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Göttingen "Komik ist eine Gratwanderung"
Die Region Göttingen "Komik ist eine Gratwanderung"
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00:16 28.02.2017
Von Eduard Warda
Der Elchpreisträger Gerhard Glück bei der Autogrammstunde Quelle: Peter Heller
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Göttingen

Wie oft er Wortspiele mit seinem Nachnamen gehört hat, weiß der amtierende Träger des Satirepreises "Göttinger Elch" gar nicht. Es läuft auf eine fünfstellige Zahl hinaus. Nun kann er getrost eine Eins addieren.

Hört man sich bei der Ausstellung im Alten Rathaus um, wird Glück vor allem wegen seiner guten Beobachtungsgabe und für seinen Einfallsreichtum geschätzt.

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Wer aber glaubt, der Künstler werde von der Muse geküsst, und das Bild ist damit so gut wie fertig, der täusche sich, macht der Elch-Preisträger klar. "Es kommt schon vor, dass man einen Augenblickseinfall umsetzt. Dann fragt man sich: Ist das komisch, oder nicht?" In der Regel laufe es auf viel Kopfarbeit hinaus: "Sie müssen erst mal darüber nachdenken, was Sie machen wollen."

Die Schlange am Signiertisch, an dem Glück inmitten seiner Werke sitzt und geduldig jeden Gruß an Mama, Freundin oder Kumpel notiert, ist lang. Wegen des Elchpreises klingele seit einiger Zeit pausenlos das Telefon, er komme kaum noch zur Ruhe, berichtet der 72-Jährige, der in Frankfurt aufgewachsen ist. Glück beliebt zu scherzen - im Prinzip habe sich nichts verändert. Außer, dass er fortwährend Probleme habe, durch die Türen seines Hauses in Kassel zu treten, wenn er das Geweih trage.

Gerhard Glück in Göttingen - das sagen Besucher

Früher gab es noch Elchrahmsuppe zum Elch-Preis, 99 Dosen. Elchrahmsuppe hätte Glück schon ganz gern mal probiert, aber von den Kollegen sei bekannt, dass kaum noch etwas da ist. Vieles wurde, etwa von Olli Dietrich oder Otto, für den guten Zweck versteigert. Glück erhielt zum Preis unter anderem eine Elch-Warnweste. "Die trage ich aber nur, wenn ich abends ins Bett gehe."

Eigentlich rede er gar nicht so viel, versichert Glück, doch beim Signieren im Alten Rathaus stellt sich dann doch hin und wieder ein Plausch ein. Das Ausstellungsplakat enthält einen Stuhl, und auf diesem Stuhl, so verrät er einem Besucher, stellen sich nach einer halben Stunde Rückenschmerzen ein. Er wisse das, er habe ihn nachgebaut.

So eine Signierstunde ist für Glück nicht ausschließlich Pflichtprogramm. Tatsache ist aber, dass er auf Applaus, auf öffentliche Anerkennung gar nicht so scharf ist. "Meine Arbeit ist mir wichtig, ich müsste mir nur Gedanken machen, wenn der Applaus ausbleibt." Dass er an jedem verkauften Buch mit acht Prozent beteiligt ist, wie er verrät, erscheint da eher als Mittel, denn als Zweck.

Irgendwann ist es dann aber auch mal gut, und Glück gönnt sich vor dem Alten Rathaus eine Zigarette. Smetana steckt auf einem seiner Bilder den Kopf in die Moldau, um eine Ahnung vom Mittellauf zu bekommen - wie kommt er auf so etwas, und vor allem: Wie weiß der Humorist, wann ein Witz gut ist? Früher seien Kinder ein relativ zuverlässiger Ratgeber gewesen, stellt Glück klar.

 Gerade heute jedoch, in einer Zeit, in der einem das Lachen oftmals im Hals stecken bleibt, gerate die Karikatur bisweilen zur Geduldsprobe. "Dann muss die Drohne manchmal weiterfliegen", sagt der Satiriker, "Komik ist eine Gratwanderung". Seine künstlerische Freiheit jedoch, darauf ist auch ein bisschen stolz, habe er sich gegenüber den Verlegern regelrecht "ertrotzt".

Gerade hat Glück die Zigarette ausgemacht, da kommt seine Frau Ingrid aus der Stadt, um ihn abzuholen - das geht aber nicht: Der Humorist muss noch mal hoch in die Ausstellungsräume, wo sich am Signiertisch erneut eine Schlange gebildet hat. "Wir werden reich", ruft Glück seiner Frau zu und vertröstet sie noch für ein Weilchen. Kurz darauf sitzt er wieder da, der Elch, und schreibt seinen Namen in Bücher.

 

Vita

Gerhard Glück wurde 1944 in Bad Vilbel geboren und wuchs in Frankfurt am Main auf. In Kassel studierte er Grafikdesign und Kunsterziehung. 1972 erschienen erste Cartoons in der HNA, es folgten Beiträge unter anderem für das Magazin der Süddeutschen Zeitung und das Manager-Magazin. Seit 1991 erschien er regelmäßig im NZZ-Folio, in der Zeitschrift der Neuen Züricher Zeitung, seit 1994 im Satiremagazin Eulenspiegel. Seine Werke werden unter anderem in "Der Zeit" und in "Cicero" abgedruckt. Glück erhielt mehrfach den Deutschen Karikaturenpreis und 2017 den Satirepreis "Göttinger Elch". Er hat zwei erwachsene Kinder und lebt mit seiner Frau Ingrid in Kassel.