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Göttingen Flüchtlingsleid und Abschiebung
Die Region Göttingen Flüchtlingsleid und Abschiebung
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18:08 10.02.2016
Von Jörn Barke
Ohne Anita nicht vollständig: Junges Ensemble des Boat People Projekts.
Ohne Anita nicht vollständig: Junges Ensemble des Boat People Projekts. Quelle: Pförtner
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Göttingen

Mit dem Auftritt des Göttinger Boat people Projekts, das Theater über und mit Menschen auf der Flucht macht, hatte die Landeskirche ohnehin schon ein aktuelles Thema gesetzt. Das Fehlen der Jugendlichen verlieh dem Empfang mit rund 100 geladenen Gästen noch einmal ungeahnte Intensität. Die in Deutschland geborene Jugendliche wirkt im jungen Ensemble des Projekts mit. Sie gehört zu einer der beiden Roma-Familien, die am Mittwoch in den Kosovo abgeschoben werden sollten.

„Wir sind nicht vollständig. Wo ist Anita?“ fragte Reshad Sultani vom Boat People Projekt ins Publikum hinein. Immer wieder wurde während der Veranstaltung das Fehlen der Jugendlichen thematisiert. Ohne Anita wolle und könne das junge Ensemble nicht spielen, sagte Dramaturgin Luise Rist. Sie hoffte, dass es vielleicht noch ein Kirchenasyl für die Familie geben könnte.

Pastor Achim Kunze vom Haus kirchlicher Dienste hatte zu Beginn der Veranstaltung, die unter dem Titel „Eine Art Veränderung“ stand, auf die Aufgabe verwiesen, die Gesellschaft in Deutschland gemeinsam mit den Flüchtlingen zu gestalten. „Nur wer sich öffnet, wird Veränderung erleben“, sagte Kunze. Jesus habe für alle Menschen gelitten, weil er Grenzen überschritten habe. Weil Christen in ihm Gott selbst erkennen, könnten sie nicht am Leid vorbeisehen.

Er wünsche sich, dass das Sterben der Flüchtlinge im Mittelmeer endlich ein Ende nehme, sagte Prof. Christoph Dahling-Sander von der Hanns-Lilje-Stiftung, die den Empfang mit der Landeskirche ausrichtet: „Boat people hat Gott sicher nicht gewollt.“

Auf künstlerische Weise verarbeiteten Mitglieder des Boat People Projekts Fluchtgeschichten. Begleitet von Hans Kaul am Klavier sangen junge Migranten Lieder. Die Schauspieler Franziska Aeschlimann, Dominik Breuer und Rzgar Kalil stellten eine Szene aus dem neuen Stück „Eine Stadt verändert sich“ vor, das am 20. Februar Premiere in der Flüchtlingsunterkunft im Nonnenstieg 72 hat. „Hallo, ganze Welt, hallo, hört ihr mich?“, heißt es an einer Stelle, und: „Schieß auf mich, aber du wirst mich nicht töten, ohne dich selbst hinzurichten.“

Wichtig sei es, dass es Räume gebe, in der die Angst der Flüchtlinge um ihr Leben, ihre Familien und ihr Land und die Angst der Gesellschaft, wie die Pluralität in Deutschland gestaltet werden kann, sich begegnen können, meinte Meister. Solche Räume könne die Kirche schaffen. Das Flüchtlingsproblem in Deutschland sei nur ein winziger Teil der weltweiten Flüchtlingsströme. Die Dynamik werde die jüngeren Generationen in einer Dimension begleiten, die noch gar nicht vorstellbar sei.