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Göttingen Dieser Ehrengast der Nikolausparty spielte 1943 in der „Feuerzangenbowle“ mit
Die Region Göttingen Dieser Ehrengast der Nikolausparty spielte 1943 in der „Feuerzangenbowle“ mit
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17:49 08.12.2019
„Ich mache alles mit“: Dietrich Kleiner posiert vor dem Hörsaal 011. Quelle: Niklas Richter
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Göttingen

Um kurz nach 21 Uhr erlebt der Hörsaal 011 wohl einen der lautesten Beifallsstürme seiner Geschichte. Auf der Bühne erhebt sich ein Mann von seinem Sitzplatz, der angesichts der Begeisterung für seine Anwesenheit über das ganze Gesicht strahlt. Sein Name ist Dietrich Kleiner, und er ist der Ehrengast des Abends bei der Nikolausparty 2019.

Kleiner ist extra für die Nikolausparty mit Frau und Sohn aus Bremen angereist. 75 Jahre nach der Uraufführung der „Feuerzangenbowle“ und über 30 Jahre nach ihrer ersten Aufführung in der Univerisität Göttingen möchte Kleiner endlich selbst erleben, warum der Film, in dem er als 14-Jähriger mitspielte, bei Göttinger Studierenden Kultstatus genießt. Er ist ein umtriebiger Mann, dem zu jedem Thema eine Geschichte einfällt und der ausdrücklich sagt: „Ich mache alles mit.“

Eigentlich sei ihm das Ganze etwas peinlich, sagt Kleiner. Ständig solle er den Kanon „Der Frühling liebt das Flötenspiel“ vorsingen, zum Beispiel auf Geburtstagen seiner Freunde. Dabei diskutiert der 91-Jährige viel lieber die großen Fragen, von grundlegenden Werten über Philosophie bis hin zur Theologie, die ihm als pensioniertem Pfarrer naheliegt. Problemlos ruft er Daten und Fakten aus dem Gedächtnis ab und lässt sich in Diskussionen kaum bremsen.

Ein zwiegespaltenes Verhältnis zur „Feuerzangenbowle

Geboren und aufgewachsen ist Kleiner in Berlin – da war es nicht weit nach Babelsberg, wo die „Feuerzangenbowle“ gedreht wurde. Mitten im Krieg war das. Als Sänger in einer Rundfunkspielschau wurde Kleiner für die Dreharbeiten sogar von der Schule freigestellt – wegen „kriegswichtiger Arbeiten“. Deshalb habe er die Versetzung in die nächste Klasse verpasst, verrät Kleiner.

Die Arbeit beim Film habe ihm Spaß gemacht, sagt er. Wenn er von Heinz Rühmann und dem Humor der „Feuerzangenbowle“ spricht, gerät er ins Schwärmen. „Der Film und die Streiche sind ein wenig märchenhaft, das macht sie zeitlos“, sagt Kleiner. Ihm ist jedoch auch wichtig, die Umstände zu betonen, unter denen der Film entstand: 2001, das weiß Kleiner noch genau, fand er heraus, dass der Autor des Kanons, Erich Knauf, im Mai 1944 wegen „defätistischer Äußerungen“ enthauptet wurde.

Kleiner überstand den Krieg. 1960 heiratete er seine Frau Gertrud, eine gebürtige Göttingerin. Manchmal sei auch ihr die Sache mit der Feuerzangenbowle etwas peinlich, sagt Kleiner, „und das nehme ich ihr nicht übel“. Anfang der 1970er-Jahre zog er samt Familie nach Bremen. In der Kirche in Berlin, wo er bis dahin lebte und arbeitete, habe „so ein Exot wie ich“ auf Dauer anscheinend keinen Platz gehabt.

„Heute Abend bin ich überwältigt“

Ab 20 Uhr lässt sich Kleiner von Georg Schneider, Vorsitzender des Unikino-Netzwerks Unifilm, durch die Säle führen. Um 21 Uhr entschließt sich der 91-Jährige für seinen großen Auftritt: Vor über 900 Zuschauern betritt er im Hörsaal 011 die Bühne. Er spricht nur wenige Minuten, in denen ihm wiederholt donnernder Beifall entgegen schallt – für sein Alter, für seine Anwesenheit und natürlich für seine Rolle im Film. „Überwältigend“ – dieses Wort benutzt Kleiner gleich mehrfach. Die Studierenden erinnert er an ihre Verantwortung, eine gute Zukunft zu ermöglichen: „Denken Sie daran, wie die Welt in 75 Jahren aussehen könnte.“

Kleiners Schlusssatz, mit dem er den Anwesenden viel Spaß mit dem Film wünschen will, geht im nächsten Applaus unter. Als er die Bühne verlässt, um den Film von der letzten Reihe aus zu verfolgen, scheint ihm „die Sache mit der Feuerzangenbowle“ gar nicht mehr peinlich. Kleiner strahlt über das ganze Gesicht und winkt ins Publikum – er musste ja auch keinen Kanon singen.

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Von Tammo Kohlwes

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