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Die Region Göttingen Landkreis Göttingen will Stipendien für angehende Erzieher vergeben
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00:22 20.06.2019
Der Erzieherberuf ist beliebt, aber schlecht bezahlt. Mit Stipendien will der Landkreis Göttingen jetzt Auszubildenden unter die Arme greifen. Quelle: dpa
Göttingen

Mit sechs Stipendien will der Landkreis Göttingen jungen Menschen eine Ausbildung zum Erzieher oder zur Erzieherin schmackhaft machen. Die Auserwählten sollen pro Monat einen Zuschuss in Höhe von 250 Euro bekommen. Schüler und Ausbilder begrüßen den Vorstoß, für manche ist der Ansatz aber auch halbherzig und die Summe zu gering.

Es geht tatsächlich um mehr als um ein Taschengeld für Azubis: Wer zurzeit in Niedersachsen in einer Kita oder anderen Einrichtung als Erzieher arbeiten möchte, muss – im Normalfall – erst einmal vier Jahre zur Berufsbildenden Schule gehen: zwei Jahre für die Ausbildung zur Sozialpädagogische Assistenz, dann zwei weitere für die Erzieherausbildung. Anders als zum Beispiel Lehrlinge im Handwerk bekommen sie in dieser Zeit kein Geld. Das schreckt viele ab, unabhängig von den eh geringen Verdienstmöglichkeiten später im Job. Die Folge: In vielen Einrichtungen fehlen ausgebildete Erzieher.

Signal an das Land Niedersachsen

Das will das Land Niedersachsen ändern und strickt schon länger an einem Modell, um auch die Erzieherausbildung als duale Ausbildung mit Gehalt und mehr Praxisanteil anzubieten. Vor allem diesen Vorstoß will die Gruppe von SPD, Grünen und FWLG im Göttinger Kreistag mit ihrem jetzt diskutierten Antrag unterstützen. Nach dem ersten Satz ihres Antrages soll der Kreistag seinen Beschluss und seine Bereitschaft bekräftigen, die eventuell kommende Duale Ausbildung dann auch in seinen Berufsschulen umzusetzen. Als zusätzliches Signal soll er ein befristetes Stipendienprogramm aufstellen.

Erziehung in Kitas – ein spannender und vielseitiger Beruf. Quelle: dpa

Davon profitieren sollen angehende Erzieher im Anschluss an die Sozialassistentenausbildung. Im Ausbildungsjahr 2020/21 und in den beiden Folgejahren sollen jeweils sechs Auszubildende monatlich 250 Euro bekommen. Die Stipendiaten sollen gemeinsam mit den beiden für diesen Bereich im Landkreis zuständigen berufsbildenden Schulen BBS-Ritterplan in Göttingen und der BBS II in Osterode ausgewählt werden.

Mehrheit und Gegenstimmen im Fachausschuss

Im Jugendhilfeausschuss unterstützte eine große Mehrheit den Antrag der Gruppe. Abschließend muss der Kreistag zustimmen. Es gab aber auch Gegenstimmen und Enthaltungen – unter anderem von der CDU. Die Stadt Göttingen legt zurzeit ein ganz ähnliches Programm für je fünf Schüler auf.

„Der Fachkräftemangel in den Kitas ist groß“, erklärte für die SPD Ausschussmitglied Dirk Aue zum Antrag der Gruppe. „Wir müssen den Erzieherberuf attraktiver machen, aber auch schon die Ausbildung dahin“, fügte er an. Die eigentliche Hoffnung aber liege auf dem Land, das mit dem Geld aus dem neuen Gute-Kita-Gesetz die Ausbildung neu strukturieren wolle. Das Stipendium sei ein Signal an die Landesregierung.

Auch für die Grünen geht es dabei „um Symbolik“ und eine „Übergangslösung“, so Ausschussmitglied Dietmar Linne. Wichtiger sei, „dass das Land bald in die Pötte kommt“. Assistenten gebe es viele, die Kitas aber brauchten mehr Erzieher. Ganz ähnlich argumentierte Lothar Dinges für die Freien Wähler. Das Stipendium sei ein zusätzlicher Anreiz, die tatsächlichen Kosten könnten damit natürlich nicht gedeckt erden.

Als freiwillige Leistung zu teuer?

Die CDU unterstütze das „gute Anliegen“ zwar, versicherte für die Christdemokraten im Kreistag und Jugendhilfeausschuss Sigrid Jacobi – „aber nicht so“. Die Wirkung sei bei nur sechs Stipendiaten pro Jahr zu gering. Potenzielle Erzieher müssten schon vor der Assistentenausbildung mit mehr Mitteln motiviert werde. Zudem sei es fraglich, ob sich der Landkreis die mit den Stipendien verbundene und recht hohe „freiwillige Leistung“ aus seinem Etat leisten könne.

Dass die schulische Erzieherausbildung ohne Gehalt viele abschreckt, bestätigen die Abteilungsleiterinnen für den Bereich Sozialpädagogik an der BBS II in Osterode und BBS-Ritterplan in Göttingen. „Wir haben viele Schüler, die ihre begonnene Ausbildung abbrechen müssen, weil zum Beispiel die Eltern den Unterhalt nicht mehr tragen können“, sagte Karin Nilsson (Osterode). Die angekündigten Stipendien begrüße sie, „wenn es auch nur ein kleiner Beitrag ist und kein echtes Stipendium“.

„Natürlich bringt es was“

„Natürlich bringt es den Stipendiaten etwas“, sagt auch Abteilungsleiterin Brigitte Wimar (BBS Ritterplan). Sie gehe davon aus, dass vor allem Schüler ausgewählt werden, „die es gut brauchen können – zum Beispiel alleinerziehende Mütter“. Auch sie bestätigt, dass viele die Ausbildung aus finanziellen Gründen scheuten. Viele würden nach der ersten Ausbildungsrunde zunächst als Sozialpädagogische Assistenten arbeiten, um erst einmal Geld zu verdienen.

Manche würden die Erzieherausbildung dann später anschließen, so Wimar. Ein Zuschuss könne sie bei einer zögerlichen Entscheidung motivieren. Die Zahl der Stipendiate sei bei etwa 50 Auszubilden pro Jahr in Göttingen allerdings niedrig.

Die angestrebte duale Ausbildung sehen die beiden Abteilungsleiterinnen skeptisch. Sie fürchten, dass die Ausbildungsinhalte dann gekürzt werden und die bisherige Qualität bei einer vierjährigen schulischen Ausbildung mit hohem Praxisanteil deutlich zurückgehen werde.

. Quelle: dpa-Zentralbild

 

Was sagen die Auszubildenden?

Trotz der oft schwierigen finanziellen Situation schon während der Ausbildung entscheiden sich dennoch immer wieder junge Menschen für diesen Beruf. „Ich arbeite schon immer gerne mit Kindern“, sagt zum Beispiel Sara Mahdi und ergänzt: „Es ist einfach schön, zu sehen, wie sich Kind entwickeln und sie dabei zu begleiten.

Die 29-Jährige steht am Ende ihrer Erzieherinnenausbildung. Die hat sie berufsbegleitend in einer Einrichtung des Kinderhaus e.V. gemacht – ein paar Jahre nach ihrer Ausbildung zur Sozialpädagogischen Assistentin und bezahlter Tätigkeiten in einer Kita. Auf dem üblichen, rein schulischen Weg, hatte Mahdi sich die Ausbildung nur schwer leisten können.

Ihre Kollegin Lisa Hennecke beendet gerade ihre klassisch Assistentinnen-Ausbildung. Um finanziell über die runden zu kommen, arbeitet sie an jedem 2. Wochenende in einem Altenheim. „Das ist schon sehr anstrengend, aber ohne geht es nicht“, sagt die 24-Jährige. Vor diesem Hintergrund findet sie auch die geplanten Stipendien von Kreis und Stadt Göttingen gut. Wenn man vier Jahre für den Traumberuf zur Schule geht, ohne Gehalt zu bekommen, „hilft jedes Geld, da ist man über jeden Cent froh“, so Hennecke.

Trotz der eher niedrigen Gehaltsaussichten ist Hennecke begeistert von ihrem Beruf und strebt auch die Erzieherinnenausbildung an. „Es ist schön, mit Menschen zu arbeiten, die am Anfang ihres Lebens noch so viel Positivität in sich haben und sie auf ihrem Weg unterstützend zu begleiten.“

Wie viele Erzieher fehlen?

Wie viele Erzieher und sonstigen Fachkräfte in Krippen, Kitas, Schulen und anderen Einrichtungen in der Region fehlen, ist nicht genau erfasst. Allerdings klagen immer wieder Kommunen und andere Kita-Betreiber, dass sie nur schwer vakante Stellen besetzen können.

Welche Wege gibt es noch?

Unabhängig davon wissen viele junge Menschen nicht, dass es auch andere Ausbildungsmodelle als die klassische zweistufige Ausbildung an den BBSn gibt. Immer mehr berufsbildende Schulen bieten berufsbegleitende Ausbildungseinheiten an, bei denen die Schüler bereits als Sozialpädagogische Assistenten angestellt sind und Geld verdienen (auch die BBS III in Göttingen und BBS II in Osterode). Darüber hinaus gibt es Ausbildungen während einer Teilzeitbeschäftigung – davon profitieren vor allem Mütter mit kleinen Kindern.

Und schließlich gibt es Berufsfachschulen und Fachschulen, die Sozialpädagogische Assistentinnen und Erzieher ausbilden – unter anderem in Duderstadt. Dort müssen die Schüler für die Ausbildung Schulgeld zahlen.

Von Ulrich Schubert

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