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Göttingen Euthanasie im NS-System: Späte Beerdigung für Heinz Schäfer aus Bovenden
Die Region Göttingen Euthanasie im NS-System: Späte Beerdigung für Heinz Schäfer aus Bovenden
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11:40 27.08.2013
Späte Andacht: Erst jetzt konnten die getöteten Kinder bestattet werden. Quelle: George
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Lüneburg/Bovenden

Es ist die einzige psychiatrische Einrichtung in Niedersachsen, bei der durch staatsanwaltschaftliche Ermittlungen ab 1945 ohne Zweifel feststeht, dass die Heil- und Pflegeanstalt im Zweiten Weltkrieg mit Heilung und Pflege nichts zu tun hatte – sondern damit, „Minderwertige“ und „Ballastexistenzen“ loszuwerden. Kinder, die mit einer Behinderung auf die Welt kamen. Kinder, die in ihrer Entwicklung verzögert waren.

Kinder wie Heinz. Auf zerknitterten Schwarzweißfotos trägt der Junge kurze Hosen und Kniestrümpfe wie alle Jungen zu der Zeit. Er hatte Probleme mit dem Sprechen, auch das Gehen lernte er nicht richtig. „Ich habe ihn immer getragen, auf dem Arm oder in der Karre geschoben“, erinnert sich sein Bruder Rolf Schäfer. In diesem Sommer 2013 liest der 83-Jährige im Göttinger Tageblatt, dass durch Zufall die sterblichen Überreste eines Heinz Schäfer aus Bovenden, gestorben 1942, in einer Hamburger Klinik gefunden worden sind.

Hauchdünne Schnitte von Gehirnen

Marc Burlon forschte für seine Dissertation zu den Hamburger Kinderfachabteilungen von Kliniken, als er im Archiv der Neuropathologie des Universitätsklinikums Eppendorf auf Präparate stieß: Hauchdünne Schnitte von Gehirnen. Der damalige Leiter der Kinderfachabteilung in Lüneburg, Willi Baumert, hatte sie nach Hamburg geschickt, insgesamt 577 Präparate. Vor Gericht sagten Baumert und sein Ärztlicher Direktor Max Bräuner später, die Kinderfachabteilung habe der Erforschung erbkranken Nachwuchses gedient.

Für Rolf und Friedrich Schäfer bedeutete die Kinderfachabteilung, dass sie ihren Bruder verloren haben. Die Eltern hatten gehofft, dass ihr Sohn in Lüneburg geheilt würde. Doch er wurde getötet. Nach drei Monaten in der Klinik wurde Heinz als „bildungsunfähig“ eingestuft, nach vier Monaten erhielt seine Mutter die Mitteilung, der Vierjährige sei an Diphterie erkrankt. Kurz danach die Todesnachricht: angeblich Lungenentzündung.

Späte Bestattung von Heinz

Doch die Historikerin Carola Rudnick, die für die heutige Psychiatrische Klinik Lüneburg über die Opfer der NS-Psychiatrie forscht, ist sich sicher: „Die Angabe kann bezweifelt werden.“ Vielmehr haben Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger in Lüneburg zwischen 1941 und 1945 mehr als 300 Kinder getötet – durch das Schlafmittel Luminal oder durch mangelnde Ernährung. Im Sommer 2013 treffen sich Geschichte und Gegenwart. Carola Rudnick besucht Rolf Schäfer und dessen Familie. Es ist ein langer Besuch. Einige Wochen später sehen sich alle in Lüneburg wieder. Zur späten Bestattung von Heinz.

Nicht nur von Heinz, die Präparate von elf weiteren Kindern aus ganz Niedersachsen konnte die Wissenschaftlerin zuordnen. Pflegeschüler erarbeiteten eine Ausstellung über ihre Biografien, gemeinsam mit der Stadt und Vereinen hat die Klinik ihre bereits bestehende Gedenkstätte um eine Grabanlage mit Gedenkstein ergänzt. Für all die Opfer der NS-Psychiatrie und in Lüneburg. Von mindestens zwölf von ihnen lagen mehr als 60 Jahre lang Gehirnschnitte im Klinikum Hamburg.

Der Kopf war eingewickelt

Der Vater von Heinz Schäfer hatte sich 1942 nicht einschüchtern lassen von der Ansage der Anstaltsleitung, niemand bräuchte zur Bestattung zu kommen. Er fuhr von Bovenden nach Lüneburg, um Gewissheit zu bekommen. Und er fuhr ratlos zurück: Der Kopf des Jungen im Sarg war eingewickelt. Warum, wenn er doch an Lungenentzündung starb? „Jahrzehntelang hatte die Familie den Verdacht, dass etwas nicht stimmte“, sagt Renate Maier, 74, die mit ihren Cousins Rolf und Friedrich Schäfer zur Bestattung gefahren ist. „Und heute hätte Heinz zur Schule gehen können“, sagt sie traurig.

Von Carolin George