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Göttingen Forschung für ein Viertel des deutschen Waldes
Die Region Göttingen Forschung für ein Viertel des deutschen Waldes
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18:50 01.11.2011
Von Andreas Fuhrmann
Neues Gebäude: Das ehemalige Casino-Filmtheater beherbergt jetzt unter anderem Büros, eine Bibliothek und ein mykologisches Labor. Quelle: Hinzmann
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Göttingen

Gut fünf Jahre ist es her, dass sich die Länder Niedersachsen, Hessen und Sachsen-Anhalt vor allem aufgrund von Sparzwängen dazu entschlossen haben, eine gemeinsame forstliche Versuchsanstalt mit Hauptsitz in Göttingen zu gründen. Seitdem kümmern sich drei Abteilungen in Göttingen (Waldwachstum, Waldschutz und Umweltkontrolle) und eine in Hann. Münden (Waldgenressourcen) um die Forschung im Wald sowie die Beratung von Waldbesitzern, Forstbetrieben, Verwaltung und Politik. In diesem Jahr kam Schleswig-Holstein als weiterer Partner hinzu.

Nicht nur wegen dieses Beitritts ist die Einrichtung in den Jahren stetig gewachsen. Waren es 2006 noch 115 Mitarbeiter, sind es jetzt schon 130. Ein Großteil ist am Hauptsitz in Göttingen tätig, der sich an der Grätzelstraße auf einem Teil des Geländes des ehemaligen Fliegerhorstes befindet. Weil sich überdies die Zahl der Drittmittelbeschäftigten seit 2006 auf 50 verdoppelt habe, sei der Raumbedarf zusehends gestiegen, sagt Hermann Spellmann, der Direktor der forstlichen Versuchsanstalt.

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Daher kaufte das Land Niedersachsen bereits im vergangenen Jahr das ausgediente, benachbarte Casino-Filmtheater und ließ es im Rahmen eines Investorenmodells von einer Rosdorfer Firma sanieren und umbauen. „Die haben das super gelöst und den Charakter des alten Gebäudes erhalten“, betont Spellmann. Erst kürzlich wurde das Gebäude mit einem Festakt eröffnet. Geschaffen wurden hier nicht nur weitere Büros, sondern auch ein mykologisches Labor (Mykologie = Pilzkunde), eine Bibliothek, ein Vortragsraum und ein Lager für Bodenproben. Die Gesamtfläche beträgt 1400 Quadratmeter. Der Mietvertrag läuft über 25 Jahre. Das sei am sinnvollsten, um die Kosten auf die vier Trägerländer umlegen zu können, erklärt Spellmann.

Mit dem neuen Gebäude sei man nun bestens dafür gewappnet, die Kernaufgaben des forstlichen Versuchswesen anzugehen, um eine nachhaltige Forstwirtschaft zu sichern. Zu diesen Kernaufgaben gehörten vornehmlich „drei dicke Brocken“, sagt Spellmann: das langfristige Monitoring – also die Beobachtung und Überwachung der Wälder über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg –, die angewandte Forschung und der Wissenstransfer. „Wir wissen zum Beispiel genau, wie sich ein Baum von seiner Jugend bis zur Nutzung entwickelt“, erklärt Spellmann. Diese und andere „knallharte Fakten“ bildeten „die Grundlage für die gesamte Waldschadensforschung“ – und lieferten damit zum Beispiel eine Argumentationshilfe für die Politik.

Denn an Herausforderungen mangele es in den nächsten Jahren nicht. Der Klimawandel, die Steigerung des Rohholzangebotes und die Sicherung der biologischen Vielfalt in den Wäldern seien nur einige unter vielen, sagt Spellmann.
So betrachte man zum Beispiel die Wachstumsprozesse verschiedener Bäume in Abhängigkeit von Klima, Raum und Boden. Auf Grundlage dieser Erkenntnisse erstelle die Versuchsanstalt dann Modelle, sogenannte Waldplaner, mit denen Forstbetriebe arbeiten und sogar in die Zukunft planen könnten. Auf diese Weise seien Prognosen, wie sich einzelne Baumarten entwickeln, bis zum Jahr 2100 möglich.

Man kümmere sich auch darum, seltene Arten wie Wildobst zu erhalten, entwickle resistente und leistungsfähige Züchtungen und erforsche umweltverträgliche Bekämpfungsmaßnahmen von Schädlingen. Mit der Landwirtschaft sei das aber nicht vergleichbar, sagt Spellmann. „Die spritzen mehrfach im Jahr, bei uns kommt das ein- bis dreimal in 100 Jahren vor.“ Vielmehr fördere man die Widerstandskraft „jedes einzelnen Baumes, damit sie zum Beispiel Angriffe von Borkenkäfern abwehren können“.

Angesichts dieser Vielfalt an Aufgaben sei es natürlich wichtig, mit der Universität Göttingen zusammenzuarbeiten, vor allem mit der forstwissenschaftlichen Fakultät, sagt Spellmann – auch wenn es große Unterschiede gebe. So leiste die Universität zwar Grundlagenforschung, interessiere sich aber primär nicht dafür, inwieweit die Ergebnisse in der Praxis umzusetzen sind.

Die forstwissenschaftliche Versuchsanstalt hingegen betreibe angewandte Forschung, immer mit dem Ziel, Entscheidungshilfen für die Praxis zu liefern. „Wir beraten alle, vom Waldbesitzer bis zum Minister, wie Forstbetriebe laufen können“, erklärt Spellmann. „Wir führen unser Wissen zusammen in eine ganzheitliche Beratung und entwickeln Anpassungsstrategien und Modelle.“ Das beherrschten in dieser Art und Weise nicht viele, betont der Direktor. Mehr noch: „Das können außer uns nur noch die Kollegen in München, sonst keiner.“

Dafür sei ein großer Fundus an Versuchsflächen natürlich unabdingbar. Und die Bereitschaft der Mitarbeiter, „oft draußen unterwegs zu sein in diesem großen Zuständigkeitsbereich“. Auch wenn sie dafür bisweilen tagelang unterwegs sind, gebe es keine Probleme. „Das sind alles tolle Leute, die machen das ganz große Klasse“, sagt ihr Chef.

Budget von rund Elf Millionen Euro

Die nordwestdeutsche forstliche Versuchsanstalt (NW-FVA) ist Nachfolger der niedersächsischen forstlichen Versuchsanstalt (NFV). Die NFV bestand seit 1950 in Göttingen und war als Stabstelle des Landwirtschaftsministeriums für wissenschaftliche Forschung, Landesforsten sowie Beratung von Waldbesitzern verantwortlich. 2006 wurde sie aufgelöst und durch die NW-FVA ersetzt. Die NW-FVA hat ein Budget von etwa elf Millionen Euro, hinzu kommen knapp fünf Millionen Euro an Drittmitteln. Weitere Infos im Internet unter nw-fva.de.