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Göttingen Falscher Professor in Göttingen: Hochstapler stürzt ab als Überflieger
Die Region Göttingen Falscher Professor in Göttingen: Hochstapler stürzt ab als Überflieger
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18:22 16.09.2013
Von Jürgen Gückel
Moderner Lügenbaron: So plump wie die Geschichten Münchhausens waren die des falschen Dr. Dr. und Airliner-Piloten nicht. Quelle: Montage: Pohl
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Göttingen

Wohl aber kommt man als falscher Professor und doppelter Doktor, eingebildeter Airliner-Pilot und selbsternannter Wissenschaftler im Dienste des Millitärischen Abschirmdienstes (MAD) schnell vor den Richter.

Am Montag hat der 47 Jahre alte Joachim P. alias Prof. Dr. Dr. H. oder wahlweise auch Prof. P. aus Adelebsen ein Geständnis abgelegt. Alles, was in der Anklage steht, stimme. Das sind Missbrauch von Titeln, Betrug, Urkundenfälschung. „Was ich letztes Mal (am ersten Verhandlungstag) gesagt habe, war gelogen.“ Jetzt tue es ihm leid. Er mache eine Therapie, „das ist die Wahrheit – jetzt mal.“

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Platonisch mit Geschlechtsverkehr

Die Richterin will es gern glauben, erwischt den Angeklagten freilich binnen fünf Minuten bei der nächsten Lüge. Als sie eine E-Mail seiner jüngsten Lebensgefährtin vorliest, behauptet der Angeklagte, mit der sei er „rein platonisch“ zusammen – platonisch mit Geschlechtsverkehr, kommt gleich danach raus, „aber ohne Nötigung“, beharrt er.

Vorgeworfen wird dem einschlägig Vorbestraften, unter seinen falschen Titeln (Titelmissbrauch) mehrere große Immobiliengeschäfte eingefädelt zu haben. Dafür fälschte er in zwei Fällen Finanzierungsbestätigungen unter dem Briefkopf der Volksbank Hannover (Urkundenfälschung) und übermittelte sie als Mail (Computerbetrug) an einen Notar in Leer, um dort mehrere Hauskäufe im Raum Bremen beurkunden zu lassen. Mit der falschen Urkunde der Volksbank Hannover versuchte er zudem die Volksbank Adelebsen zu betrügen. Insgesamt täuschte er Zusagen von gut 750 000 Euro vor. Zu einem notariell besiegelten Kauf kam es aber in keinem Fall.

Hang zum Fliegen

Zu einem der geplanten Immobiliengeschäfte ließ sich der in Wilhelmshaven geborene falsche Doppel-Doktor sogar von einer Langenhagener Fluggesellschaft eigens in einem Charterflugzeug von Stuttgart nach Hannover fliegen. Gesamtkosten: 7300 Euro. Sein seriöser Eindruck, das edle Outfit verleiteten das Unternehmen dazu, ihn ohne Vorkasse zu fliegen. Als er, angekommen in Langenhagen, nicht zahlen konnte, nahm der Charterservice ihn nicht wieder mit zurück. Der Schaden beträgt 3150 Euro.

Sein Hang zum Fliegen hat den falschen Akademiker, der nie ein Studium abgeschlossen hat, schließlich abstürzen lassen. Als er seinem Vermieter vorspiegelte, er müsse, um seinen Pilotenschein zu wahren, mal eben mit der Boeing 747 in die USA fliegen, wurde dieser misstrauisch. „Das war dann doch eine Nummer zu viel“, sagt der Geprellte als Zeuge.

Die anderen Märchen des falschen Wissenschaftlers haben allerdings sowohl der Vermieter als auch die Hausverkäufer, seine kurzfristige Ehefrau – eine echte Frau Dr. und Psychologin, deren Ehe wegen Täuschung annulliert wurde – sowie deren Nachfolgerin ihm lange geglaubt. Zum Beispiel die Geschichte, dass er als Naturwissenschaftler im Auftrag des MAD ein Gas entwickelt habe, das Giftgas unschädlich mache. Für seine Mutter, die blind sei, habe er eine Linse entwickelt, mit der sie wieder sehe.

Muster-Universität für ganz Deutschland

Und an der Uni Göttingen sei er auf einen Sonderlehrstuhl berufen, auf dem er die Stiftungsuni im Auftrag des Landes Niedersachsen zu einer Muster-Universität für ganz Deutschland mache. Seinen akademischen Rang unterstrich er mit einer „summa cum laude“ bewerteten Promotionsarbeit („Laserkühlung von Ca-Ionen in einer linearen Paulfalle“) der Universität Bayreuth. Vor der falschen Urkunde warnt die Uni Bayreuth seitdem bundesweit die Akademikerwelt.

„Ja,“ sagte am Montag der Angeklagte vor Gericht, „es fällt mir  leicht, Menschen für mich zu gewinnen. Das geht schon seit einiger Zeit so“. Und er blinzelt die Richterin reumütig an, um auch sie zu gewinnen. Ihr Urteil folgt im Oktober.

Mit 50 Euro von Nötigung des Betrügers freigekauft

Der Hochstapler hat nicht nur betrogen, er hat seine Opfer auch juristisch verfolgen lassen, sowie seine Gaunereien aufflogen. Dabei leimte er auch reihenweise Rechtsanwälte, die sich zunächst dafür hergaben, die unrechtmäßige Forderung des Angeklagten durchzusetzen. Ein Opfer konnte sich am Ende nur von weiterer juristischer Verfolgung freikaufen, weil er einem Anwalt 50 Euro zahlte. 

 
So sagte im Gericht ein Zeuge aus, der dem 47-jährigen Angeklagten eine kleine Wohnung in Geismar vermietet hatte. Er habe zunächst an die Seriösität des Mieters geglaubt, sei von dessen vielen Dokumenten, die alle auf Dr. Dr. P. lauteten, beeindruckt gewesen. Auch seine Schilderung, dass er als Professor an der Uni Göttingen arbeite, sei glaubhaft gewesen. Erst als ihn der Mieter zum Flug über den Atlantik einlud – Dr. Dr. P. als Pilot – , wurde er kritisch.

Auf der Homepage der Uni Göttingen stieß der Zeuge schließlich auf die Warnung vor der gefälschten Promotionsurkunde. Er kündigte dem Mieter, noch ehe er eingezogen war. Später meldeten sich nacheinander vier Anwälte, die von ihm Schadensersatz von mehreren hundert Euro wegen dieser Kündigung forderten. Er habe diese mit Verweis auf den Betrug und den falschen Doktortitel zwar von einer Klage abbringen können, einer habe aber dennoch gefragt, „was es mir wert wäre, damit Ruhe ist“. Er habe dem Göttinger Anwalt schließlich 50 Euro gezahlt, was er zwar als Nötigung empfunden habe, worüber er aber heute froh sei, weil seitdem tatsächlich Ruhe ist.