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Göttingen Erste Flüchtlinge aus Syrien kommen in Friedland an
Die Region Göttingen Erste Flüchtlinge aus Syrien kommen in Friedland an
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11:21 11.09.2013
Die ersten hundert syrischen Flüchtlinge werden heute im Grenzdurchgangslager Friedland bei Göttingen erwartet: Rine der Baracken in denen die ersten Flüchtlinge untergracht werden. Quelle: EPD
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Friedland

Der Boden in Baracke Nummer 42 ist frisch gewischt, die Betten sind bezogen, vor der Tür steht noch ein blauer Müllsack. Hier und in ein Nachbargebäude sollen an diesem Mittwoch 109 Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien einziehen. Das Grenzdurchgangslager Friedland bei Göttingen wird ihre erste Station in Deutschland sein.

"Wir erwarten viele komplette Familien, Mütter mit Kindern und einige Einzelpersonen", berichtet der Leiter der Einrichtung, Heinrich Hörnschemeyer. Sie sind die ersten von insgesamt 5.000 syrischen Flüchtlingen, die in Deutschland ohne Asylverfahren ein Aufenthaltsrecht erhalten. Alle haben ihr Heimatland bereits vor Monaten verlassen und zuletzt in Auffanglagern im Libanon, in Jordanien oder der Türkei gelebt. Dort wurden sie vom UN-Flüchtlingskommissariat und Vertretern der Bundesregierung für die Reise in die Bundesrepublik ausgewählt.

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Viele verfielen in Depressionen

Der für das Lager zuständige Pastor Martin Steinberg vermutet, dass die syrischen Flüchtlinge in ganz unterschiedlicher Verfassung in Friedland ankommen. "Einige werden sich unglaublich glücklich und in Freiheit fühlen", sagt der Pfarrer. Viele verfielen aber auch in Depressionen, weil sie alles hinter sich gelassen hätten. Nach der Begrüßung, einer ersten Mahlzeit und der Verteilung auf die Zimmer am Mittwochabend bekommen die Syrer in den folgenden Tagen ein Taschengeld in Höhe von jeweils 20 Euro sowie Informationen über künftige Sozialleistungen und die in Friedland tätigen Hilfswerke.

Mehrere Dolmetscher für Arabisch stehen für die Neuankömmlinge bereit. Unterstützung, davon ist Hörnschemeyer überzeugt, leisteten sicher auch die schon länger im Lager lebenden rund 160 Asylsuchenden aus Syrien. Große logistische Herausforderungen erwartet Hörnschemeyer in den nächsten beiden Wochen ebenso wenig wie Spannungen zwischen Syrern und anderen Bewohnern. Mit rund 460 Personen - die meisten sind Asylsuchende, eine Minderheit kam als Spätaussiedler - ist Friedland derzeit nicht voll ausgelastet.

Syrer gelten als umgänglich und problemfrei

"Und die Syrer, die gelten hier als sehr umgänglich und problemfrei", ist seine Erfahrung. Ab Montag können die Erwachsenen an sogenannten Wegweiser-Kursen teilnehmen. "Sie dauern eine Woche und bestehen aus ein bisschen Sprachunterricht, ein bisschen Landeskunde und Alltagstipps", erläutert Hörnschemeyer. "Zum Beispiel, wie das hier mit den öffentlichen Verkehrsmitteln läuft und dass man bei Rot möglichst nicht über die Straße geht."

Die Kinder werden währenddessen von Erzieherinnen und Erziehern auf ihren Schulalltag in Deutschland vorbereitet. Da gehe es dann auch schon um "so etwas wie Pünktlichkeit und gewisse Regeln". "Klassenarbeiten werden aber in Friedland noch nicht geschrieben", sagt Hörnschemeyer und lacht. In den letzten Tagen ihres Aufenthaltes sollen sich die Flüchtlinge auf ihre Weiterreise vorbereiten. Sie werden nach einem Schlüssel auf die einzelnen Bundesländer verteilt - knapp zehn Prozent von ihnen bleiben in Niedersachsen. Bis zum 25. September hätten alle das Lager wieder verlassen. epd

► Info: Grenzsdurchgangslager Friedland

Das auch "Tor zur Freiheit" genannte Grenzdurchgangslager Friedland wurde im September 1945 von den Alliierten zur Aufnahme von Kriegsflüchtlingen, Vertriebenen und entlassenen Kriegsgefangenen gegründet. In den Jahren 1945 bis 1956 kamen etwa 570 000 Kriegsheimkehrer über Friedland zurück nach Deutschland. Von 1950 bis heute reisten mehr als 1,7 Millionen Aussiedler und Spätaussiedler über das Lager bei Göttingen  ein.

Daneben wurden immer wieder Flüchtlingsgruppen aus aller Welt aufgenommen, unter anderem 3555 Flüchtlinge aus Ungarn, die während des Aufstands im Jahre 1956 flohen. 1000 sogenannte Boatpeople aus Vietnam kamen 1978, im Jahr 2010 kamen 2500 besonders schutzbedürftige Flüchtlinge aus dem Irak. Seit 2011 ist das Grenzdurchgangslager auch Aufnahmeeinrichtung für Asylbewerber aus Ländern wie Irak, Afghanistan und Syrien. dpa/lni