er gelernt habe, mit seiner Erkrankung zu leben. „An eine hundertprozentige Genesung glaube ich nicht mehr.“

Oliver Sechting: „Der Zahlendieb“, Balance-Verlag, 191 Seiten, 16 Euro.

Oliver Sechting: „Wie ich lernte, die Zahlen zu lieben“, Film, 8,39 Euro.

Die Akademie Waldschlösschen

Verbindung zu Göttingen

Oliver Sechting ist in Göttingen geboren und aufgewachsen. Hier ging er bis zum Abitur zur Schule. Heute lebt der 44-Jährige mit seinem Lebensgefährten, dem Filmemacher Rosa von Praunheim, in dem Berliner Stadtteil Wilmersdorf, dem alten Berlin. „Ich habe innerlich noch einen starken Bezug zu Göttingen“, sagt er. Seine Familie lebt noch immer in Geismar. Das Juweliergeschäft der Sechtings befand sich in den 1970er-Jahren am Nabel, später dann etwas entfernt, aber immer noch in der Weender Straße. Sein spätes Coming-out verhinderte den Kontakt mit dem Waldschlösschen zwischen Reinhausen und Bremke, schon damals ein bekanntes Tagungshaus der bundesweiten Homosexuellenszene. Inzwischen sei er häufig dort zu Gast gewesen, berichtet Sechting. Bald will er seiner Heimatstadt wieder einen Besuch abstatten, spätestens zu Weihnachten, sagt er und beschreibt das gute Verhältnis zu Tanten, Cousins, Cousinen und vor allem zu seiner Mutter.

Von Peter Krüger-Lenz

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