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Göttingen Mehrere Tausend Teilnehmer gehen in Göttingen für Klimaschutz auf die Straße
Die Region Göttingen Mehrere Tausend Teilnehmer gehen in Göttingen für Klimaschutz auf die Straße
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11:59 21.09.2019
„Fridays-for-future“-Demo in Göttingen: Mehrere Tausend Teilnehmer gehen für mehr und besseren Klimaschutz auf die Straße. Quelle: Niklas Richter
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Göttingen

Der Demotag begann mit einem Sternmarsch und endete mit einer Blockade. Bereits am Morgen waren die Demo-Teilnehmer an mehr als zehn Startpunkten in einem Sternmarsch zum Neuen Rathaus gezogen. Am Ende sollten es mehrere Tausend Teilnehmer sein, die sich nach einer Auftaktkundgebung am Neuen Rathaus auf den Demozug durch die Weender Straße über Berliner und Bürgerstraße zurück zum Neuen Rathaus machten. Ein Bündnis aus mehr als 30 Organisationen und Verbänden hatte zu den Göttinger Protesten aufgerufen. Während die Göttinger Polizei von 7000 Demonstranten spricht, sprechen die Veranstalter von mehr als 10.000. Am Ende blockierte ein Großteil der Demo-Teilnehmer die viel befahrene Kreuzung am Geismar Tor für mehr als zwei Stunden.

Das Anliegen der Demonstranten: eine konsequente Klimapolitik, ein Ende der anhaltenden Klimazerstörung und die Einhaltung der Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens.

In Göttingen hat ein Bündnis aus rund 20 Göttinger Initiativen zu einem „Generalstreik“ für mehr Klimaschutz aufgerufen. Voran geht die Göttinger Ortsgruppe von „Fridays for Future“. Aber auch weitere Ortsgruppen der Bewegung und Unterstützer wie der BUND, der Göttinger Klimaschutzbeirat, der Evangelisch-lutherische Kirchenkreis Göttingen, die Evangelische Kirchengemeinde Bovenden oder der Deutsche Kinderschutzbund Göttingen beteiligen sich an dem Klimastreik.

Sternmarsch zum Neuen Rathaus

„Wir haben keine Zukunft, wenn die Politik so weiter macht“, sagte Nele Witte. Die Politik müsse nun endlich die Forderung der Wissenschaftler umsetzen, um den Klimawandel zu stoppen. Dieser Forderung wolle sie Nachdruck verleihen. Die 17-jährige Schülerin vom Felix-Klein-Gymnasium hatte an ihrer Schule der Sternmarsch zum Neuen Rathaus organisiert. Mehr als 300 Schüler schlossen sich ihr während der Unterrichtszeit an.

„Das sind Fehlzeiten, die entschuldigt werden müssen“, sagte FKG-Schulleiter Michael Brüggemann. Anders etwa als Schulleiterkollege Tom Wedrins von der Geschwister-Scholl-Gesamtschule hatte er seine Schüler nicht beurlaubt.

Imke Noa war das egal, wie dem Rest ihrer Klasse auch. „Es ist meine erste Demo. Aber ich stehe voll hinter den Zielen“, sagte sie. Jeder könne etwas gegen den Klimawandel tun und seien es nur Kleinigkeiten. Sie achte vermehrt darauf, das Licht nicht unnötig brennen zu lassen, oder darauf, weniger zu verbrauchen. Auch sei sie dazu übergangen, ihre Kosmetikprodukte selbst herzustellen, sagte sie.

Bunte und laute Auftaktkundgebung

Der Platz vor dem Neuen Rathaus füllte sich gegen Mittag schnell und war für die große Anzahl an Teilnehmern rasch zu klein. Immer mehr Demozüge von den Schulen und auch Kindergärten trafen mit ihren bunten Transparenten, Schildern und Fahnen ein und wurden von den bereits anwesenden mit laut mit Applaus, Jubel und Trommeln begrüßt.

Längst waren die Schüler, wie noch bei den vorangegangenen Klima-Demos in Göttingen, nicht mehr nur unter sich. Viele Erwachsene – Eltern und die Gruppe „Parents for Future“, Lehrer, Erzieher, Rentner, Berufstätige und Studenten – mischten sich unter die Demoteilnehmer.

„Ich kann es nicht lassen. Schon gar nicht, wenn es um so ein wichtiges Thema geht. Da muss ich doch dabei sein“, sagte etwa Christa Schwalbe, ehemaliges Ortsratsmitglied der Grünen in Geismar. Auch Ratspolitiker – SPD, Grüne, Linke, Die Partei – nahmen an der Auftaktkundgebung teil. „Klimaschutz ist uns ein wichtiges Thema“, sagte der Ratsvorsitzende Christian Henze (SPD). Es sei keineswegs nur ein Thema der Grünen.

„Der Streik ist unsere Antwort auf eure Politik“

„Es bleibt uns keine Zeit. Es muss sich etwa ändern. Wir müssen endlich handeln“, sagte Fridays-for-Future-Sprecher Leonard Krayer bei der Auftaktkundgebung. Göttingen habe am Freitag den Beweis erbracht, dass es ihnen ernst sei mit ihren Forderungen. „Der Streik ist unsere Antwort auf eure Politik“, sagte Krayer.

Susanne Kienapfel vom Hainberg-Gymnasium bekannte, dass ihre Generation in der Vergangenheit „nicht achtsam“ gehandelt habe und „verschwenderisch“ mit Ressourcen gewesen sei. Den streikenden Schülern bescheinigte sie nach vielen Gesprächen mit ihnen, „ernsthaft besorgt“ und willens zu sein, „etwas zu verändern“. Beschuldigungen und Anfeindungen gegen sie seien haltlos. „Wenn die Erwachsenen sich von euch angegriffen fühlen, dann ist das doch gut.“ Und sollte es wegen der Streiks doch einmal schlechte Noten hageln: „Tragt sie wie eine Urkunde“, sagte Kienapfel. „Meinen Segen habt ihr.“

Demozug durch die Innenstadt

Vom Neuen Rathaus aus setzte sich der lange Demozug durch die Innenstadt in Bewegung. Antifaschistische Gruppen mit ihren Transparenten bildeten die Spitze der Demo.

Der gut zweistündige Marsch führte durch die Weender Straße über die Berliner und Bürger Straße zurück zum Neuen Rathaus. Als die Spitze des Zuges bereits in der Berliner Straße war, befand sich sein Ende immer noch am Gänseliesel.

An den wichtigen Verkehrsknoten gab es kurze Zwischenkundgebungen. Die Polizei hatte den Autoverkehr großräumig umgeleitet. In der Berliner Straße und später auf der Bürgerstraße staute sich der Autoverkehr aber doch. Sehr zum Unmut der Autofahrer. „Ihr Idioten“ rief einer der Demo entgegen. Die konterte mit: „Es gibt keinen Grund, ein SUV zu fahren.“

Nach einer kurzen Abschlusskundgebung auf der Kreuzung am Geismar Tor blockierten Demoteilnehmer die viel befahrene Kreuzung, „um einen Teil von Göttingen lahmzulegen“, wie ein Sprecher erläuterte. Nach gut zwei Stunden lösten sie die Blockade auf.

Zuvor hatte ein Mitglied der Scientist for Future noch einmal deutlich gemacht, dass der Klimawandel vom Menschen gemacht sei. 97 Prozent der Wissenschaftler seien sich hier einig. Nun sei es „essenziell“, „enormen Druck“ auf die Politik auszuüben. Es seinen über Jahre Chancen vertan worden, dem Klimawandel Einhalt zu gebieten.

Fridays for Future“ zieht positives Fazit

Am Ende des Demotages hat die Göttinger „Fridays-for-Future“-Gruppe ein positives Fazit gezogen. Der Aufruf an alle und nicht nur an Schüler, auf die Straßen zu gehen und für eine gerechtere Klimapolitik zu kämpfen, „hat uns unglaublich viele Mit-Demonstrierende gebracht und dafür gesorgt, dass es heute der größte Fridays-for-Future-Streik in Göttingen und besonders auch in Deutschland war“, sagte Sprecherin Ylva Mahnhardt. „Es ist toll, zu sehen, wenn so viele Menschen für unsere Zukunft kämpfen.“

Pauline Giesbert aus der Ortsgruppe fügte hinzu:„Der Streik zeigte, dass wir immer noch höchst motiviert sind und uns nichts mehr gefallen lassen, wir wollen eine Zukunft haben, für alle auf dieser Welt und wir stehen dafür ein: heute, morgen und in der Zukunft.“ Die Gruppe begrüße spontane Aktionen des zivilen Ungehorsams, wie die Besetzung der Kreuzung am Geismar Tor, um der Klimakrise die Aufmerksamkeit zu geben, die diese brauche. Die Ortsgruppe solidarisiert sich mit den Blockierern.

Auch die Göttinger Polizei zog ein positives Fazit. Am Abend sprach sie von einem reibungslosen Verlauf der Demo ohne besondere Vorkommnisse.

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„Wandel der Gesellschaft“ ist Voraussetzung

Klimaschutz setzt einen Wandel der gesamten Gesellschaft voraus“, sagte Göttingens Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler am Freitag. Wichtige Aufgabe sei es daher, mit allen gesellschaftlichen Gruppen über Wege aus der Klimakrise in engem Austausch zu stehen. Dazu gehörten aus Sicht Köhlers gemeinsame öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen, wie die jährlichen Klimaschutz-Tage, aber auch der regelmäßige und intensive Kontakt mit Initiativen, Bürgern und Institutionen.

Eine Plattform biete hier etwa der Klimaschutz-Beirat, der die Breite der Stadtgesellschaft vertrete und die Politik bei klimarelevanten Entscheidungen berate. „Klimaschutz beginnt vor Ort, muss aber auch übergreifend verankert werden, um effektiv wirken zu können. Er ist vor allem eine Querschnittaufgabe, die nicht auf einzelne Projekte beschränkt bleiben kann“, sagte Köhler. Entsprechend spiele der Klimaschutz in den Bereichen Verkehr und Stadtentwicklung eine immer wichtigere Rolle. Köhler: „Hier haben wir Konzepte wie den Klimaplan Verkehrsentwicklung erarbeitet, dessen Maßnahmen derzeit umgesetzt werden.“

Streik in Südniedersachsen und im ganzen Land

Niedersachsenweit waren am Freitag mehr als 100.000 Jugendliche und Erwachsene in mehr als 70 Orten auf Klimademos unterwegs. In Südniedersachsen gab es unter anderem Demos in Hann. Münden, Duderstadt, Einbeck, Northeim und Uslar.

Die größte Demo in Niedersachsen gab es mit rund 30.000 Teilnehmern in Hannover. Dort sagte der 57-jährige evangelische Landesbischof Ralf Meister, dass seine Generation zu lange ignoriert habe, was auf dem Spiel stehe. Er lobte den Ideenreichtum der Jugendlichen. Sie hätten den Älteren gezeigt, dass sie heute von der jüngeren Generation lernen müssten.

In Oldenburg beteiligten sich rund 10.000 Teilnehmer, in Braunschweig waren es rund 7.000 Demonstrierende. In Osnabrück übergaben 4.500 Demonstranten eine Resolution mit Forderungen an die Stadt. In Bremerhaven demonstrierten rund 4.000 Menschen, in Lüneburg 3.000.

Streikwoche mit Klimacamp

Nach dem Streik ist vor dem Streik: Für die kommende Woche vom 23. bis 27. September hat die Göttinger Fridays-for-Future-Ortsgruppe eine Streikwoche angekündigt. „In dieser Zeit werden wir den Unterricht bestreiken und stattdessen ein Klimacamp vor dem deutschen Theater aufziehen. In Zusammenarbeit mit anderen Göttinger Klimaschutzgruppen bieten wir viele Vorträge und Workshops an, zu denen wir alle Interessenten herzlich einladen“, sagte Paula Lüers von der Gruppe.

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Von Michael Brakemeier / EPD

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