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Göttingen Ex-“Läufer des Jahres“ soll Mutter erschlagen haben
Die Region Göttingen Ex-“Läufer des Jahres“ soll Mutter erschlagen haben
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18:24 03.07.2018
Quelle: Christina Hinzmann
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Göttingen/Herzberg

Als Sven H. im Juni 2013 nach mehrjähriger Haft aus der Justizvollzugsanstalt Rosdorf (Kreis Göttingen) entlassen wird, setzt er sich zwei Ziele: Er will eine zweite Chance, und er will nie wieder ins Gefängnis. So erzählt er es damals Journalisten. Die Medienvertreter interessieren sich für den Ex-Häftling, weil dieser im Knast mit dem Laufsport begonnen hat, später an Marathonveranstaltungen teilnimmt und sogar zum „Läufer des Jahres“ gekürt wird. Heute ist Sven H. 47 Jahre alt und sitzt dort, wo er nie wieder hin wollte – im Gefängnis. Pfingstmontag haben ihn Polizisten in Schweden festgenommen. Er steht im Verdacht, im vergangenen September seine Mutter in ihrem Wohnhaus in Herzberg getötet und ihre Leiche versteckt zu haben.

Tote nach sieben Monaten gefunden

Die Polizei hatte das Gewaltverbrechen in Herzberg erst sieben Monate später entdeckt. Die Beamten hatten einen Hinweis bekommen, dass die 75-jährige Rentnerin nicht anzutreffen sei und das Grundstück verwahrlost sei. Die Polizei hatte daraufhin zunächst geprüft, ob die 75-Jährige sich bei ihrem Sohn in Schweden aufhielt. Nachdem sie dort jedoch nicht zu erreichen war, erwirkte die Staatsanwaltschaft Göttingen einen Durchsuchungsbeschluss, um die Hintergründe ihres Verschwindens aufklären zu können. Ende April fanden dann Leichenspürhunde der Polizei den Leichnam der Rentnerin in ihrem Wohnhaus im Herzberg. Die Obduktion ergab, dass die 75-Jährige massive Gewalteinwirkungen auf Kopf und Rumpf erlitten hatte.

Im Zuge der Ermittlungen geriet der 47-Jährige dann immer stärker ins Visier der Polizei. Zeugen hatten ihn im vergangenen September im Raum Herzberg gesehen. Nachdem sich der Verdacht erhärtet hatte, ließ die Staatsanwaltschaft Göttingen mit einem Europäischen Haftbefehl nach dem Sohn fahnden. Die Ermittler wussten, dass er ein Anwesen in Lappland hatte, auf dem er mehrere Huskies hielt. Auf Internet-Portalen präsentierte er sich als Auswanderer, der sich einen Traum von Freiheit und Abenteuer erfüllt hatte.

Hubschrauber-Fahndung in Schweden

Als die Polizei ihn an seinem Wohnort in Schweden verhaften wollte, war er jedoch verschwunden. Nach einer umfangreichen Fahndung, bei der auch Hubschrauber und Polizeihunde eingesetzt wurden, nahmen ihn die Beamten schließlich in der schwedischen Provinz Västerbottens Iän wegen des dringenden Tatverdachts des Totschlags fest. Einige Tage später lieferte ihn die schwedische Justiz nach Deutschland aus. Seit Anfang Juni sitzt der 47-Jährige, der sich einst selbst als „positives Beispiel für die Resozialisierung“ bezeichnet hatte, in Rosdorf in Untersuchungshaft.

Der 47-Jährige ist vor einigen Jahren schon einmal im Ausland verhaftet worden. Damals hatte er sich in der entgegengesetzten Richtung mehrere tausend Kilometer von Deutschland abgesetzt. Er tauchte in Südafrika unter, um einer von der bayerischen Justiz verhängten mehrjährigen Haftstrafe wegen Betruges zu entgehen. Die Fahnder stöberten ihn allerdings auch dort auf und nahmen ihn fest. Anschließend verbrachte er nach eigenen Angaben 21 Monate in einem Gefängnis in Südafrika, ehe er im Herbst 2011 nach Deutschland ausgeliefert wurde. Hier kam er in die JVA Rosdorf, in die Nähe des Wohnortes seiner Eltern.

Als der marathonlaufende Häftling wieder draußen war und Interviews gab, erzählte er, dass seine Eltern immer zu ihm gehalten hätten. Seine Eltern seien auch seine treuesten Fans. Wenn er an Marathonveranstaltungen teilnehme, warteten sie meist am Ziel auf ihn. „Es ist schön, wenn dort jemand steht und auf einen wartet“, erklärte er damals. Wie immer das neue Strafverfahren gegen ihn ausgeht, eines steht fest: Eine Mutter, die auf ihn wartet, gibt es nicht mehr.

Von Heidi Niemann