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Göttingen Entwarnung: Bombe entpuppt sich als Metallschrott
Die Region Göttingen Entwarnung: Bombe entpuppt sich als Metallschrott
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11:00 13.10.2019
Sprengmeister Thorsten Lüdeke nach getaner Arbeit. Diesmal holte er in Göttingen nur Schutt aus dem Boden. Quelle: Pförtner
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Göttingen

Am frühen Morgen glich Göttingen einer Geisterstadt, am Nachmittag folgte die Entwarnung: Bei dem vermuteten Bombenfund am Schützenanger handelte es sich nur um einen zusammengepressten Haufen Metall und Schutt. Die komprimierte Masse aus Blechfässern, Tonziegeln, Schlacke und einer „knüppeldicken Rostschicht“ hätten dafür gesorgt, dass die Mitarbeiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes von einem Bombenfund ausgegangen waren, erläuterte ein sichtlich erleichterter Sprengmeister Thorsten Lüdeke.

Frühmorgens war die allgemeine Lage noch eine andere: Nur wenige Autos waren unterwegs, teilweise fehlten nur noch die durch die Straßen wehenden Steppenläufer zum Bild einer Geisterstadt. Zusätzlich lag eine schwer zu greifende Anspannung über der Stadt. Die wenigen Personen, die unterwegs waren, hatten ernste Mienen aufgesetzt.

Was war am Sonnabend in Göttingen los?

Lagezentrum in der Breslauer Straße

Im neu eingerichteten Stabsraum für Katastrophenschutz auf dem Gelände der Berufsfeuerwehr in der Breslauerstraße war bereits um 6.30 Uhr der Planungsstab mit etwa 40 Führungskräften von Feuerwehr, Polizei, Technischem Hilfswerk, Stadtverwaltung, Bahn und anderen Einrichtungen zusammengekommen. Hier sollten alle Fäden zusammenlaufen, nichts dem Zufall überlassen werden. Die Erinnerung an die Geschehnisse vor neun Jahren, als drei Menschen wenige Meter vom jetzigen Fundort entfernt ihr Leben verloren, war bei vielen Göttingern noch sehr lebendig.

„Exakt um 12.02 Uhr war die Evakuierung abgeschlossen“, sagte Stadtsprecher Dominik Kimyon in einer Zwischenbilanz. Zu diesem Zeitpunkt hing der Zeitplan um etwa eine Stunde. Grund dafür sei allerdings keinesfalls das Verhalten der Anwohner gewesen, betonte er. Die bezeichneten alle Verantwortlichen als sehr kooperativ und verantwortungsbewusst. Auch wenn einige Wenige ob des morgendlichen Besuchs der Evakuierungskräfte irritiert gewesen seien oder im Schlafanzug an der Tür gestanden hätten, wäre der Gefahrenbereich eigentlich pünktlich evakuiert gewesen.

Demonstranten verzögern Evakuierung

Dass es trotzdem zur Verzögerung kam, ging auf das Konto von fünf Aktivisten. Die waren im Sperrgebiet auf Bäume geklettert, um unter dem Slogan „entschärfen überall“ auf den Angriff der Türkei in Syrien aufmerksam zu machen. Die Polizei musste anrücken und die Demonstranten überzeugen, von den Bäumen herunterzuklettern und abzuziehen. Die Reaktionen in den sozialen Medien und bei den Verantwortlichen fielen deutlich aus. „Wir prüfen, ob es weitere Ermittlungen geben wird“, sagte Polizeisprecherin Kaatz. Angesichts eines solchen Anlasses sei das eine „völlig unangemessene Aktion“ gewesen.

Polizeisprecherin Jasmin Kaatz findet deutliche Worte über die Protestaktion in der Leineaue:

In den Unterkünften hatten sich mittlerweile etwa 600 Menschen angemeldet. Weniger als erwartet, die Kapazitäten waren für über 1000 Besucher ausgelegt. „Vermutlich spielt das Wetter dabei eine Rolle“, sagte Christian Schmetz, als Göttingens Erster Stadtrat verantwortlich für den Großeinsatz. Außerdem hätten sich vermutlich viele Betroffene wegen der Ferien und dem Wochenende zu einem Ausflug außerhalb der Stadt entschieden.

Lob für alle Helfer

Nach einem Kontrollrundgang durch das Evakuierungsgebiet, bei dem er sich persönlich ein Bild der Lage machen wollte, fand Schmetz allerdings nicht nur für das Verhalten der Bürger lobende Worte, sondern auch für die Professionalität aller beteiligten Helfer. „Überall wird hochkonzentriert gearbeitet. Dennoch ist die Stimmung entspannt, das ist ein gutes Zeichen.“

Dominik Kimyon lobt das Verhalten der Göttinger während der Evakuierung:

Zu diesem Zeitpunkt waren Sprengmeister Lüdeke und seine vier Kollegen die einzigen Menschen in der Sperrzone. Allein mit einer mutmaßlichen Bombe und den Erinnerungen an die Ereignisse von 2010. Für alle anderen galt es jetzt zu warten, bis er sich vorsichtig zum unbekannten Fundobjekt vorgearbeitet hat. Die Feuerwehr postierte derweil an drei Stellen am Rand des Gebiets sogenannte Erkundungseinheiten. „Wir wollen im Erstfall schnell vor Ort sein“, erklärte Feuerwehrsprecher Frank Gloth. Außerdem stand für jeden KBD-Mitarbeiter ein Notarztteam bereit.

Eine Falschmeldung sorgt für Verwirrung

Mit jeder Minute stieg die Anspannung. Liegt dort eine Bombe im Boden unter dem Schützenanger? Ist wirklich einer der gefürchteten Säurezünder verbaut, wie im Vorfeld vermutet wurde? Um 13.37 Uhr dann meldete die Stadt auf ihrer Internetseite: „Der Kampfmittelbeseitigungsdienst hat eine Bombe im Boden ausfindig gemacht. Informationen über den Zustand der Bombe liegen derzeit noch nicht vor.“

Eine Falschmeldung, wie sich wenige Minuten später herausstellen sollte. Denn Sprengmeister Lüdeke hatte zu diesem Zeitpunkt bereits Entwarnung gegeben. „Ein Kommunikationsfehler“, räumte Stadtsprecher Kimyon ein. Die zwischenzeitliche Verwirrung wich schnell der Erleichterung: Es würde definitiv nicht zu einer Detonation kommen. Als letzte Amtshandlung ließ der Führungsstab laut Kimyon „alle Systeme wieder anlaufen“ und die Evakuierung aufheben.

Strahlende Gesichter

Nach der Entwarnung leerten sich die beiden Unterkünfte schnell wieder: Keine Viertelstunde dauerte es in der Geschwister-Scholl-Schule. Als „sehr schön“ empfand Ayla Kalayci die Zeit dort, sie sei „gut versorgt“ worden, sagt die Frau mit den beiden Krücken, bevor sie in den Bus steigt, der sie nach Hause bringt. Auch Agnes Frühwald, die Bekannte in Rosdorf besucht hatte, ist froh: „Gottseidank ist nichts passiert.“ Die Erleichterung ist den Menschen anzusehen: Überall strahlen die Gesichter. Normalität kehrte ein.

Übrigens auch am Fundort. Lüdeke und sein Kollege Jörg Laes standen am frühen Nachmittag an der Grube und erklärten geduldig Medienvertretern die Ereignisse der letzten Stunden. Der komprimierte Schrott habe bei den ersten Messungen zu der bombentypischen Signatur geführt. Die Bodenverfärbung, die die Experten zunächst als möglichen Bombenkrater klassifiziert hatten, erklärte sich den Experten im Nachhinein dadurch, dass an der Fundstelle früher ein Schacht gewesen sein muss.

Auf die Frage, wie er sich fühle, antwortete Lüdeke nur: „Da brauchen Sie nur meinen Gesichtsausdruck von gestern und heute zu vergleichen.“ Natürlich hätte er eigentlich lieber eine Bombe entschärft, sagte er. Deshalb mache er diesen Job schließlich. „Aber heute bin ich auch mit einem Fass zufrieden.“ Das Gefühl in Göttingen sei immer ein etwas anderes.

Von Tobias Christ und Markus Scharf

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