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Göttingen Erlebnisse einer Familie vor und nach der NS-Zeit
Die Region Göttingen Erlebnisse einer Familie vor und nach der NS-Zeit
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17:28 07.11.2010
Sigrid Kluths Eltern mit Kindern: Tauffest auf der Burg Schwarzenfels 1942.
Sigrid Kluths Eltern mit Kindern: Tauffest auf der Burg Schwarzenfels 1942. Quelle: EF
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Damit führt die Familiengeschichte auch in die düstere Zeit der nationalsozialistischen Diktatur und damit auch zur Frage, wie sich ihre Familie in dieser Zeit verhalten hat. Kluth weicht dieser Frage nicht aus, hält aber auch kein Tribunal über ihre Vorfahren. Sie versucht, zu verstehen, was die ihr familiär verbundenen Menschen damals bewegte und zugleich eine kritische Distanz zu bewahren. Daraus folgt auch die Erkenntnis, dass viele ihrer Vorfahren zu den Mitläufern des Regimes zählten. Die 1937 geborene Kluth lässt jedoch über weite Strecken die Dokumente sprechen und kommentiert nur knapp und zurückhaltend das Geschehen.

Kluths Großmutter Meta Wegener zog als siebenjährige Pfarrerstochter 1892 mit ihrer Familie nach Hamburg – als die große Cholera-Epidemie, die Tausende das Leben kostete, gerade erlöscht. Es existiert eine Erzählung von Wegener, in der sie ihre Erinnerungen daran festgehalten hat, wie gespenstisch die Stadt wirkte: „Die große Hafenstadt schien wie ausgestorben. Man sah Häuser, in denen kein Mensch mehr wohnte; die Haustüren waren verschlossen, an den Fenstern die Jalousien heruntergelassen.“ Wegener schildert auch die elenden hygienischen Verhältnisse in der Stadt.

Briefe und Aufzeichnungen von Wegener, die Kluth ausführlich zitiert, schildern ihren weiteren Lebensweg in Osterode und Berlin-Tegel. Aufschlussreich für die Wertvorstellungen der damaligen Zeit sind ihre Brief an den Bruder Hans, der Frau und Sohn für eine andere Frau verlässt.

Eindrücklich sind auch Wegeners Schilderungen der schweren Zeit im Ersten Weltkrieg, in den auch ihr Mann gezogen ist. Aber er überlebt. 1923 zieht die Familie nach Hann. Münden, wo Wegeners Mann Prokurist einer Firma wird. Aus der Mündener Zeit gibt es unter anderem Aufzeichnungen von Kluths Mutter Lisa. Vieles davon kreist allerdings um die Irrungen und Wirrungen der ersten Liebe.

Schließlich heiratet Kluths Mutter den Forstassessor Herbert Boehncke. Der nationalsozialistischen Diktatur steht die Familie wie weite Teile der Bevölkerung anfangs positiv gegenüber. Wie sehr sich die Familie in der NS-Propaganda verfing, davon zeugen die Familiendokumente. Viele sind aber doch auch sehr dem privaten Gefühlsleben der Familie verhaftet, in das zunehmend die Schrecken des Krieges eindringen. Einen Tag vor Weihnachten erhält Kluths schwangere Mutter die Nachricht, dass ihr Mann tot ist: „gefallen für Großdeutschland“. Sie sagt den Kindern erst nichts, feiert mit ihnen Weihnachten und spielt im Gottesdienst die Orgel.

Einen guten Einblick in das Leben an der Front geben die Briefe des Bruders von Kluths Mutter. Weihnachten 1943 philosophiert er an der Front über Glaubenssachen, zwei Wochen später erschießt er auf Befehl einen verwundeten Russen, „den wir nicht mitschleppen konnten. Ich habe es erst einfach nicht übers Herz gebracht. Aber dann dachte ich an Herbert und an die Kameraden, die ich habe fallen sehen.“ Er selbst fällt im Juli 1944 im Alter von 19 Jahren.

Kluth zitiert auch aus einem Bericht ihrer Großmutter, deren Mann sich dem „Volkssturm“ anschlossen hat, über das Kriegsende in Münden. Ihre Mutter und die Kinder haben dagegen seit 1942 auf Burg Schwarzenfels in Hessen am Rande der Rhön eine Zuflucht gefunden. Dort heiratet Kluths Mutter 1946 in zweiter Ehe Wolfgang Wellmann, der eine distanzierte Haltung zum NS-Regime eingenommen hatte und Mitglied der von Friedrich Hielscher gegründeten „Freien Kirche“ war, der sich auch Kluths Mutter anschließt. Die neu zusammengefügte Familie steht gemeinsam die schwierigen Nachkriegsjahre durch. Mit dem Umzug nach Rotenburg an der Fulda 1949 endet das Buch.

Sigrid Kluth: Meiner Väter Zeit. Die Geschichte meiner Familie 1910-1949. Verlag die Werkstatt, geb., 238 Seiten, 21,95 Euro. In den kommenden Tagen sind zwei Lesungen vorgesehen: am Dienstag, 9. November, um 18 Uhr in der unteren Rathaushalle in Hann. Münden und am Freitag, 12. November, um 19.30 Uhr in der Kreisvolkshochschule in Göttingen, Bürgerstraße 64.

Von Jörn Barke