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Göttingen Findbuch erschließt Göttinger Kirchenarchiv
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16:17 27.02.2019
Pastor i.R. Gottfried Wehr und Pastor Michael Ebener mit dem Findbuch im Archiv der reformierten Gemeinde, aus deren umfangreicher Sammlung aus Büchern, Dokumenten und auch Postkarten, das Findbuch entstanden ist. Quelle: Hinzmann
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Göttingen

. Dokumente aus 300 Jahren Kirchengeschichte erschließt ein Buch, dass die evangelisch-reformierte Gemeinde Göttingen veröffentlicht hat. Der ehemalige Pastor, Gottfried Wehr, erstellte es mit einem Team.

Über Jahre hat Wehr, der die Gemeinde von 1977 bis 2002 betreute, viel Zeit im unbeheizten, aber lichtdurchfluteten Archivraum der Kirchengemeinde verbracht. Unzählige Dokumente nahm er von 2014 an zur Hand und las sich ein. Der Theologe sortierte das Material, machte Notizen zum Inhalt von mehr als 1000 Akten und zitierte aussagekräftige Passagen. So ist sein Findbuch mehr als eine trockene Auflistung von Dokumenten mit Angaben, wo in den Schränken des Archivs sie abgelegt sind.

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„Das 325 Seiten starke Buch berichtet, wie unsere Gemeinde zwischen 1713 und 2012 in der lutherisch geprägten Stadt einen kleinen reformatorischen Akzent setzte“, sagt Wehrs Nachfolger, Pastor Michael Ebener. Schlicht und schmucklos träten die Reformierten auf, schätzten nüchterne, von der Predigt geprägte Gottesdienste. Demokratisch seien die Gemeinden aufgebaut, die Hierachien flach. Die Gemeinde suche sich ihren Pastor aus. Er werde ihnen nicht von einer Kirchenleitung zugeteilt.

Novemberrevolution 1918

„Das Buch dokumentiert auch die Geschicke der Stadt, zu der die Gemeinde gehört“, sagt Ebener. Immer wieder schwappe die „Weltgeschichte“ in die Gemeinde hinein. „Wir konnten zum Beispiel Informationen zur Ausstellung des städtischen Museums über die Novemberrevolution 1918 in Göttingen beisteuern“, erzählt Wehr.

Für den Bau der reformierten Kirche 1753 an der Unteren Karspüle setzte sich der schweizer Botaniker und Anatom Albrecht von Haller, Professor an der Universität, ein. So erhielten die reformierte Studenten aus Hessen, den Niederlanden und Schottland ein eigenes Gotteshaus. „Das repräsentative Gebäude durfte allerdings nicht als Kirche auffallen“, sagt Wehr. Glockengeläut sei ihnen in den ersten 50 Jahren untersagt gewesen.

„Das änderte sich erst, als die Franzosen unter Napoleon Deutschland unterwarfen und das Königreich Westfalen schufen“, berichtet der Pastor in Ruhe. Nun seien die Kirchen Jahre Jahre lang gleichgestellt gewesen. Später hätten die Lutheraner dann wieder den Ton angegeben. Reformierte Soldaten der örtlichen Kaserne hätten an lutherischen Gottesdiensten teilnehmen müssen. Einen Eklat habe es gegeben, als ein reformierter Pastor in Talar ohne vorherige Anmeldung ein Gemeindemitglied auf einem lutherischen Friedhof beigesetzt hätte.

Postkarten aus der Zeit des Ersten Weltkriegs

„Eine Kiste mit Postkarten von Soldaten an ihren Pastor aus dem Ersten Weltkrieg hat sich erhalten“, sagt der Theologe. 91 Gemeindemitglieder seien damals gefallen. Die Gemeinde habe sich für französische Kriegsgefangene eingesetzt.

„Während des Dritten Reichs traten Gemeindemitglieder für eine Führerauslese in der Kirchenleitung ein“, weiß Wehr aus den Akten. Das Findbuch dokumentiere die leidenschaftliche Diskussion um die Friedensfrage Anfang der 1980er-Jahre. „Mutig“ sei die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare beschlossen worden, lange bevor weite Teile der Gesellschaft überhaupt über eine „Ehe für alle“ nachgedacht hätten.

„Die Archivalien waren bisher über mehrere Räume verteilt und weitgehend ungeordnet“, berichtet Pastor Ebener. Interessierte hätten sich durch Aktenberge durcharbeiten müssen. Das sei seit seinem Amtsantritt 2002 ein Thema gewesen. Erst mit dem Anschluss der Gemeinde an die reformierte Landeskirche 2012 sei die Zeit reif für die Neuordnung des Archivs gewesen.

Das Findbuch

Das Findbuch, an dem unter Gottfried Wehrs Leitung Merete Nielsen, Manfred Blänkner, Ulrich Justus, Günther Korbel und Berndt Schaller mitarbeiteten, führt zu Namen, Orten und Themen Dokumente auf. Eine CD ermöglicht die verfeinerte Suche. Drei Archivbereiche sind erschlossen.

Das Archiv A umfasst den Zeitraum von 1713 bis 1920. Dieser Bestand wurde bereits in den 1920er-Jahren von Pastor Adam Heilmann zu einem Drittel aufgearbeitet. Nun sind auch die übrigen zwei Drittel erschlossen worden.

Das Archiv B, das Dokumente von 1920 an enthält, hat Wehr komplett neu eingerichtet. Es reicht bis 2012, als die Gemeinde mit ihrem Beitritt zur reformierten Landeskirche ihre organisatorische Selbstständigkeit aufgab.

Das Archiv C, die „Kleine Bibliothek“, umfasst Schriften und Bücher. Es erschließt die Gemeindebriefe des Zeitraums von 1902 bis 2016.

Das Findbuch ist in digitaler Form über das Gemeindebüro erhältlich, Untere Karspüle 11, 37073 Göttingen, Telefon 0551/5473712.

Von Michael Caspar

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