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Göttingen „Digitalisierung muss Chefsache sein“
Die Region Göttingen „Digitalisierung muss Chefsache sein“
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00:19 22.10.2017
Quelle: dpa
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Göttingen

„Fehlende Fachkräfte gelten heute als größte Hürde bei der Digitalisierung“, berichtete der selbstständige Unternehmensberater Jochen Kuhl seinen 70 Zuhörern bei der Veranstaltung, die Südniedersachsenstiftung und Industrie- und Handelskammer (IHK) zum 14. Mal ausrichteten. Der Fachkräftemangel sei ein ernstes Problem. Kuhl: „Die Digitalisierung ist kein Hype und keine Krankheit. Sie geht nicht vorbei.“ Sie eröffne vielmehr neue Geschäftsfelder und verändere die Welt tiefgreifend. Wer nicht mit der neuen Zeit gehe, verliere zunehmend Marktanteile.

Der Unternehmensberater aus Hardegsen erläuterte das anhand von Beispielen. Elektrohersteller Bosch, ein Vorreiter der Entwicklung, biete mittlerweile Akku-Schrauber mit WLAN-Verbindung an. In der Montagehalle eines Großraumflugzeugs wisse das Gerät genau, wo welche Schrauben wie fest anzuziehen seien. Das werde zugleich dokumentiert.

Bei Feuerwehrleuten, so Kuhl, ließen sich über innovative Helme bei Einsätzen fortlaufend Körperhaltung und Vitalfunktionen überwachen. Die Einsatzleitung könne auf diese Weise schwach werdende Kameraden rechtzeitig zurückrufen. Die Technik werde etwa in Dubai eingesetzt.

„Anbieter, die Produkte ohne solchen Zusatznutzen anbieten, werden über kurz oder lang vom Markt verschwinden“, warnte der Unternehmensberater. Das müssten Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzende realisieren und die Digitalisierung zur Chefsache machen. Sie müssten eine Strategie festlegen und die nötigen Mittel bereitstellen. Noch immer glaubten mehr als 40 Prozent der Unternehmer irrtümlich, dass es bei der Digitalisierung in erster Linie um das Einsparen von Kosten gehe.

Um die Digitalisierung in der eigenen Firma voranzutreiben, seien Fachkräfte entscheidend wichtig, führte der Hardegser aus. Dies seien nicht unbedingt Informationstechniker, sondern Menschen mit einer IT-Affinität. Auf allen Ebenen des Unternehmens müssten Mitarbeiter offen für den Einsatz neuer Technologien seien. Bei der Weiterentwicklung der eigenen Produkte und Dienstleistungen sei mitzubedenken, welcher Zusatznutzen, welche neuen Geschäftsfelder sich durch die Digitalisierung verwirklichen ließen. Mit dem Umbau der Wirtschaft entstünden ganz neue Berufsbilder wie Datenbroker, Roboterkoordinator oder Cloudarchitekt.

Eine lebhafte Diskussion entspann sich im Ratssaal um die Frage, wer Mitarbeitern solche Kenntnisse vermitteln soll. In der dualen Berufsausbildung ziehe sich zum Beispiel die Entwicklung neuer Berufsbilder aufgrund quälend langsamer Abstimmungsprozesse der vielen beteiligten Partner hin. Und wenn nach Jahren ein Ergebnis vorliege, habe sich der Bedarf bereits verändert. Kuhls nannte dazu ein paar Zahlen: „Das Telefon wurde 35 Jahre nach seiner Erfindung ein Massenprodukt, das Internet nach sieben Jahren, Facebook nach einem Jahr.“

Es laufe wohl auf Fortbildungsmodule hinaus, erklärte Martin Rudolph, der Göttinger IHK-Geschäftsstellenleiter. Große Konzerne hätten keine Probleme, die Fortbildung ihrer Mitarbeiter zu organisieren. Aber wie kämen die Mittelständler und Handwerker mit der neuen Zeit zurecht? Vielleicht würde es schon helfen, wenn sie Berufsanfängern, die in der digitalen Welt zuhause sind, mehr Freiheiten ließen, lautete eine Anregung.

Von Michael Caspar

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