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Göttingen Ein ganzes Dorf im Zeichen des Kreuzes
Die Region Göttingen Ein ganzes Dorf im Zeichen des Kreuzes
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19:07 18.11.2010
Von Nadine Eckermann
Sicher nicht touristisch gemeint, aber auch als Einladung für Besucher zu verstehen: Christusfigur mit Spruchband über dem Eingang zur Kirche.
Sicher nicht touristisch gemeint, aber auch als Einladung für Besucher zu verstehen: Christusfigur mit Spruchband über dem Eingang zur Kirche. Quelle: Eckermann
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Auch der Ort Jützenbach weist bereits in seinem Wappen auf seine katholische Prägung hin: „In Rot schräglinks geteilt durch einen silbernen Wellenbalken; vorn eine silberne Bischofsmütze, hinten ein silbernes sechsspeichiges Rad“, heißt es in der Blasionierung. Dabei steht die Bischofsmütze zum einen für die enge Verbindung zum Kloster Gerode. Sie symbolisiert aber auch die Herkunft der beiden letzten Äbte: Sie stammten aus Jützenbach.

Dass es sich bei der Bildgebung im Wappen nicht nur um ein Relikt aus vergangenen Tagen handelt, sondern der Glaube auch heute noch – wenn auch abgeschwächt – im Mittelpunkt des Ortes steht, zeigt sich bei einem Besuch des Eichsfelddorfes. Der allerdings sollte vorbereitet sein. Denn viele kleine Geschichten über den Ort und auch viele große Zeichen des Glaubens lassen sich nicht auf eigene Faust erkunden. Es braucht schon einen Spezialisten, der unter der hübschen, aber eben dörfischen Fassade Jützenbachs den schimmernden Schein des Katholizismus hervorkratzen kann.

Einer dieser Experten ist Christoph Schmidt. Sein heimatkundliches Interesse, gepaart mit einem tief verwurzelten Glauben, weckte in dem Krankenpfleger die Idee, alles zu sammeln, was mit Jützenbacher Kirchenkunst zusammenhängt. Über die Kirche im Ort hat der Heimatforscher mittlerweile mehrere Texte veröffentlicht: „Ich habe vor vielen Jahren angefangen, meinen Stammbaum zu erforschen. Dafür habe ich die Kirchenbücher des Ortes abgeschrieben. Dadurch wiederum kam ich dazu, mehr über den Ort in Erfahrung zu bringen und dieses Erfahrene in den Amtsblättern zu veröffentlichen.“ Nicht allein in Form dieser Texte informiert Schmidt heute an der Geschichte Jützenbachs Interessierte. Er bietet auch Führungen durch den Ort und die Kirche an. Er bringt Besucher des Dorfes an einen Ort, der von außen zunächst unscheinbar wirkt, in seinem Inneren aber Schätze vergangener Jahre im Zeichen des Glaubens birgt: das Kirchenmuseum im Gemeindezentrum.

Das Museum besteht aus einem Raum, in dem Schmidt, der auch Mitglied im Heimat- und Geschichtsverein ist, alles zusammenstellt, was historisch relevant sein oder auch werden könnte: „Die Exponate aus dem Museum, welche ständig ausgestellt sind, stammen aus der Kirchen oder haben etwas mit der Kirche zu tun“, erklärt Schmidt und verweist beispielsweise auf Fotografien, die an den Wänden hängen. „Die Sammlung ist über die Jahre gewachsen und gewachsen“, berichtet Schmidt. So habe er vor einigen Monaten den Entschluss gefasst, seine Exponate in einer Ausstellung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Besonders stolz ist er dabei auf eine Mess-Kasel, ein liturgisches Gewand des letzten Abtes im Kloster Gerode. „Es ist mehr als 200 Jahre alt“, erläutert Schmidt.

Nicht alle Ausstellungsstücke sind so alt. Schmidt zeigt auch liturgische Gegenstände, die bis vor wenigen Jahren noch in Gebrauch waren. So sind sie bereits jetzt für die Nachwelt gesichert. Und er kümmert sich um Nachschub für sein kleines Museum. Wechselnde kleine Sonderausstellungen sollen die Dauerausstellung begleiten. Krippenfiguren sollen sie zeigen oder auch Literatur über den Ort. Zudem sei gerade geplant, Modelle zu fertigen, die die Häuser in Jützenbach in den Jahren 1950, 1900, 1850 und 1800 zeigen. Neben dem kleinen Kirchenkunstmuseum gibt es in der Kreuzkirche St. Johannes der Täufer einiges zu entdecken. Bereits vor dem Eintritt fällt eine in Stein gehauene Christusfigur ins Auge.

Jesus, der das Kreuz trägt, thront oberhalb der Tür in einem neogotischen Bogen. Die Form des Spitzbogens prägt das äußere Erscheinungsbild der 1907 erbauten, besser: wieder erbauten Kirche. Denn nach seinem Abriss wurde das Gotteshaus um einen bestehenden Turm aus dem 14. Jahrhundert herum gestaltet, architektonisch angelehnt an die Ideale des Mittelalters, wie dies im späten Historismus noch üblich war. „Der letzte Gottesdienst in der alten Kirche war die Feier der Osterliturgie. Der erste Gottesdienst in der neuen Kirche war die Feier der Weihnachtsliturgie: Das heißt, nicht einmal neun Monate vergingen, bis die neue Kirche im neogotischen Stil fertig war“, erklärt Schmidt die Entstehung.

Seither trifft sich die katholische Kirchengemeinde in dem neuen Raum, an dessen Eingang die Christusfigur angebracht ist. Unterhalb der Figur befindet sich ein Spruchband: „Kommet alle zu mir“, wird Matthäus 11,28 verkürzt zitiert. Alle Dorfbewohner seien es sicher nicht mehr, die diesem Aufruf folgten, schildert Schmidt eine Entwicklung, die auch in katholisch geprägten Orten festzustellen ist: „Wie überall nimmt die Beteiligung am kirchlichen Leben im Ort ab. Aber wir haben für unser kleines Dorf viele gute Leute, die voran gehen.“ Der Einladung Christi, das Gotteshaus zu besuchen, sollten auch Besucher des Ortes folgen, die sich dem Christentum nicht verbunden fühlen, aber ein Interesse an Kirchenkunst haben: Der Anblick des kleinen, aber reich geschmückten Innenraumes lohnt sich. Und er erzählt Geschichten, nicht nur aus Jützenbach, sondern darüber hinaus auch über das Kloster Gerode, aus dessen Kirche beispielsweise eine Pietà neben dem Eingangsportal stammt. Und auch der Barockaltar ist ein Stück Geschichte: Er ist aus einigen Elementen des Altares aus der Vorgängerkirche gestaltet.

Und die Kirche erzählt ein Stück Alltag des Ortes Jützenbach. Besonders schön lässt Schmidt Besucher das spüren, wenn er sie in den Glockenturm führt. Auf dem Weg dorthin bietet sich vom Mannhaus aus ein schöner Blick über den gesamten Kircheninnenraum. Folgt man Schmidt weiter, gelangt man in den Bereich der Kirche, der auf Schmuck verzichtet. Dort ist der Lauf der Zeit nicht nur zu spüren, sondern auch zu hören, wenn die Mechanik langsam in Gang kommt und den vollen Klang der Glocken auslöst, die zum Charakter des Ortes gehören wie die Kirche in seinem Zentrum.

Weitere Informationen: Christoph Schmidt: „Die katholische Pfarrkirche ,St. Johannes der Täufer‘ zu Jützenbach“, Mecke, 2007. Anmeldungen für Führungen nimmt Schmidt unter Telefon 03 60 72 / 8 88 88 entgegen.

Jützenbach

Das 545-Seelen-Dorf liegt im westlichen Teil des Landkreises Eichsfeld an der thüringischen Grenze zu Niedersachsen. Die erste bekannte Urkunde, die den Ort erwähnt, stammt aus dem Jahr 1124, die Richardis-Urkunde. Jützenbach – der Name leitet sich von „gussender Bach“ (herabfließender Bach) ab – zählte zu den Klosterdörfern der Benediktinerabtei Kloster Gerode. Bis zur Säkularisation gehörte der Ort zum Landesherrn Kurmainz, von 1815 bis 1945 war er Teil der preußischen Provinz.

Durch seine Tallage am Fuß eines nördlichen Ohmgebirgsausläufers und die Nähe zum Harz bieten sich in der Umgebung viele Wandermöglichkeiten. Zudem können im Ortskern Beispiele für gelungene Fachwerksanierung betrachtet werden. Im Himmeltal gibt es auch zwei Bildstöcke zu sehen, einen in der Neuen Straße, einen in der Hinterstraße. Die Gemeinde Jützenbach hat in diesem Jahr erfolgreich als Vertreter des Freistaates Thüringen am Wettstreit um die schönste und aktivste Gemeinde Europas teilgenommen: Die Jury der Europäischen Arbeitsgemeinschaft (Arge) Landentwicklung und Dorferneuerung zeichnete die Gemeinde mit dem Europäischen Dorferneuerungspreis aus.

Das Namenszeichen der Jützenbacher lautet übrigens „Mauskrücken“. Schmidt erklärt: „Bei uns in der Feldflur wurden Zwetschgenbäume angepflanzt. Die Zwetschgen wurden zu Mus verarbeitet und unter anderem im Harz verkauft.“