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Göttingen Familie mit fünf Kindern darf nicht bleiben
Die Region Göttingen Familie mit fünf Kindern darf nicht bleiben
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19:41 02.12.2011
Sollen ausgewiesen werden: Lorin, Kabrin, Khaled, Najwa, Seskin und Bengin Younis (von links ohne Migazin). Quelle: Pförtner
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„Im Rahmen Ihres am 14.06.2011 beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gestellten Asylantrags wurde festgestellt, dass der Staat Ungarn für die Durchführung ihres Asylverfahrens zuständig ist. Ich kündige Ihnen daher die Überstellung nach Ungarn (Budapest) für Dienstag, den 06.12.2011, an“, heißt es in dem Brief von der Ausländerbehörde des Landkreises Göttingen.

„In Syrien herrscht Krieg“, sagt Younis. Wegen der anhaltenden Repressionen dort hat der Europäische Rat für Auswärtige Angelegenheiten die Sanktionen gegen Syrien erst im November wieder verschärft. Viel Leid und Gewalt habe die Familie dort erlebt. Ihr Nachbar habe sich in seiner Verzweiflung erhängt. Um dem Tod zu entgehen, wagten sie die Flucht. Als Jesiden, das ist eine kurdische Volksgruppe mit eigenständiger Religion, seien sie dort, wo sie aufwuchsen, ihres Lebens nicht mehr sicher gewesen. Weil ein Großteil ihrer Familie wie „die meisten Jesiden“ schon in Deutschland lebe, war das Ziel klar: Sie wollten in die Nähe der Verwandtschaft.

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Seit drei Monaten ist der Familienvater mit Frau und Kindern in Billingshausen. Bis auf das Baby, das schon in Deutschland geboren wurde, besuchen die Kinder Schule oder Kindergarten. Einer der Söhne ist schwer geistig behindert. In der Schule am Tannenberg in Göttingen habe er sich schon gut entwickelt. Khaled Younis hat nur eine Niere und braucht gute ärztliche Versorgung. Seine Frau Najwa leide sehr unter den traumatischen Erlebnissen, sagt Younis. Sie ist derzeit schwer selbstmordgefährdet und befindet sich in einer psychiatrischen Klinik.

Gut sei die Familie im Dorf aufgenommen worden, erzählt Younis. Bei Ina-Maria Joost und Karl-Heinz Fiebig sind die sieben Personen untergekommen. Die syrische Familie sei sehr freundlich. Ortsbürgermeister Helmut Pinnecke glaubt, „dass die Familie sich hier integrieren könnte“. Die Schulleiterin der Plesseschule, Ulrike Gregor, lobt die Fortschritte, die die Kinder machten. Zudem seien sie sehr darauf bedacht, sich einzugliedern. Doch nun befürchten die Eltern, dass sie und ihre Kinder kurz vor Weihnachten aus ihrem neuen Umfeld herausgerissen werden.

Unverständlich ist es für Khaled Younis, dass sie jetzt nach Ungarn zurückgehen sollen. Doch Ungarn akzeptiert die Überstellung gemäß dem Dublin-Abkommen. Wichtigste Regel des Abkommens: Der Staat, in den der Asylbewerber nachweislich zuerst eingereist ist, muss das Asylverfahren durchführen. Ihr Asylantrag sei dort bereits abgelehnt worden, heißt es von der ungarischen Einwanderungsbehörde. Zwar habe das Paar um gerichtliche Prüfung gebeten, doch im Juli sei das Verfahren eingestellt worden, weil die Familie verschwand.

Laut der Menschenrechtsorganisation Pro Asyl wird Flüchtlingen in Ungarn der Zugang zum Asylsystem systematisch verwehrt. Die Familie holte sich Rechtsbeistand, denn es sei nicht auszuschließen, dass sie von Ungarn sogar wieder nach Syrien zurückgeschickt werde.

Zum Verfahren der Ausländerbehörde des Landkreises Göttingen beruft sich Kreisrätin Christel Wemheuer (Grüne) auf das Dublin-Abkommen. Allerdings liege der Fall nicht in der Zuständigkeit des Kreises. So sei bereits ein Eilverfahren beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Außenstelle Dortmund, beantragt worden. Nach Wemheuers Informationen gehe der Antrag in die Richtung, dass das Asylverfahren in Deutschland abgewickelt werden soll. Der Eilantrag, so meint Wemheuer, werde vor dem 6. Dezember beschieden.

Von Ute Lawrenz