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Göttingen Evakuierung: Der große Andrang bleibt aus
Die Region Göttingen Evakuierung: Der große Andrang bleibt aus
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10:52 13.10.2019
Anja Vidakvic mit ihrem Hund Spock im Zelt für Evakuierte mit Tieren. Quelle: Niklas Richter
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Göttingen

Heidrun Holzapfel wirft einen Blick auf die Registrierungsliste und staunt. Es ist 11 Uhr, die Evakuierung sollte jetzt eigentlich abgeschlossen sein. Doch während andernorts noch die Polizei mit Baumbesetzern verhandeln muss, haben sich im Evakuierungszentrum in der Geschwister-Scholl-Schule zu diesem Zeitpunkt nur 231 Menschen angemeldet.

„Ich finde das ein bisschen beängstigend“, gesteht Holzapfel. Die 68-Jährige ist Helferin vom Deutschen Roten Kreuz und kümmert sich darum, dass die Ankommenden ihre Armbändchen erhalten, mit denen sie während der Evakuierung in der Mensa der Schule Essen und Trinken erhalten. Mit bis zu 1500 Menschen hatte sie heute eigentlich gerechnet.

Sicherlich hätten sich wegen des schönen Wetters viele Menschen, die von der Evakuierung betroffen sind, für einen Ausflug entschieden, glaubt Holzapfel. Aber alle? Das könne sie sich kaum vorstellen. Wo die Menschen auch geblieben seien – Hauptsache, sie sind alle in Sicherheit, findet die Rentnerin.

Hunde, Helfer, Häppchen

Ihr Mann Wilfried ist Teamleiter der Hilfskräfte des Roten Kreuzes vor Ort. Der 71-jährige ist am Morgen noch rastlos zwischen Empfang, Mensa und Besprechungsräumen hin und her geeilt, doch mittlerweile ist die Lage in der Geschwister-Scholl-Schule ausgesprochen entspannt.

Die Leute, die sich heute ins Evakuierungszentrum begeben haben, nutzen die Zeit auf verschiedenste Art und Weise. Während das Büffet sich über den gesamten Vormittag großer Beliebtheit erfährt, kommen viele Evakuierte miteinander ins Gespräch.

Ganz unterschiedliche Menschen sind hier durch die Bombenentschärfung zusammengekommen: Alte und junge, Anzug- und T-Shirt-Träger, Großfamilien und Alleinstehende. Mancher hat sich seinen Laptop mitgebracht – größtes Problem des Tages in diesem Fall: die Internetversorgung. Andere lesen ein Buch, und die Kinder toben sich beim Fangen spielen aus.

Der Eingang zur Mensa ist für Kinderwagen nicht ausgelegt – erst recht nicht für einen, in den zwei Kinder passen. Man hilft sich: Kurzerhand heben drei Helfer vom Roten Kreuz den Wagen über das Drehkreuz hinüber.

Viele Evakuierte verbringen ihre Zeit auch an der frischen Luft und nutzen das schöne Herbstwetter. Hinter der Mensa ist ein Zelt aufgebaut, in dem Tierbesitzer mit ihren Vierbeinern sitzen können. Doch die meisten von ihnen sitzen draußen, spielen mit ihren Hunden in der Sonne oder brechen zu einem Spaziergang auf.

Eine von ihnen ist Anja Vidakvic. Sie ist mit ihrem Hund Spock ins Evakuierungszentrum gekommen, und Spock nimmt den Ausflug in die Schule hin, als wäre er ein Profi darin, evakuiert zu werden. „Das macht ihm hier alles nichts aus, aber ich werde gleich doch einmal mit ihm Gassi gehen, damit er Abwechslung kriegt“, sagt Vidakvic.

„Das Wichtigste ist, dass kein Unglück geschieht“

Die Stimmung in der Geschwister-Scholl-Schule gibt weder Mensch noch Tier Anlass zur Beunruhigung. Natürlich wird auch über die Bombe gesprochen, aber insgesamt merkt man hier kaum, warum die Menschen an einem Samstagmittag in der Schule sind.

Trotz der offenen Frage, wo all die anderen Leute sind, die eigentlich vor Ort sein müssten, bewerten Heidrun und Wilfried Holzapfel den Tag bisher als Erfolg. Die Evakuierten werden gut versorgt, insgesamt stehen hier über 50 Helfer bereit, um jede Art von Problemen sofort zu bewältigen.

Am Morgen haben die Helfer noch mit kleineren Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt. Die ersten Evakuierten kamen, bevor alle Materialien zur Organisation und Verpflegung da waren. Doch mittlerweile läuft alles reibungslos, und Heidrun und Wilfried Holzapfel können sich die Zeit nehmen, ein wenig mit Evakuierten, Kolleginnen und Kollegen zu plaudern. Wären 1500 Menschen hier, ginge das wohl nicht.

2010 war Wilfried Holzapfel auch schon als Helfer dabei, als auf dem Schützenplatz die Bombe explodierte. Dass heute weniger als 300 Leute zu ihm gekommen sind, dass im Evakuierungsgebiet Menschen von Bäumen geholt werden müssen, das stört ihn deshalb nicht. „Das Wichtigste ist, dass heute alles gut geht und kein Unglück geschieht. Alles andere ist dann egal.“

Ein unverhofft frühes Ende des Tages

Sein Wunsch geht in Erfüllung: Kurz nach 14 Uhr verkündet ein älterer Herr als Erster die frohe Nachricht – es ist gar keine Bombe. Während die Helferinnen und Helfer noch diskutieren, wie sie ihren Einsatz formal beenden, verlassen die ersten Evakuierten bereits die Geschwister-Scholl-Schule.

Nach der offiziellen Durchsage folgt der weitere Auszug aus der Notunterkunft. Die Evakuierten bedanken sich bei den Helferinnen und Helfern, als sie die Schule verlassen, um in ihre Wohnungen zurückzukehren.

Heidrun Holzapfel ist erleichtert: „Wir sind alle froh, dass wir so früh nach Hause können. Und über diesen glimpflichen Ausgang freuen wir uns natürlich ganz besonders.“ Keine 15 Minuten nach der Entwarnung ist die Geschwister-Scholl-Schule fast wieder menschenleer.

Von Tammo Kohlwes

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